Ein 21-jähriger Mann rammt am Abend des 25. Juli 2026 im Großen Tiergarten mit einem Kleinbus in Passanten, greift sie mit einer Machete an. Eine Frau stirbt, 31 Menschen werden verletzt. Der mutmaßliche Täter, Abdul B., wird am nächsten Tag bei seiner Festnahme erschossen. Die Reaktion folgt dem bekannten Reflex: mehr Polizei, mehr Poller, mehr Perimeter.

Das ist verständlich. Es ist auch falsch – nicht als Notfallmaßnahme, sondern als Dauerzustand.

Hamburg verdoppelte seine Einsatzkräfte für den CSD am 1. August, ließ Betonpoller auffahren und sperrte die Route mit Lastwagen. Polizeipräsident Falk Schnabel betonte, Sicherheitskonzept und Streckenführung seien nochmals vollständig überprüft worden. Rund 300.000 Menschen kamen trotzdem – oder deswegen, je nach Lesart. „Jetzt erst recht" als Parole, Polizeiaufgebot als Kulisse.

Die stärkste Version des Gegenarguments lautet: Was sollen Behörden nach einem Anschlag anderes tun? Schutz ist staatliche Pflicht, und wer ihn verweigert, macht sich mitschuldig an der nächsten Gewalttat. Das stimmt – als Begründung für den 1. August 2026. Es stimmt nicht als Begründung für eine Normalisierung dieser Bedingungen.

Denn was hier gerade normalisiert wird, hat einen Preis.

Der „Zug der Liebe" sagte seine Berliner Parade ab. Als Begründung nannten die Veranstalter erwartete massive Auflagen und eine veränderte gesellschaftliche Stimmung. Eine Veranstaltung, die die Offenheit des öffentlichen Raums feiert, existiert unter Hochsicherheitsbedingungen nicht mehr in ihrer eigentlichen Form – sie überlebt, aber als etwas anderes. Als genehmigter Umzug im abgesperrten Korridor. Als Event mit Zugangsmanagement. Als Demonstration, die ihren eigenen Charakter verloren hat.

Die Deutsche Polizeigewerkschaft (DPolG) hat das folgerichtig zu Ende gedacht: Sie fordert nach dem Anschlag einen staatlichen Schutzfonds für außerordentliche Sicherheitsmaßnahmen bei Versammlungen. Das klingt nach Lösung. Es ist eine Architektur, in der Versammlungsfreiheit künftig an Finanzierungsfragen hängt – wer den Fonds bekommt, demonstriert; wer ihn nicht bekommt, überlegt es sich zweimal. Kleinere, ärmere, unliebsamere Gruppen werden das zuerst spüren.

Parallel demonstrierten in Berlin Menschen gegen das „Sicherheitspaket 2.0" der Bundesregierung, das erweiterte Überwachungsbefugnisse vorsieht. Diese Demonstration fand statt – unter normalen Bedingungen, ohne Sonderaufgebot. Das Nebeneinander ist bezeichnend: Wer gegen Überwachung demonstriert, darf es frei tun. Wer für queere Sichtbarkeit demonstriert, braucht Betonpoller. Die Asymmetrie ist keine Absicht, aber sie ist real.

Das Berliner Versammlungsfreiheitsgesetz von 2021 gilt in der wissenschaftlichen Evaluation als Reformerfolg mit offenen Flanken. Die Berliner Innenverwaltung hält die Studie für „schlicht nicht praktikabel" – eine Haltung, die mehr über den Instinkt der Verwaltung sagt als über die Qualität der Forschung. Reformen, die funktionieren, aber unbequem sind, enden in der Schublade. Was bleibt, ist das Bewährte: Auflagen, Poller, Präsenz.

Der CSD existiert, weil Menschen den öffentlichen Raum beansprucht haben, als er ihnen verweigert wurde. Seine Form – laut, sichtbar, dicht, bunt – ist keine Ästhetik, sondern Substanz. Der offene Körper in der Öffentlichkeit war das Argument, lange bevor es Forderungslisten und Redebeiträge gab. Wer ihn in einen Sicherheitskorridor überführt, hat das Argument nicht gerettet. Er hat es umgebaut.

Für den Abend des 25. Juli gab es keine guten Optionen. Für die Planung des nächsten Jahres gibt es eine: den Unterschied ernst nehmen zwischen einer Notfallreaktion und einer Dauerordnung. Betonpoller auf Zeit sind Schutz. Betonpoller als Standard sind die Fortschreibung dessen, was der Täter wollte – mit anderen Mitteln, von anderen Händen.

Der CSD hat diesen Sommer überlebt. Die Frage ist, in welcher Form er das nächste überlebt.