Die UBS kündigte im Juli 2026 ein neues Aktienrückkaufprogramm über 3 Milliarden US-Dollar an – unmittelbar bevor das Schweizer Parlament die Eigenkapitalanforderungen für Großbanken verschärfen könnte. Die geforderte Kapitalerhöhung könnte zwischen 20 und 37 Milliarden US-Dollar betragen; die Bank sitzt gleichzeitig auf einer CET1-Quote von 14,4 Prozent, die das eigene Ziel bereits überschreitet. UBS argumentiert, Aktienrückkäufe seien nötig, um im globalen Kapitalwettbewerb zu bestehen – verschweigt dabei, dass dieser Wettbewerb zu einem guten Teil aus vergleichbar schwach regulierten Konkurrenten besteht. Der Rückkauf ist kein Stabilitätszeichen, sondern ein politisches Signal: Wer Kapital ausschüttet, bevor es gebunden wird, schränkt den Handlungsspielraum des Gesetzgebers ein.
Sergio Ermotti hat die Integration der Credit Suisse im Sommer 2026 für nahezu abgeschlossen erklärt. 12,6 Milliarden Dollar Kosteneinsparungen wurden realisiert, unter 100.000 Mitarbeitende sind beschäftigt, alle Schweizer Kunden sind migriert. Die Botschaft dahinter ist eindeutig: Die Bank hat geliefert. Sie darf jetzt ausschütten.
Was Ermotti nicht sagt: Die Frage, ob die UBS tatsächlich stabil genug ist, entscheidet nicht er – sondern das Schweizer Parlament, das gerade über Eigenkapitalregeln debattiert, die das bisherige System fundamental verschieben würden. Mindestens 20 Milliarden Dollar zusätzliches Kapital könnte die Bank aufbringen müssen; manche Schätzungen reichen bis 37 Milliarden. Dieser Beschluss steht noch aus. Der Rückkauf läuft bereits.
Das stärkste Argument der anderen Seite verdient eine ehrliche Antwort. Wer Ermottis Position in ihrer besten Fassung nimmt, landet hier: Eine Bank, die gut verdient, muss überschüssiges Kapital nicht horten. Das schadet der Kapitaleffizienz, vertreibt Investoren und schwächt langfristig den Finanzplatz Schweiz. Die UBS ist bereits mit 14,4 Prozent CET1 kapitalisiert – über dem eigenen Ziel von rund 14 Prozent. Wer eine profitable, stabile Großbank zwingt, Kapital einzufrieren, das regulatorisch nicht gefordert ist, betreibt Symbolpolitik auf Kosten der Wettbewerbsfähigkeit. Das Argument hat Substanz. Die Frage ist nur, ob es die richtige Antwort auf die richtige Situation ist.
Und die Situation ist diese: Die Schweiz hat 2023 erlebt, was passiert, wenn eine systemrelevante Bank trotz scheinbar ordentlicher Quoten kollabiert. Die Credit Suisse scheiterte nicht an einer fehlenden CET1-Quote, sondern am Vertrauensverlust, an einer Governance, die jahrelang Risiken verschleierte, und an der Illusion, dass regulatorische Mindestkapitalisierung mit tatsächlicher Krisenresistenz gleichzusetzen sei. Die Schweizer Politik zog daraus die Konsequenz: Sie will, dass ausländische Töchter der UBS eigenständig kapitalisiert werden – nicht über die Konzernmutter gestützt, sondern mit eigenem CET1-Puffer. Das ist keine Symbolpolitik. Es ist die Lehre aus 2023.
Nun zur eigentlichen Pointe: Die UBS schüttet 3 Milliarden aus, bevor feststeht, wie viel sie halten muss. CEO Ermotti erklärte, das Tempo weiterer Rückkäufe hänge explizit von den parlamentarischen Entscheidungen ab. Das ist eine bemerkenswert offene Formulierung für etwas, das als normaler Kapitalrückfluss verpackt wird. Übersetzt: Die Bank nutzt das Zeitfenster zwischen starkem Quartalsergebnis und ausstehendem Beschluss, um vollendete Tatsachen zu schaffen.
Das berührt die Demokratie-Achse direkt. Ein Parlament, das Kapitalanforderungen beschließt, braucht eine Bank, die diesen Anforderungen auch tatsächlich nachkommen kann. Wer im politischen Vorfeld ausschüttet, verengt den Korridor des Gesetzgebers – nicht durch Einspruch, sondern durch Tatsachen. Das ist die modernste Form des Lobbyismus: nicht das Argument gegen die Regel, sondern die Handlung vor dem Beschluss. Die FINMA, die zum 1. Januar 2027 eine neue Liquiditätsverordnung in Kraft setzt, und der IWF, der die Schweizer Kapitalforderungen „nachdrücklich unterstützt“, sehen die Lage offenbar anders als Ermotti.
Auf der Effizienz-Achse ergibt sich ein zweites Problem. Eine Bank, die das Argument der Wettbewerbsfähigkeit anführt, muss benennen, gegen wen sie eigentlich konkurriert. Die amerikanischen Großbanken, die als impliziter Vergleichsmaßstab dienen, operieren unter anderen systemischen Sicherheitsnetzen – expliziten Staatsgarantien im Krisenfall, einem anderen rechtlichen Rahmen, einer Fed, die sich im Ernstfall anders verhält als die SNB. Effizienz ist kein absolutes Maß; sie hängt am System, in dem sie gemessen wird. Die UBS ist zu groß, als dass ihre Instabilität ein Privatproblem ihrer Aktionäre wäre.
Gut darin, Gewinne zu machen. Schwächer darin, den Unterschied zwischen überschüssigem Kapital und politisch notwendigem Puffer anzuerkennen.
Die Antwort auf die Frage, wer haftet, wenn es wieder schiefgeht, lautet heute wie 2023: der Schweizer Steuerzahler. Wer das weiß, kann den Rückkauf nicht als reine Kapitaleffizienz verbuchen.
