Mehr als ein Dutzend Mitarbeitende mussten die Zurich Versicherung verlassen, darunter der frühere Schweiz-Chef Juan Beer. Das klingt nach Konsequenz. Es ist, gemessen an dem, was die Untersuchung bislang zeigt, vor allem Kulisse.
Der eigentliche Befund ist dieser: Die Zurich hat im Geschäft mit der beruflichen Vorsorge jahrelang Tarife angewendet, die die FINMA nicht genehmigt hatte. Prüfungen liefen – und erkannten nichts. Eine Routinekontrolle der Aufsicht brachte die Unregelmässigkeiten ans Licht, nicht die eigene Compliance-Abteilung. CEO Mario Greco gestand ein, er bedauere, dass das Problem nicht intern aufgedeckt worden sei, „trotz aller durchgeführten Prüfungen und Kontrollen." Das ist keine Erklärung. Es ist die Umschreibung eines vollständigen Versagens.
Das Argument der Verteidigung verdient eine faire Darstellung. Die Zurich ist kein Kleinstinstitut mit rudimentären Strukturen: Sie betreibt eines der aufwendigsten internen Kontrollsysteme im europäischen Versicherungsmarkt, wird von externen Prüfern begleitet und hat die Missstände, sobald sie bekannt wurden, personell geahndet und einen Vertriebsstopp akzeptiert. Die betroffene Einheit erwirtschaftet laut CEO Greco rund 20 Millionen Franken jährlich – ein Bruchteil des Konzernergebnisses, das im Halbjahresbericht glänzte. Man könnte argumentieren, das sei ein isolierter Fehler in einer Randsparte, kein systemisches Versagen.
Dieses Argument trägt nicht. Nicht weil 20 Millionen Franken eine grosse Zahl wäre. Sondern weil hinter den beanstandeten Policen die Sammelstiftung Vita steht, die 22 Milliarden Franken Vorsorgevermögen für rund 150.000 Versicherte verwaltet. Wer Pensionsgelder betreut und gleichzeitig mit nicht genehmigten Tarifen am Risikogeschäft verdient, hat keinen Randprozess ausser Kontrolle geraten lassen – er hat am Kernversprechen des Geschäfts gesägt: Versicherte können darauf vertrauen, dass die Prämissenstruktur stimmt.
Gut darin, das Problem zu benennen, wenn es aufgedeckt wird. Deutlich schwächer darin, es selbst aufzudecken, solange es läuft.
Genau das ist das Muster, das den Schweizer Finanzplatz seit der Credit-Suisse-Affäre begleitet. Damals zeigte sich, dass interne Kontrollsysteme, die auf Papier existieren und in Vorstandspräsentationen leuchten, unter dem Druck von Umsatzzielen und Führungskultur zerfallen können. Die Zurich ist nicht die Credit Suisse – das muss klar gesagt werden. Aber das Muster der nachträglichen Aufarbeitung ist dasselbe: Entlassungen auf Bereichsebene, Bekenntnisse der Konzernspitze, externe Untersuchungsbeauftragte. Deloitte ist bereits mandatiert. Das Verfahren läuft.
Die Frage ist, was die FINMA daraus macht.
Die Aufsicht hat scharfe Instrumente: Sie kann Bewilligungen entziehen, Berufsverbote verhängen, Strafanzeige erstatten. Was sie nicht kann, ist selbst Bussen verhängen – ein strukturelles Manko, das die Schweiz seit Jahren begleitet und das den Vergleich mit der europäischen Aufsichtsarchitektur unvorteilhaft ausfallen lässt. EIOPA und nationale EU-Behörden können in vergleichbaren Fällen direkte Geldbussen aussprechen; die FINMA muss auf den Weg über die Strafbehörden verweisen, wenn sie finanzielle Konsequenzen will. Das schwächt die Abschreckungswirkung strukturell – und macht es umso wichtiger, dass sie die Instrumente, die sie hat, ohne Zögern einsetzt.
Nach der Credit-Suisse-Rettung, die den Steuerzahler zunächst mit Staatsgarantien von bis zu 109 Milliarden Franken belastete, steht die FINMA unter der Erwartung, dass sie früher interveniert, schärfer durchgreift und Führungsverantwortung nicht an der Bereichsebene enden lässt. Der Zurich-Fall bietet die Gelegenheit, diese Erwartung zu erfüllen – oder zu bestätigen, dass Schweizer Finanzplatz-Aufsicht vor allem reaktiv ist.
Die Antwort auf nicht genehmigte Tarife ist nicht der Aufschrei, sondern die Rückkehr zu einem simplen Prinzip: Wer die Verantwortung trägt, trägt die Konsequenz. Mehr als ein Dutzend Mitarbeitende sind entlassen. Juan Beer ist weg. Aber wer hat die Entscheidungen über Investitionen in die Plattform, über Prioritäten im Kontrollsystem, über den Druck auf die Einheit verantwortet? Auf welcher Ebene wurde entschieden, dass 20 Millionen Franken Gewinn diese Struktur rechtfertigen?
Die Antwort liegt in Zürich. Die Antwort liegt bei der FINMA.
