Damals meldeten Betriebe fast 577.000 Stellen; 2025 sind es noch rund 530.300. Das sind nicht nur Zahlen einer Konjunkturdelle — es ist ein Systemschnitt, der sich durch drei Krisenjahre zieht und seitdem nicht geschlossen hat.
Auf 100 gemeldete betriebliche Ausbildungsstellen kamen im Berichtsjahr 2024/25 rechnerisch 93 Bewerberinnen und Bewerber. Damit klingt der Markt entspannt: mehr Stellen als Nachfrage. Der Eindruck täuscht. Denn das Verhältnis verbessert sich nicht, weil mehr Jugendliche einen Platz finden — sondern weil das Angebot schneller schrumpft als die Zahl der Suchenden.
Der Mechanismus dahinter: Unternehmen entscheiden nicht auf Basis von Fachkräftebedarf in zehn Jahren, sondern auf Basis des Auftragsklimas heute. Die DIHK-Ausbildungsumfrage 2026 zeigt, dass 29 Prozent der Betriebe im laufenden Jahr weniger Stellen anbieten als im Vorjahr, nur 13 Prozent mehr. Als häufigster Einzelgrund nennen 46,7 Prozent der Rückbau-Betriebe konjunkturellen Personalbedarf — gegenüber 43 Prozent im Vorjahr. Die wirtschaftliche Stagnation zieht also nicht nur Investitionsbudgets zurück, sondern auch Ausbildungsstellen.
Zwei Muster, ein Markt.
Das erklärt den Rückgang auf der Angebotsseite. Es erklärt nicht, warum gleichzeitig so viele Stellen unbesetzt bleiben. Im September 2025 waren noch 54.000 betriebliche Stellen ohne Kandidat — das entspricht elf Prozent des gesamten Angebots. Dieser Widerspruch ist kein Paradox, sondern das Symptom eines gespaltenen Markts.
Im Gastgewerbe zeigt er sich am deutlichsten. Knapp 49 Prozent der ausbildenden Gastronomiebetriebe konnten ihre Stellen 2024 nicht besetzen; bei rund 30.000 Unternehmen gab es nicht eine einzige Bewerbung. Für den Ausbildungsberuf Koch und Köchin wurden 2023 nur noch 7.317 neue Verträge abgeschlossen — ein Rückgang um 25 Prozent gegenüber 2013 und um 55 Prozent gegenüber 2003. Lebensmittelberufe zeigen einen ähnlichen Verlauf.
Das ist keine Bewerberflucht ins Ungewisse. Wer Küchen- oder Bäckerausbildung meidet, macht eine Abwägung — Arbeitszeiten, Entlohnung, Planbarkeit. Das BIBB hat wiederholt darauf hingewiesen, dass Passung nicht nur geografisch oder qualifikatorisch scheitert, sondern an Arbeitsbedingungen, die für Bewerber schlicht unattraktiv sind. Branchen, die das Werben nach außen intensivieren, aber die Bedingungen nicht verändern, werden den Trend nicht umkehren.
Regional gespiegelt.
Auf Länderebene zeigt sich die Asymmetrie konkret. In acht Bundesländern überstieg das gemeldete Stellenangebot die Bewerberzahl zum Stichtag 30. September 2025. In Berlin und Hessen war es umgekehrt: Dort fehlten betriebliche Stellen. Thüringen und Bayern hatten rechnerisch die günstigste Bewerber-Stellen-Relation; Stadtstaaten zeigen traditionell engere Märkte, weil Betriebsdichte und Bevölkerungsdichte divergieren.
Für die 40.000 unversorgten Bewerberinnen und Bewerber ist diese regionale Verteilung nur bedingt tröstlich. 40.000 — das ist der höchste Stand seit 2007, ein Anstieg von 9.000 Personen gegenüber dem Vorjahr. Wer in einem strukturschwachen Landkreis lebt, in dem kein Gastronomiebetrieb mehr ausbildet und kein Handwerk mehr wirbt, hat wenig von der Bundesrelation.
Der KMU-Faktor.
Kleine und mittlere Betriebe stellen traditionell den Kern des dualen Systems. Die Ausbildungsbetriebsquote — der Anteil der Betriebe, die überhaupt ausbilden — sank 2023 auf einen Tiefstand von 18,9 Prozent. Das ist der eigentliche Langzeitindikator: Nicht nur, wie viele Stellen angeboten werden, sondern wie viele Betriebe überhaupt noch dabei sind. Jeder Betrieb, der aufhört auszubilden, fehlt systemisch — er bringt keine Bewerber in den Markt, trägt nicht zur Berufsorientierung bei, schafft keine Übernahmen.
Handwerkskammern berichten von stagnierenden Umsätzen und schwachem Auftragsklima. Wer als Meisterbetrieb nicht weiß, ob nächstes Jahr die Auftragslage trägt, zögert, einem Auszubildenden drei Jahre Stabilität zu versprechen. Das Bundesprogramm „Ausbildungsplätze sichern" bot temporäre Prämien von bis zu 6.000 Euro für KMU, die ihr Niveau halten oder erhöhen — Sofortmaßnahme, kein Strukturmittel.
Was das System trägt — und wo es reißt.
Das duale System ist ein Gleichgewichtsmechanismus: Wenn Angebot und Nachfrage, Ausbildungsberufe und Erwerbswünsche, Betriebsgröße und Berufsschulkapazität zusammenpassen, funktioniert es außerordentlich gut. Es trägt aber nur, solange die Betriebsquote nicht weiter fällt. Unter 18,9 Prozent ist der Riss sichtbar — und er verläuft nicht gleichmäßig, sondern entlang von Branchen, die ohnehin unter Margendruck stehen.
Bis September 2025 haben nur 43 Prozent der registrierten Bewerberinnen und Bewerber tatsächlich eine Ausbildung begonnen — der geringste Wert seit mindestens 25 Jahren. Der Rest wechselt in Schulen, Praktika, Übergangsmaßnahmen oder verlässt den Bildungsradar ganz.
Ob das System kippt oder sich stabilisiert, lässt sich an einer messbaren Größe ablesen: der Ausbildungsbetriebsquote im Berufsbildungsbericht 2027. Fällt sie unter 18 Prozent, haben strukturelle Faktoren — Betriebskonzentration, Branchensterben, veränderte Unternehmensstrategien — die konjunkturelle Delle überholt. Hält sie, wäre das ein Indiz, dass Förderprogramme und nachlassender Kostendruck das Angebot stabilisieren. Die Antwort liegt in zwei Jahren vor.
