Ende Juni 2026 lief der Tankrabatt aus. Energiepreise sprangen im Juli auf plus 8,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr — im Juni hatte derselbe Wert noch bei 3,4 Prozent gelegen. Die Inflationsrate kletterte von 2,3 auf 2,8 Prozent. Die Reaktion aus Berlin: Das sei ein Basiseffekt, ein technischer Sprung, temporär.

Das ist die Version, die sich gut erzählt. Sie stimmt nur halb.

Der Tankrabatt hat die Inflation im Juni messbar gedämpft — die Bundesbank schätzte den Effekt auf rund einen Viertelprozentpunkt. Sein Wegfall erklärt also einen Teil des Juli-Anstiegs. Aber der Satz endet dort nicht. Der Iran-Krieg hält Ölpreise auf einem Niveau, das keine Schnittblume ist, sondern ein Fundament. Die Kerninflation — ohne Energie und Nahrungsmittel — lag im Juli bei 2,4 Prozent, im Juni lag sie bei 2,4 Prozent. Sie bewegt sich kaum. Das ist der Befund, den die Basiseffekt-Rhetorik überschreibt: Die Teuerung ist keine Spitze, die sich wegrechnet. Sie ist breit.

Das Kriterium ist Effizienz. Auf dieser Achse lautet die Frage nicht, ob die Inflationsrate hübsch klingt, sondern ob staatliche Instrumente so eingesetzt werden, dass sie ihren eigenen Preis nicht externalisieren. Der Tankrabatt war genau das Gegenteil: eine fiskalpolitische Subvention, die Preissignale nach unten verbog, Nachfrage künstlich stützte und den Anpassungsdruck verzögerte — um ihn beim Auslaufen konzentriert zurückzugeben. Der Effekt war vorhersehbar. Er wurde vorhergesagt. Er ist eingetroffen.

Jetzt das stärkste Argument der anderen Seite: Die Bundesregierung hatte politisch keine Wahl. Die Energiekosten 2022 waren real ruinös für Haushalte mit niedrigen Einkommen, die Subvention war sozialpolitisch begründet, und ein Instrument mit Ablaufdatum ist keine Mogelpackung — es ist Pragmatismus. Außerdem: Hätte die Regierung nicht interveniert, wären die Preissprünge früher und schärfer eingeschlagen, mit womöglich größeren Zweitrundeneffekten. Wer das ignoriert, argumentiert gegen eine Strohmann-Politik.

Das trägt. Aber es trägt nicht weit genug. Der Einwand beschreibt die Legitimität der Entscheidung von 2022 — nicht die Redlichkeit der Kommunikation danach. Denn das Muster, das sich jetzt zeigt, ist nicht der Tankrabatt selbst, sondern seine Nachbehandlung: Eine temporäre Maßnahme, deren Auslauf-Effekte als temporärer Effekt der Statistik verkauft werden. Das eine war Pragmatismus. Das andere ist Sprachpolitik.

Die EZB hat am 11. Juni 2026 die Leitzinsen um 25 Basispunkte angehoben — erstmals seit einem Jahr. Am 23. Juli hat sie pausiert. Die geldpolitischen Beschlüsse vom Juli verweisen auf „datenabhängige" Entscheidungen; die Projektionen vom Juni sehen für 2026 eine Gesamtinflation von 3,0 Prozent und Wirtschaftswachstum von 0,8 Prozent. Das ist keine Kombination, die Spielraum für Triumphalismus lässt. Zinspolitik wirkt mit Verzögerung — sechs bis achtzehn Monate, je nach Modell, je nach Transmissionskanal, je nach Erwartungsklima. Die EZB kann angebotsgetriebene Energiepreissprünge nicht wegzinsen. Sie kann Zweitrundeneffekte dämpfen, das heißt: sie kann verhindern, dass aus einem Energiepreisschock eine Lohn-Preis-Spirale wird. Das ist ihr Instrument. Es ist stumpfer als die politische Rede darüber suggeriert.

Was nicht ihr Instrument ist: die fiskalische Entscheidung, einen Tankrabatt einzuführen, ihn auslaufen zu lassen und den Effekt dann als externe Störgröße zu behandeln. Das ist eine nationale Zuständigkeit. Sie liegt in Berlin, nicht in Frankfurt.

Das ifo Institut rechnete im April 2026 mit einer deutschen Inflationsrate von durchschnittlich 2,8 Prozent für das Gesamtjahr — getragen von verzögerten Weitergaben von Energiekosten. Die Zahl war kein Geheimnis. Die EZB-Projektionen vom Juni gehen für 2027 von 2,3 Prozent, für 2028 von 2,0 Prozent aus. Das ist die institutionelle Erwartung: langsamer Rückgang, kein rascher Schnitt. Gut darin, Prognosen zu veröffentlichen — und deutlich schwächer darin, die politischen Konsequenzen daraus zu ziehen, ehe die Daten es erzwingen.

Der Befund ist einfach. Die Inflationsrate liegt über dem EZB-Ziel. Die Energie­preise steigen strukturell, weil ein Krieg die Märkte verengt. Die Kerninflation klebt bei 2,4 Prozent. Die EZB wartet auf Daten, die Bundesregierung wartet auf Normalisierung, und beide warten darauf, dass die Verbraucher aufhören, die Teuerung zu bemerken.

Die Verbrauchererwartungen für die kommenden zwölf Monate lagen im Juni 2026 bei 3,0 Prozent. Die Verbraucher warten nicht.