Im Frühjahr 2026 haben Importeure in den USA begonnen, Formulare über das CAPE-Portal der U.S. Customs and Border Protection einzureichen — das Verfahren, über das IEEPA-Zollrückerstattungen abgewickelt wurden. Es war eine logistische Mammutaufgabe: Von rund 166 Milliarden Dollar, die unter dem International Emergency Economic Powers Act eingenommen worden waren, mussten rund 100 Milliarden zurückfließen. Empfänger war die „rechtliche Einheit, die die Zollzahlung geleistet hatte" — in der Praxis oft der Importeur, nicht der Produzent, der den Aufschlag wirtschaftlich geschultert hatte. Wer tatsächlich profitierte, folgte dem Bilanzrecht, nicht der Verteilungsgerechtigkeit.

Das Urteil und seine Lücke

Der Oberste Gerichtshof stürzte die IEEPA-Zölle, weil sie auf dem Notstandsrecht basierten, dessen Umfang das Gericht für überschritten hielt. Die Entscheidung traf einen spezifischen Mechanismus, nicht das Ziel dahinter. Washington zog die naheliegende Konsequenz: Statt Notstandsrecht greift die Exekutive nun auf Statuten zurück, die seit Jahrzehnten im Handelsrecht verankert sind und keiner Notstandserklärung bedürfen.

Am 20. Juli 2026 kündigte das Weiße Haus Zusatzzölle von 50 Prozent auf eine breite Palette kanadischer Produkte an, gültig ab dem 19. August 2026. Rechtsgrundlage: Section 338 des Tariff Act von 1930 — erlassen in derselben Kongress-Session wie der berüchtigte Smoot-Hawley Tariff Act, der die Weltwirtschaftskrise verschärfte. Section 338 erlaubt Vergeltungszölle gegen Länder, die US-Waren „diskriminierend" behandeln, ohne dass ein förmlicher Notstand ausgerufen werden muss. Parallel laufen weiterhin 10-Prozent-Aufschläge nach Section 301 des Trade Act von 1974, jetzt mit dem Ermittlungsgegenstand Zwangsarbeit.

Der 10-prozentige globale Aufschlag nach Section 122, der bis zum 24. Juli 2026 galt, lief planmäßig aus — nicht als Entgegenkommen, sondern weil das Instrument seine befristete Konstruktion hatte.

Was zurückblieb: der harte Kern

Nicht erstattet, nicht angetastet, nicht verhandelbar — so steht Section 232 im Regime. Zölle auf Stahl (25 bis 50 Prozent je nach Produkt), Aluminium, Automobile, Kupfer, Holz und Halbleiter blieben in Kraft und wurden im April und Juni 2026 teilweise nachgeschärft. Diese Abgaben sind nicht erstattungsfähig. Sie bilden den strukturellen Boden, auf dem alle anderen Instrumente operieren.

Kanada trägt das am direktesten. Stahl- und Aluminiumzölle hatten das kanadische BIP in früheren Runden um schätzungsweise 0,39 Prozent gedrückt — mehr als die EU mit rund 0,1 Prozent, deren Handelsanteil geringer und deren institutionelles Druckgewicht als Verhandlungspartner größer ist. Ottawa hat ein 1,5-Milliarden-CAD-Paket für seine Metall-Industrie aufgelegt, davon eine Milliarde CAD als Kreditprogramm über die Business Development Bank of Canada. Gleichzeitig ließ Kanada im Juli 2026 die meisten seiner eigenen Zollbefreiungen für US-Importe auslaufen — ein Signal, das Verhandlungsbereitschaft und Gegendruck zugleich zeigt.

Die 100 Milliarden als Investitionspause

Wer die Rückzahlung als Signal zur Entspannung las, las sie falsch. Für multinationale Konzerne, die Importketten zwischen Kanada, den USA und der EU unterhalten, war der Geldrückfluss eine Finanzierungsrunde unter Druck. Die Atempause wurde genutzt: Importstrukturen wurden umgebaut, Lagerkapazitäten in den USA ausgebaut, Lieferketten umgeleitet. Die neuen Section-338-Zölle, die ab August auf Waren im Wert von schätzungsweise 20 Milliarden Dollar jährlich wirken, treffen deshalb eine Industrie, die bereits reagiert hat — aber auch eine, die weiß, dass die nächste Rechtsgrundlage schon gesucht wird, wenn diese kippt.

Die EU beobachtet das nicht von außen. Eigene Zollvereinbarungen mit den USA stehen 2026 zur Überprüfung; Brüssel sondiert engere Handelspartnerschaften mit Ottawa, unter anderem um Abhängigkeiten von US-Importen in kritischen Sektoren zu reduzieren. Wie weit diese Sondierungen in verbindliche Abkommen münden, ist offen.

Kontrast-Satz: Das USMCA — das Nordamerikanische Freihandelsabkommen, das Trump in seiner ersten Amtszeit als Ersatz für NAFTA feierte — gilt formell noch; die neuen Section-338-Zölle treffen ausdrücklich auch Waren, die sich für eine USMCA-Präferenzbehandlung qualifizieren würden.

Systemfrage: Recht oder Willkür?

Ob Section 338 gerichtlich robust ist, wird sich zeigen — vermutlich vor demselben Court of International Trade, der schon die IEEPA-Fälle bearbeitet hat. Die US-Administration setzt darauf, dass Gerichte bei Statuten aus dem Kern des Handelsrechts zurückhaltender prüfen als bei Notstandsrecht. Das ist eine juristische Wette, keine Gewissheit. Kommt eine weitere Kassation, ist die nächste Rechtsgrundlage bereits in Sichtweite: Section 232 lässt sich auf weitere Gütergruppen ausdehnen, die Zollbehörde CBP kann Ermittlungsverfahren nach Section 301 eröffnen, und der Tariff Act von 1930 enthält weitere Instrumente, die seit Jahrzehnten kaum genutzt wurden.

Woran man in den kommenden Monaten erkennen wird, ob die Deutung trägt: Zieht Kanada mit Gegenzöllen nach, die auch EU-Handelspräferenzen berühren — oder bleibt Ottawa im bilateralen Kanal? Und legen US-Gerichte Section 338 eng aus, was die Exekutive erneut zwingen würde, das Instrumentenregal durchzusuchen? Beides entscheidet, ob das Handelssystem zwischen Washington und Ottawa noch nach erkennbaren Regeln funktioniert — oder ob das Unkalkulierbare das neue Normal ist.