Sieben Wochen bleiben.
Neuendorf sollte jetzt tun, was er bisher nur gesagt hat: Er sollte einen formellen Dringlichkeitsantrag im DFB-Präsidium einbringen, der die Ablehnung der FFE-Gründung bindend beschließt und den DFB verpflichtet, auf eine außerordentliche Konferenz der europäischen Nationalverbände hinzuwirken, die den Deal mit einer organisierten Gegenmehrheit stoppt.
Kernpunkte
- Die FIFA hat den 211 Mitgliedsverbänden eine Frist bis zum 19. September 2026 gesetzt, um der FFE-Gründung zuzustimmen; eine einfache Mehrheit reicht zur Umsetzung.
- Neuendorf hat den Plan öffentlich als „fatales Zeichen" und „nicht zustimmungsfähig" bezeichnet, einen formellen DFB-Präsidiumsbeschluss gibt es bislang nicht.
- Die UEFA und ihre 55 Mitgliedsverbände haben den Vorschlag einstimmig abgelehnt und ein Dringlichkeitstreffen einberufen; ein koordinierter Blockadekurs europäischer Verbände ist damit möglich.
- Neuendorf sollte den verbalen Widerstand in einen bindenden Beschluss überführen und als Brücke zwischen DFB-Präsidium und europäischer Allianz wirken — bevor die Frist das Schweigen zum Ja macht.
Der verbale Widerstand ist dokumentiert. Die Beschlusslage ist es nicht. Das ist der Unterschied, auf den es jetzt ankommt.
Drei Sitzungswochen trennen den DFB noch von der FIFA-Frist. Wer in der ersten einen Antrag einbringt, setzt den Rahmen; wer wartet, antwortet am Ende nur noch auf Vollzugsmeldungen.
Die Lage: Wie ein Verbandschef aus der Presse erfuhr, was ihn direkt betrifft
Gianni Infantino präsentierte die FFE-Pläne, ohne den FIFA-Council vorab einzubinden. Neuendorf, der dem Council angehört, erfuhr von dem Vorhaben nach eigenen Angaben aus der Presse. Das ist kein Stilproblem — es ist ein Governance-Defekt, der Neuendorfs Position im Council strukturell schwächt: Wer als Council-Mitglied nicht informiert wird, kann keine geordnete Gegenstimme vorbereiten.
Die Struktur des Deals macht die Sache drängender. Die FFE soll bis zu 20 Prozent der kommerziellen WM-Rechte bündeln und an externe Kapitalgeber verkaufen; als ein möglicher Investor gilt laut Medienberichten Thrive Eternal, ein Investmentvehikel von Joshua Kushner. Die FIFA erhofft sich daraus bis zu 4,2 Milliarden US-Dollar. Zur Umsetzung braucht sie eine einfache Mehrheit der 211 Mitgliedsverbände — keine Zweidrittelmehrheit, keine Satzungsänderung, keine außerordentliche Konferenz. Wer nichts tut, riskiert, dass der Deal durch schlichtes Nichtwidersprechen zustande kommt.
Neuendorf hat dazu klare Worte gefunden: Es sei ein „fatales Zeichen", die WM für Investoren zu öffnen; der Fußball lebe von der Akzeptanz der Gesellschaft; er dürfe nicht zum „Spielball von Investoren" werden. Er hat das DFB-Unterstützungsschreiben für Infantinos Wiederwahl nicht unterschrieben. Das sind starke Signale — aber Signale entfalten in FIFA-Gremien keine Bindungswirkung. Ein Präsidiumsbeschluss tut das.
Der Zug: Beschluss + Allianz
Neuendorf sollte zweigleisig vorgehen. Erstens: den Dringlichkeitsantrag im DFB-Präsidium einbringen — als formellen Organisationsentscheid, der den DFB auf strikte Ablehnung der FFE-Statuten festlegt und Neuendorf als Council-Mitglied auf eine Gegenstimme verpflichtet. Der erste Schritt ist die Formulierung eines solchen Antrags binnen der nächsten Sitzungswoche; der Beschluss selbst wäre binnen Tagen herbeiführbar und wäre sofort öffentlich überprüfbar.
