Kernpunkte
- Die Frühstart-Rente zahlt ab 2027 zehn Euro monatlich auf Kinderdepots, rückwirkend ab 2026 für den Geburtsjahrgang 2020 — insgesamt bis zu 1.440 Euro staatliche Förderung pro Kind über zwölf Jahre.
- Neobroker und Direktbanken werben bereits aggressiv mit Kinderdepots als Frühstart-Renten-Vehikel, obwohl weder Zulassungskriterien noch zertifizierte Produkte feststehen.
- Der gesetzlich vorgesehene Gebührendeckel von einem Prozent der Anlagesumme pro Jahr schützt nur bedingt: Transaktionskosten, Spread-Erlöse und Produktkosten der ETFs können diesen Rahmen ausschöpfen, ohne dass Eltern den Effekt klar sehen.
- Wer kein Depot eröffnet, landet automatisch im Bundesbank-Sammeltopf — ein Mechanismus, der Anreize für schnelle Depoteröffnung schafft und damit genau das Kundengewinnungsinteresse der Anbieter bedient.
Scalable Capital und Trade Republic haben ihre Kinderdepots längst bewerbungsreif — Produktseiten, Rechenbeispiele, Wartelisten. Das Frühstartrentengesetz hat der Bundestag noch nicht verabschiedet. Das Bundeskabinett hat einen Referentenentwurf des Bundesministeriums der Finanzen beschlossen; der genaue gesetzliche Rahmen, die Zulassungsvoraussetzungen für Depotanbieter und die Liste zertifizierter Produkte stehen aus. Was feststeht: Ab 1. Januar 2027 soll der Staat für jedes Kind zwischen sechs und achtzehn Jahren zehn Euro monatlich in ein zertifiziertes Altersvorsorgedepot überweisen, rückwirkend ab 2026 für Kinder des Jahrgangs 2020. Eltern, Großeltern und Dritte können zusätzlich bis zu 6.840 Euro im Jahr einzahlen. Auf das Kapital besteht bis zur Regelaltersgrenze kein Zugriff.
Das Marktvolumen der staatlichen Transfers ist überschaubar: Für den Startjahrgang 2020 fließen 120 Euro im ersten Jahr — zwölf Monate à zehn Euro —, in den Folgejahren kommen sukzessive weitere Jahrgänge hinzu. Schätzungen, die in der Debatte kursieren, beziffern die Kosten einer sofortigen Förderung aller Jahrgänge auf rund eine Milliarde Euro; die gestaffelte Einführung drückt das Anfangsvolumen erheblich. Für die Neobroker bedeutet das: Der direkte Förderfluss ist kein Massengeschäft. Wertvoll ist etwas anderes.
Die eigentliche Währung ist das Elterndepot.
Fast jeder zweite Depotbesitzer in Deutschland nutzt laut Kantar-Daten aus dem Online-Brokerage-Monitor 2026 bereits einen Neobroker, überproportional die unter Vierzigjährigen — genau die Altersgruppe, die gerade Kinder im Frühstart-Alter hat oder bekommt. Ein Kinderdepot ist in dieser Logik kein eigenständiges Produkt, sondern ein Akquisitionskanal: Wer für das Kind ein Depot eröffnet, bringt oft auch eigene Ersparnisse mit. Oder bleibt zumindest als Kunde in der App, wenn das Kind längst Erwachsener ist.
Trade Republic erstattet bei drei Vanguard-ETFs die laufenden Fondskosten, bewirbt das als „Trade Republic Kindergeld" und ermöglicht Sparpläne ab einem Euro. Scalable Capital bietet im Modell „Scalable Wealth" keine Verwaltungsgebühr bis zur Volljährigkeit; die Produktkosten der ETFs laufen dennoch. Im „Scalable Broker" werden bei 200 ETFs die TER-Kosten erstattet. Die DKB führt Kinderdepots kostenfrei, berechnet aber 1,50 Euro pro Sparplanausführung — bei einem Staatszuschuss von zehn Euro im Monat ist das eine Transaktionskostenquote von fünfzehn Prozent auf den Förderanteil allein, sofern der Betrag als separate Ausführung bucht. Maxblue der Deutschen Bank nimmt 0,25 Prozent des Ordervolumens, mindestens 8,90 Euro je Transaktion — ein Strukturproblem für kleine Beträge. ING und 1822direkt werben mit kostenfreier Depotführung und ETF-Sparen ohne Ausführungsgebühr.
Der Vergleich der Depotgebühren hat jedoch eine Leerstelle: Alle diese Konditionen beziehen sich auf bestehende Kinderdepots, nicht auf zertifizierte Frühstart-Renten-Depots, denn die existieren noch nicht. Was das Gesetz bisher vorsieht: Anbieter dürfen bis zur Volljährigkeit des Kindes keine Abschluss- und Vertriebskosten erheben. Und es gibt einen Gebührendeckel von einem Prozent der Anlagesumme pro Jahr, inklusive Kauf- und Verkaufsgebühren.
