Was fehlt, steht schon länger in der Physik der Strecke.

Am 25. Juli 2026 kam ein 76-jähriger Motorradfahrer auf einer Landstraße im Landkreis Tuttlingen in einer Rechtskurve von der Fahrbahn ab. Er geriet in den Gegenverkehr, wurde schwer verletzt und starb später im Krankenhaus. Die Polizei ermittelt noch. Die Ursache ist unklar – es könnte ein entgegenkommendes Auto gewesen sein, dem er auswich. Es könnte auch die Kurve selbst gewesen sein.

Diese Unklarheit ist das Problem. Nicht erst seit diesem Juli.

Baden-Württemberg zählte 2025 insgesamt 67 tödlich verunglückte Motorradfahrer. Das sind 6,3 % mehr als 2024. Im Jahr davor: 63 Tote. Die Zahl bewegt sich nicht – sie schwankt auf hohem Niveau. In der Saison 2024 führte die Polizei über 1.700 Motorradkontrollen durch und stellte mehr als 6.100 Verstöße fest, darunter 2.630 Geschwindigkeitsverstöße. Die Toten blieben trotzdem.

Und die Antwort auf diese Bilanz ist: mehr Kontrollen. Mehr Appelle. Nächste Saison wieder.

Dass Geschwindigkeit eine Rolle spielt, ist unbestritten. 41,9 % der schweren Motorradunfälle in Baden-Württemberg gingen 2024 auf überhöhte oder nicht angepasste Geschwindigkeit zurück; bei tödlichen Unfällen waren es 48,6 %. Das stärkste Argument der Behörden für ihre Kontrolloffensiven lautet also: In fast der Hälfte der Fälle ist Tempo die Hauptursache. Das stimmt.

Aber es bedeutet zugleich: In mehr als der Hälfte der tödlichen Fälle ist Tempo nicht die Hauptursache. Dieser Befund verschwindet regelmäßig, sobald ein Sommer mit hohen Unfallzahlen endet.

Was verschwindet, ist die Frage nach der Strecke selbst. Schutzplanken ohne Unterfahrschutz können Motorradfahrer, die stürzen, regelrecht aufspießen. Der Unterfahrschutz – ein zusätzliches Rohr oder Brett unterhalb der Leitplanke, das den Körper abfängt – ist in Deutschland nicht Standard. Er wird an ausgewiesenen Unfallschwerpunkten nachgerüstet, wenn Budget vorhanden ist und politischer Druck stark genug. An den meisten Landstraßen fehlt er. An der L484 im Landkreis Tuttlingen fehlen für den Juli-Unfall jede Schutzplanke, jeder Unterfahrschutz – und jede öffentliche Information darüber, ob diese Strecke überhaupt als Schwerpunkt erfasst ist.

Das ist kein Versehen. Es ist Prioritätensetzung.

Der politische Reflex bei tödlichen Unfallserien ist verlässlich und breit abgestützt: Ankündigung verschärfter Kontrollen, gelegentlich Temporeduktionen auf einzelnen Abschnitten, Pressekonferenzen mit Statistiken. Warum das so bleibt? Kontrollen kosten wenig, sind schnell umsetzbar und produzieren Pressebilder. Unterfahrschutz an Tausenden Kilometern Landstraße kostet viel, dauert Jahre und ist politisch nicht sichtbar – bis jemand überlebt, der ohne ihn gestorben wäre.

Man könnte sagen, die Behörden sind gut darin, das Problem zu benennen, und deutlich schwächer darin, die Strecke zu verändern.

Dazu kommt die Fehlanreiz-Struktur des Unfallschwerpunkt-Systems: Erst wenn sich Unfälle häufen, wird eine Stelle kartiert; erst nach der Kartierung können Mittel fließen; erst nach der Mittelbereitstellung entsteht Unterfahrschutz. Der erste Tote auf einem neuen Abschnitt gilt verwaltungstechnisch nicht als Schwerpunkt. Er gilt als Ausreißer.

Der tödliche Unfall in Tuttlingen steht für dieses System, nicht gegen es. Ein Fahrer in einer Rechtskurve, Gegenverkehr, unbekannte Ursache, Tod. Was die Ermittlungen ergeben werden, ist offen. Was nicht offen ist: ob die Strecke vor dem 25. Juli als problematisch bekannt war, ob Unterfahrschutz vorhanden war, ob es Vorgängerunfälle gab, die hätten warnen können.

Für diese Fragen interessiert sich derzeit niemand öffentlich.

Baden-Württemberg hat 2025 die Kontrollzahlen ausgebaut. Die Todeszahl stieg trotzdem. Der Satz, der daraus folgt, ist unangenehm: Mehr desselben Instruments produziert nicht weniger Tote. Er produziert eine bessere Pressemitteilung.

Die Physik der Strecke interessiert sich nicht für Appelle an die Vernunft. Die Kurve ist enger, als sie aussieht, oder die Sicht ist schlechter, als sie sein dürfte, oder die Leitplanke endet dort, wo ein Körper noch nicht endet. Das lässt sich ändern. Es ist teuer, langsam und technisch unspektakulär.

Es ist das Einzige, was hilft.