Die Frauen haben es gesagt. Manche seit den 1990er Jahren. Über 400 Vorwürfe – Vergewaltigung, Freiheitsberaubung, Menschenhandel – gegen einen Mann, dessen Name auf einem der bekanntesten Kaufhäuser der Welt stand. Mohamed Al Fayed starb 2023 im Alter von 94 Jahren. Unangeklagt.
Erst 2026 erkannte das britische Innenministerium über den National Referral Mechanism, den amtlichen Rahmen zur Identifizierung von Menschenhandelsopfern, mindestens fünf der Frauen formal als Opfer moderner Sklaverei an – Rachael Louw als erste, am 29. April 2026. Der Staat hat ihnen damit bescheinigt, was sie selbst immer gewusst haben. Dreißig Jahre später.
Das ist kein Einzelfall-Versagen. Es ist ein Systemversagen mit Methode.
Das stärkste Argument für Geduld lautet so: Strafverfolgung ohne hinreichende Beweise ist kein Schutz, sondern Willkür. Der NRM, eingeführt 2009 im Rahmen des Übereinkommens des Europarats gegen Menschenhandel, verlangt eine sorgfältige Prüfung durch die Single Competent Authority des Home Office. Conclusive-grounds-Entscheidungen sind keine politischen Akte, sondern standardisierte Beweisprüfungen. Wer sie beschleunigen will, riskiert Fehler in beide Richtungen. Das ist nicht falsch.
Nur beantwortet es die falsche Frage.
Denn die Frage lautet nicht, ob der Mechanismus korrekt funktioniert, wenn man ihn endlich in Gang setzt. Die Frage lautet, warum er jahrzehntelang nicht in Gang gesetzt wurde, obwohl die Frauen da waren, die Aussagen da waren und die Muster sichtbar waren. Rachael Louw hat nicht auf neue Beweise gewartet. Sie hat auf eine Behörde gewartet, die bereit war, ihr zuzuhören.
Das Kaufhaus lieferte die Struktur. Einige Frauen wurden unter dem Versprechen einer Stelle bei Harrods rekrutiert – kein Job, sondern der Zugang zu einem Mann, dessen Zufriedenheit Bedingung war. Andere wurden aus dem regulären Personal ausgewählt. Harrods hat sich inzwischen entschuldigt. Das Unternehmen betreibt seit dem 31. März 2025 ein Entschädigungsprogramm: bis zu 200.000 Pfund für allgemeinen Schaden, bis zu 150.000 Pfund für Verdienstausfall. Bis Ende Juli 2025 hatten über 100 der mehr als 200 gemeldeten Überlebenden einen Antrag gestellt.
Das Programm lässt den Menschenhandel-Aspekt weitgehend außen vor. Opferanwälte der Kanzleien Leigh Day und Motley Rice haben öffentlich kritisiert, dass die Dimension des Menschenhandels im Harrods-Programm nicht abgebildet wird. Ein Unternehmen, das Opfer schützen will, definiert, was es entschädigt – und was nicht.
Die Metropolitan Police führt seit dem Bekanntwerden der Vorwürfe die Operation Cornpoppy, ermittelt gegen mutmaßliche Komplizen, hat sechs Personen befragt, darunter welche unter Verdacht des Menschenhandels zur sexuellen Ausbeutung. Verhaftungen: bisher keine. Gleichzeitig untersucht das Independent Office for Police Conduct Beschwerden gegen die Polizei selbst wegen der früheren Handhabung der Fälle. Die Ermittlungsbehörde ermittelt und wird ermittelt.
Die Pariser Staatsanwaltschaft hat eine eigene Untersuchung wegen schweren Menschenhandels eingeleitet, gestützt auf vorliegende Beweise.
Das Bild ist nicht das eines blinden Staates. Es ist das eines Staates, der sehen konnte und wegschaute – und der jetzt, nach dem Tod des Täters, nacharbeitet, was zu Lebzeiten nicht gewollt wurde.
Was hat das Wegschauen ermöglicht? Drei Strukturen, die nicht voneinander zu trennen sind.
Erstens: wirtschaftliche Immunität. Al Fayed war nicht nur reich, er war institutionell eingebettet – Harrods, das Ritz Paris, Geschäftsbeziehungen auf beiden Seiten des Ärmelkanals. Wer gegen ihn aussagte, sagte gegen ein Milliarden-Imperium aus, gegen Anwaltskanzleien, die schneller waren als jede Polizeibehörde, gegen Geheimhaltungsvereinbarungen, die Schweigen kauften. Formale Rechtsgleichheit gilt vor dem Gesetz. Sie gilt nicht vor dem Anwalts-Reservoir eines Oligarchen.
Zweitens: institutionelle Trägheit. Der NRM existiert seit 2009. Er hätte früher greifen können. Dass er es nicht tat, liegt nicht am Mechanismus, sondern an den First Respondern – Polizei, Behörden, Sozialeinrichtungen –, die Fälle an ihn hätten überweisen müssen. Die Überlebenden-Gruppe No One Above und die Hilfsorganisation Unseen UK haben die Frauen schließlich an den NRM verwiesen. Staatliche Stellen kamen nicht von selbst.
Drittens: soziale Einschüchterung. Wer im Dunstkreis von Reichtum und Prominenz arbeitet, trägt das Beschäftigungsverhältnis als Hebel gegen sich selbst. Kündigung, Rufschädigung, Klagen wegen Vertragsbruch – das sind keine abstrakten Risiken, sondern reale Drohungen, die Aussagen verhindern, bevor sie entstehen. Der Missbrauch von Harrods-Beschäftigten ist auch deshalb jahrzehntelang nicht verfolgt worden, weil das Arbeitsverhältnis die Schutzbedürftigen zugleich erpressbar machte.
Die formale Anerkennung der Frauen als Menschenhandelsopfer ist richtig. Sie ist überfällig. Sie ändert nichts daran, dass das System, das Al Fayed schützte, weiterhin funktioniert – für den nächsten, der reich genug ist, um sich Anwälte, Schweigen und institutionelle Geduld zu kaufen.
Al Fayed hat alles getan, was er tat, in Institutionen, mit Personal, über Jahrzehnte. Die Antwort liegt nicht in besseren NRM-Verfahren allein. Sie liegt in der Frage, wer Harrods-Angestellten hätte helfen müssen – und es nicht tat. Die Antwort auf diese Frage ist der britische Staat. Er schuldet sie noch.