Ein Prozent klingt wenig. Auf einen eingezahlten Bestand von 1.000 Euro sind das zehn Euro — genau ein Jahresbeitrag der staatlichen Förderung. Wer rechnet, sieht: In den Anfangsjahren, wenn das Depotvolumen gering und die Transaktionskosten relativ am höchsten sind, kann der Deckel vollständig ausgeschöpft sein, bevor eine einzige Eigeneinlage der Eltern anfällt. Hinzu kommen Kosten, die der Deckel möglicherweise nicht erfasst: Spreads beim Kauf über außerbörsliche Handelsplätze, wie sie Neobroker typischerweise nutzen, und die laufenden Fondskosten (TER) der ETFs, die auf Produktebene anfallen und nicht als Depotgebühr ausgewiesen werden.
Die Verbraucherzentrale hat zu Neobroker-Modellen generell darauf hingewiesen, dass die günstige Depotführung über Spread-Erlöse und Orderrouting querfinanziert wird — ein Mechanismus, der bei monatlichen Kleinstbeträgen besonderes Gewicht hat, weil die relative Kostenlast mit sinkendem Ordervolumen steigt.
Die Riester-Referenz.
Wer wissen will, wie staatlich geförderte Kleinanlegerprodukte in der langen Laufzeit abschneiden können, wenn Kosten nicht konsequent begrenzt werden, schaut auf die Riester-Rente. Fondsgebundene Riester-Verträge haben nach Erhebungen des manager-magazin und der Stiftung Warentest regelmäßig schlechter abgeschnitten als ungebundene ETF-Sparpläne, weil Abschlusskosten, Verwaltungsgebühren und Garantiekosten einen erheblichen Teil der Rendite abschöpften. Die Beitragsgarantie zwang Anbieter in konservative Anlageklassen, was die Aktienmarktrendite über lange Zeiträume kappte. Die Frühstart-Rente bricht mit der Garantiepflicht: Das Geld wird vollständig am Kapitalmarkt angelegt, standardmäßig zu hundert Prozent in Aktien, wenn Eltern kein eigenes Depot eröffnen — dann verwaltet die Deutsche Bundesbank die Mittel kollektiv. Die Renditechancen sind damit strukturell besser als beim Riester-Pendant. Ob die Kostenseite besser wird, hängt von der Ausgestaltung der Zulassungskriterien ab, die noch nicht veröffentlicht sind.
Focus online hat errechnet, dass ein Kind, das ausschließlich die staatlichen zehn Euro monatlich über zwölf Jahre erhält und diese bis zum Rentenalter liegen lässt, bei einer angenommenen Rendite von sieben Prozent auf rund 9.100 Euro kommt. Das ist kein Versprechen — es ist ein Rechenbeispiel, das eine bestimmte Renditeerwartung und Null-Kosten unterstellt. Mit einem Prozent Jahresgebühr über den vollen Laufzeitraum bis 67 sinkt das Ergebnis merklich; wie stark, hängt vom Startpunkt und der Zinseszins-Dynamik über die Jahrzehnte ab.
Der Bundesbank-Mechanismus als Marketingturbo.
Das Gesetz sieht vor: Schließen Eltern bis zu einem bestimmten Zeitpunkt kein zertifiziertes Depot ab, fließen die staatlichen Beiträge in einen kollektiv verwalteten Topf der Deutschen Bundesbank. Das Kapital gehört dem Kind, aber es liegt in einem nicht individualisierten Vehikel. Für Neobroker und Direktbanken ist dieser Mechanismus ein Werbegeschenk: „Handeln Sie jetzt, sonst landet das Geld Ihres Kindes bei der Bundesbank" ist die implizite Botschaft jeder Kampagne. Ob das kollektive Vehikel für die meisten Kinder schlechter abschneidet als ein individuelles Depot bei einem teuren Anbieter, ist keine ausgemachte Sache — aber die Kommunikation zieht in eine Richtung.
Woran man in drei Monaten erkennt, ob die Analyse trägt: Der Bundestag wird das Frühstartrentengesetz voraussichtlich im Herbst 2026 verabschieden. Entscheidend ist, welche Gebührenbestandteile der Ein-Prozent-Deckel einschließt — erfasst er Spreads und Produktkosten oder nur explizite Verwaltungsgebühren? Und: Legen die Zulassungskriterien eine Mindest-Produktpalette fest, oder können Anbieter Kinderdepots ausschließlich mit Eigenmarken-ETFs oder teuren Fondsprodukten befüllen? Die Antwort auf diese beiden Fragen entscheidet, ob die Frühstart-Rente ein günstiges Einstiegsprodukt in den Kapitalmarkt wird — oder ein staatlich subventionierter Kundenbindungskanal mit versteckten Kosten.
