Das Argument für Nolan liegt auf der Hand, und es ist kein schwaches. Wilsons eigene Übersetzung verkauft sich seit dem Kinostart in Auflagen, die sie vor dem Film nicht kannte. Junge Menschen, die Homer nie geöffnet hätten, kaufen das Buch. Wenn Popkultur klassische Stoffe ins Gedächtnis einer breiten Öffentlichkeit trägt, ist das keine Kleinigkeit. Es ist, möglicherweise, das Einzige, was funktioniert.
Aber hier liegt die Verwechslung. Wilson kritisiert nicht, dass Nolan einen Unterhaltungsfilm gemacht hat. Sie kritisiert, dass er behauptet, Homers Odyssee gemacht zu haben — und dabei das Wesentliche streicht.
Homer interessiert sich für Schuld nicht als psychiatrisches Phänomen, sondern als politisches. Odysseus tötet nicht trotz seiner Intelligenz, sondern mit ihr und durch sie, und das ist das Problem, das das Epos umkreist. Ein Held, der zurückkehrt und 108 Männer abschlachtet — darunter Dienstboten, die zu Recht oder zu Unrecht auf der falschen Seite standen —, und dem das Gedicht danach keine triumphale Stille gönnt, sondern Penelope, die ihn prüft: Das ist nicht Actionkino. Das ist ein Text, der seinen eigenen Helden nicht schont.
Nolans Odysseus, wie Wilson ihn beschreibt, ist ein traumatisierter Jason Bourne. Er fühlt sich schuldig, ein Actionheld zu sein. Das ist eine Figur des 21. Jahrhunderts, gepflegt von einem Therapeutenklischee, das Schuld als persönliches Leid rahmt statt als zivilisatorische Frage. Was kostet Krieg — nicht den Sieger, sondern die anderen? Das Trojanische Pferd bei Homer ist keine Heldentat, sondern ein Verbrechen der List, das die Frage nach Täuschung und Legitimität aufwirft. Im Film, so Wilson, wird diese moralische Schärfe verwässert: Die Trojaner seien Feinde, kein echtes Gastrecht verletzt — und damit fällt die Pointe.
Die Frauen im Film haben wenig zu sagen. Das ist bei Homer anders. Penelope ist keine Wartende, sie ist eine Strategin, die ihren Mann drei Jahre lang mit einem Trick hingehalten hat und ihn am Ende prüft, als er zurückkommt. Kirke, Kalypso, Nausikaa — sie alle tragen eigenständige Handlungsmacht, manchmal mehr als Odysseus selbst. Wilson übersetzte die Eröffnungszeile einst als „Tell me about a complicated man." Nolan zitierte genau diese Zeile als Ausgangspunkt. Er hat dann, nach Wilsons Lektüre, den komplizierten Mann durch einen beschädigten ersetzt. Das ist nicht dasselbe.
Nun: Kann eine Filmkritikerin, die auch die Übersetzerin ist, deren Werk der Regisseur adaptiert hat, neutral urteilen? Die Frage ist berechtigt. Joyce Carol Oates und Susan Orlean haben Wilson öffentlich als snobistisch bezeichnet, Orlean gar als „a bit of a jerk". Das ist kein Argument, aber es benennt eine echte Spannung: Wer einen Text sein Leben lang begleitet hat, erwartet von seiner Verfilmung etwas, das kein Kassenerfolg leisten kann.
Aber Wilsons Kritik ist keine ästhetische Präferenz. Sie ist eine Behauptung über Bedeutung: Ein Film, der behauptet, Homers Odyssee zu sein, und dabei nichts Überzeugendes zu sagen hat über Zeit, Erinnerung, Krieg oder das Verhältnis zwischen der glorreichen Rückkehr eines Kriegers und dem Leben derer, die auf ihn gewartet haben — dieser Film lügt nicht durch Fehler, sondern durch Auslassung.
Das ist der Preis der Effekt-Ökonomie. Ein Budget von 250 Millionen Dollar erzwingt kein schlechtes Drehbuch, aber es erzwingt Entscheidungen. Was sich visuell übersetzen lässt — das Trojanische Pferd, der Kyklop, die Meeresmonster —, kommt ins Bild. Was sich nur im Text vollzieht, als moralisches Gewicht einer Szene, als Doppelboden eines Dialogs, als Stille nach der Gewalt — das fliegt raus. Nicht weil Nolan es nicht könnte, sondern weil es das Publikum, das für eine Milliarde Dollar Tickets kauft, nicht verlangt.
Wilsons Übersetzung hat Homer verkauft. Nolans Film hat Wilsons Übersetzung verkauft. Der Kreis schließt sich — und Homer bleibt im Buchladen.
