Der Befund klingt nach Randnotiz. Er ist keiner. Forscherinnen der Universität Bonn haben in einem Experiment Frauen und Männern mit identischen Finanzprofilen — gleiches Anlagevolumen, gleiches Risikoprofil, gleiche Laufzeit — dieselbe Bankberatung angeboten. Die Empfehlungen wichen ab. Frauen bekamen häufiger teurere Fondsprodukte. Nicht marginal abweichend. Systematisch.
Jetzt kommt das Gegenargument, und es ist nicht dumm: Frauen bevorzugen tatsächlich im Durchschnitt sicherere Produkte. Sparkonten, Festgeld, kapitalgarantierte Strukturen. Das Sicherheitsbedürfnis ist dokumentiert — die Consorsbank-Studie von 2025 zeigt, dass Frauen zwar zu 46,7 Prozent Sparpläne nutzen, davon immerhin drei Viertel als ETFs, aber im Vergleich zu Männern seltener in Einzelaktien investieren und im Jahr 2025 nur 23 Prozent der Frauen überhaupt in Aktien engagiert waren, gegenüber 35 Prozent bei Männern. Eine Beraterin, die das weiß, passt ihr Angebot an — das ist doch Kundennähe?
Ist es nicht. Der Unterschied liegt dort, wo das Experiment ansetzt: am identischen Profil. Wenn zwei Menschen dieselbe Risikoklasse ausfüllen, dieselbe Anlagedauer benennen und denselben Betrag mitbringen — und dennoch unterschiedliche Produkte erhalten —, dann ist nicht das Kundenbedürfnis der Treiber. Dann ist es etwas anderes. Gut darin, das Sicherheitsbedürfnis zu erkennen; schwächer darin, davon das Provisionsinteresse zu trennen.
Das Provisionsinteresse ist nicht böse, es ist eingebaut. Strukturprodukte mit Kapitalgarantie tragen für die Bank höhere Margen als ein kostengünstiger Aktien-ETF. Wer Provisionen für den Vertrieb solcher Produkte kassiert, hat einen Anreiz, sie zu verkaufen — und er braucht dafür keine bewusste Diskriminierungsabsicht. Es reicht das Bauchgefühl, dass dieser Kundin die Kapitalgarantie wichtiger sei. Dass das Bauchgefühl statistisch häufiger bei Frauen ausgelöst wird, zeigt die Forschung. Die Gründe sind Stereotyp: geringeres Finanzwissen unterstellt, weniger Preissensibilität vermutet.
Das schlägt direkt auf die Rendite. Wer statt eines breit gestreuten ETF-Sparplans ein kapitalgarantiertes Produkt mit zwei Prozentpunkten mehr an internen Kosten kauft, verliert über zwanzig Jahre nicht zwei Prozent. Er verliert einen erheblichen Teil des Endvermögens — der Zinseszins rechnet gnadenlos. Gleichzeitig liegt die durchschnittliche Altersrente von Frauen in Deutschland Ende 2023 bei 1.394 Euro, die von Männern bei 1.809 Euro. Die Rentenlücke hat viele Ursachen — Teilzeit, Sorgearbeit, Lohnungleichheit. Aber wer Frauen systematisch in renditeschwächere Produkte lenkt, befestigt diese Lücke aktiv.
Was reguliert das? Die BaFin hat ihre strategischen Ziele für 2026 bis 2029 formuliert und den Produktnutzen-Maßstab geschärft: Produkte sollen künftig ihren nachweisbaren Kundennutzen belegen, nicht nur formal konform sein.,, Außerdem prüft die Behörde aktiv auf Diskriminierung durch KI-gestützte Beratungssysteme — der EU AI Act macht seit August 2024 Vorgaben zur algorithmischen Fairness.,, Das ist ein Anfang. Es ist kein Eingriff in das klassische Beratungsgespräch, in dem keine KI sitzt, sondern ein Mensch mit Provisionstarif.
Der Bankenverband wiederum dokumentiert in seiner „Female Finance 2026"-Studie die finanzielle Benachteiligung von Frauen — und folgert daraus, dass Frauen mehr Finanzbildung brauchen.,, Das stimmt. Es stimmt auch, dass mehr Finanzbildung eine Frau, die zur Bank geht und ein identisches Risikoprofil mitbringt, nicht davor schützt, das teurere Produkt empfohlen zu bekommen. Finanzbildung löst das Anreizproblem nicht. Sie verschiebt die Verantwortung.
Die Lösung liegt nicht in pinken Broschüren und nicht im Aufruf, mutiger zu investieren. Sie liegt in der Vergütungsstruktur. Wer Provision erhält, berät nicht neutral — gleich welchem Geschlecht gegenüber. Das Problem der Frauen in der Bankberatung ist kein Frauenproblem. Es ist ein Strukturproblem, das Frauen teurer zu stehen kommt als Männern. Den Unterschied herzustellen, ist die Aufgabe der BaFin. Bisher prüft sie die Maschine. Den Menschen prüft niemand.