Zweitens: auf eine außerordentliche Konferenz der europäischen Nationalverbände hinwirken, die eine koordinierte Blockadehaltung beschließt. Die UEFA hat ein Dringlichkeitstreffen bereits einberufen und die Ablehnung der Investorenpläne einstimmig erklärt. 55 europäische Verbände, die geschlossen gegen den Deal stimmen, sind eine realistische Gegenmehrheit — wenn sie koordiniert auftreten. Neuendorf sitzt als DFB-Chef und Council-Mitglied genau an der Schnittstelle, die diesen Schulterschluss organisieren kann.
Doppel-Test: Gut für Neuendorf, gut für die Sache
Aus Neuendorfs eigener Zielfunktion — den Fußball eigenständig halten, Fan-Akzeptanz sichern — ist der Zug zwingend. Wer „nicht zustimmungsfähig" sagt und keinen Gegenbeschluss herbeiführt, riskiert, dass die Kritik als Geste verbucht wird. Einen bindenden Beschluss zu unterzeichnen ist die einzige Handlung, die den Worten Gewicht gibt.
An den drei Achsen wirkt der Zug positiv oder neutral: Die Demokratie-Achse ist nicht verletzt — ein Verband, der innerhalb seiner Satzung einen Beschluss fasst und eine Mehrheit organisiert, übt legitime Verfahrensmacht aus. Die Ökologie-Achse ist nicht berührt. Die Effizienz-Achse: Ein koordinierter Blockadekurs ist kurzfristig kostspielig in Verhandlungszeit, langfristig aber effizienter als ein nachträglicher Rechtsstreit über bereits veräußerte Rechte.
Stärkster Einwand: Das Mehrheitsproblem
Der härteste Einwand ist arithmetisch. Europa stellt 55 der 211 Mitgliedsverbände. Selbst ein geschlossenes europäisches Nein reicht für eine Blockade nur, wenn andere Kontinentalverbände mitziehen — der afrikanische Kontinentalverband CAF prüft die FFE-Initiative laut Berichten ohne klare Ablehnung. Eine einfache Mehrheit der 211 Verbände könnte die europäischen Stimmen überstimmen.
Das trifft. Aber es schwächt den Zug nicht: Genau deshalb ist die Allianz-Komponente kein optionaler Zusatz, sondern der Kern. CONCACAF hat Bedenken angemeldet; einige asiatische Verbände sind skeptisch. Ein geschlossener, früher und öffentlich dokumentierter Blockadekurs Europas verändert die Verhandlungslage gegenüber den Verbänden, die noch unentschieden sind — und er verändert den Druck auf Infantino, bevor die Frist läuft. Wer im September ohne europäischen Gegenbeschluss abstimmt, verhandelt schwächer.
Was zu tun wäre, wenn die Kritik stimmt
Neuendorf hat alles gesagt, was in dieser Sache zu sagen ist. Ein formeller Beschluss steht aus. Die Frist läuft am 19. September ab. Beides lässt sich ändern — das eine davon liegt in seiner Hand.
Prüfstein
- Adressat: Bernd Neuendorf, Präsident des Deutschen Fußball-Bundes und Mitglied des FIFA-Councils
- Zug: Dringlichkeitsantrag im DFB-Präsidium einbringen, der die Ablehnung der FFE-Gründung bindend beschließt, und auf eine koordinierte außerordentliche Konferenz europäischer Nationalverbände zur Blockade des Deals hinwirken
- Frist: 19.09.2026
- Prüfstein: Der DFB veröffentlicht bis zum 19. September 2026 einen Präsidiumsbeschluss, der jede Zustimmung zur FFE untersagt und den Schulterschluss mit europäischen Verbänden dokumentiert — ja oder nein.
