Es gibt einen Satz, den Bayreuths Kurator Marcus Lobbes als Beruhigung gemeint hat: Das Werk „wird gespielt, wie es ist", ohne Eingriffe. Was wie Bescheidenheit klingt, ist die Kapitulationserklärung des Konzepts. Wer die Bühne der Bühne überlässt – weil er sie einer Maschine überlässt, die aus historischen Fotografien, früheren Inszenierungen und Zeitgeschichte montiert –, hat keine Regie gemacht. Er hat die Regiestelle vakant gelassen und die Vakanz technisch kaschiert.

Der Orchestergraben unter Thielemann spielte dagegen, als gäbe es kein Morgen. Das Festspielorchester zog durch das Rheingold-Vorspiel, als tastete es nach dem Urgrund, und Michael Volle sang einen Wotan, dem man die Müdigkeit des Mächtigen glaubte. Das ist der Widerspruch, der sich Abend für Abend auf dem Grünen Hügel materialisierte: unten vollständige künstlerische Kontrolle, oben vollständige Abwesenheit davon.

Das stärkste Argument der Gegenseite verdient Ausführung. Wer für das Experiment eintritt, kann sagen: Die Bayreuther Inszenierungsgeschichte hat immer den Schock gesucht. Wieland Wagners Entrümpelung nach 1951, Patrice Chéreaus sozialkritischer Jahrhundertring 1976 – beide ernteten zuerst Buhrufe, beide wurden später als Wendepunkte gefeiert. Warum also nicht die Maschine als nächste Zäsur? Das ist kein schwaches Argument. Es wäre sogar überzeugend, wenn das vorliegende Experiment ein Konzept trüge – eine These, eine Haltung, einen Blick auf den Stoff. Wieland Wagner hat entrümpelt, weil er eine Lesart des Werkes hatte. Chéreau hat politisiert, weil er wusste, welche Gesellschaft er auf der Bühne sehen wollte. Was hat die KI hier gesagt? Das Briefing der Initiatoren spricht von einem System, das aus Libretto, Zeitgeschichte und früheren Inszenierungen schöpft – und in Drei-Minuten-Slots wechselnde Collagen produziert, die „dynamisch auf Musik und Gesang reagieren". Das klingt nach Konzept. Es ist ein Datenverarbeitungsversprechen.

Die Rezensionen liegen neben dem Pressebriefing wie zwei Berichte aus verschiedenen Abenden. Der Tagesspiegel beschreibt „ein Gewitter an seltsamen, hässlichen, banalen, kitschigen, farbverwirrten KI-Bildkompositionen". Nachtkritik notiert, dass die Bilder die Handlung nicht reflektieren. Die Süddeutsch-Westpresse schreibt, Rheingold gehe in der KI-Bilderflut „fast unter". Selbst wer Mildes attestiert, lobt die Musik. Das ist kein Zufall und kein generationeller Geschmackskonflikt: Das Publikum unterscheidet sehr wohl zwischen dem, was es sieht und was es hört – und beurteilt beides getrennt, weil beides getrennt ist.

Gut darin, Assoziationsräume zu generieren; deutlich schwächer darin, einen dramatischen Gedanken zu führen. Das ist keine Kritik an KI-Technologie als solcher, sondern eine Bestandsaufnahme dessen, was passiert, wenn generative Bildgebung ohne Dramaturgie eingesetzt wird. Wagner hat in seiner Schrift „Das Kunstwerk der Zukunft" das Gesamtkunstwerk als Einheit von Musik, Wort und Bild entworfen – nicht als Addition dreier autonomer Kanäle. Was Bayreuth 2026 gezeigt hat, war das Gegenteil: ein Kanal, der autonom läuft, und zwei andere, die ihn tragen, als wäre er nicht da.

Dazu kommt das Finanzierungsbild. Die Festspiele erhalten rund 30 Millionen Euro öffentliche Mittel pro Jahr; Bund und Freistaat Bayern sind je mit 36 Prozent Hauptgesellschafter, die Stadt Bayreuth hält 15 Prozent. Für 2026 sicherten Bund und Freistaat eine Million Euro zusätzlich zu. Wie viel davon das KI-Experiment kostet, ist nicht ausgewiesen – die Kosten gehen im allgemeinen Produktionsbudget auf. Das wäre keine Kritik, wenn das Ergebnis stünde. Es ist eine Kritik, weil öffentliche Mittel hier nicht nur ein Experiment subventionieren, sondern ein Experiment, das nach der Premiere technisch und dramaturgisch „nachgebessert" werden musste – ein stilles Eingeständnis, dass die Ersteröffnung nicht das war, was sie hätte sein sollen.

Das Bühnenbild der Walküre wurde nach den Reaktionen auf das Rheingold angepasst. Angepasst – nicht überarbeitet, nicht neu gedacht. Das System läuft weiter, die Projektoren laufen weiter, und wer die zweite Vorstellung sah, sah eine korrigierte Version des gleichen Experiments. Das ist der Unterschied zwischen einer Inszenierungsentscheidung und einem Softwareupdate.

Bayreuth hat in diesem Jubiläumsjahr eine Frage gestellt, die legitim ist: Was kann Technologie dem Musiktheater geben? Die Antwort, die der Grüne Hügel geliefert hat, lautet: beliebig skalierbare Bildmassen ohne Haltung. Thielemann hat im Graben gespielt, als trüge er das Stück allein. Er hat es getragen. Die KI war Dekoration – sehr aufwändige, öffentlich mitfinanzierte Dekoration, die ihrem eigenen Rauschen nicht entkam.