Der Name verschwindet, die Sparte soll folgen.

Kernpunkte

  • Siemens Energy prüft die Abspaltung der Industriesparte "Transformation of Industry" (Jahresumsatz 5,7 Mrd. Euro) — der Aufsichtsrat berät Ende August 2026.
  • Die Umbenennung zu "Omterra" spart jährlich 320 Millionen Euro Lizenzgebühren, die bisher an die Siemens AG flossen.
  • Die Streichung von rund 300 Führungstiteln bei Siemens verspricht symbolischen Kulturwandel, konkrete Einsparungen sind nicht quantifiziert.
  • Beide Maßnahmen messen sich an der Effizienzachse — und auf dieser Achse ist die Bilanz ungleich: eine Entscheidung schlägt durch, die andere klingt.

Siemens Energy erlebt einen merkwürdigen Moment. Das Unternehmen hat im zweiten Quartal 2026 den Gewinn vor Sondereffekten von 497 Millionen auf 1,62 Milliarden Euro vervielfacht, Siemens Gamesa schreibt erstmals seit Ende 2022 wieder schwarze Zahlen, der Auftragsbestand ist so hoch wie nie. Und ausgerechnet jetzt, in einer Phase der Stärke, betreibt der Konzern eine Zerlegungsübung: Sparte heraus, Name weg, Titel gestrichen.

Das stärkste Argument für diesen Weg lautet: Fokus schlägt Breite. Konglomerate binden Kapital in Bereichen, die besser anderswo wächsen würden; eine eigenständige Sparte kann schneller reagieren, eigenes Management entwickeln, eigene Investoren ansprechen. Interne Dokumente, die Manager Magazin zugespielt wurden, deuten darauf hin, dass "Transformation of Industry" bis 2031 den Umsatz auf 10 bis 11 Milliarden Euro verdoppeln und den Gewinn verdreifachen könnte — Zahlen, die im Konzernverbund womöglich in der Quartalskommunikation untergehen. Das Argument ist nicht schwach. Es ist das Argument, das Siemens 2020 bereits über Siemens Energy selbst gemacht hat.

Die Frage ist, ob hinter der aktuellen Übung dieselbe Rationalität steckt — oder ob Erfolg den Reflex auslöst, Dinge zu zerlegen, weil man es gerade kann.

Schauen wir auf die Maßnahmen einzeln, wird der Unterschied deutlich.

Die Abspaltung des Industriegeschäfts hat, wenn man die internen Zahlen ernst nimmt, eine nachvollziehbare Logik. Die Sparte produziert Dampfturbinen und Elektrolyseure, kämpft laut CEO Christian Bruch intern um Ressourcen, und ein eigenständiger Börsengang würde einen Bewertungsmaßstab erzwingen, der im integrierten Konzern fehlt. Das klingt nach echter Effizienzüberlegung — mit dem Vorbehalt, dass Synergien, die heute unsichtbar sind, erst sichtbar werden, wenn man sie zerstört hat. Die 17.000 Beschäftigten in Duisburg und Görlitz wären eine solche Unsichtbarkeit: Die Berichterstattung konzentriert sich auf Margen, nicht auf Standorte.

Die Umbenennung zu "Omterra" ist dagegen einfach zu rechnen: 320 Millionen Euro Lizenzgebühren jährlich weniger ist ein Buchungsereignis, kein strategischer Umbau. Siemens AG hatte bei der Ausgliederung 2020 vertraglich festgehalten, dass die Tochter den Namen nur übergangsweise trägt. Sechs Jahre später läuft die Übergangsfrist aus. Das ist kein Befreiungsschlag, sondern Fristablauf.

Die Titelstreichung bei Siemens selbst — rund 300 Manager verlieren Bezeichnungen wie CEO oder CFO für ihre Untereinheiten — ist das am schwächsten begründete Element dieser Umbauoffensive. Roland Busch verspricht eine neue "Führungskultur"; konkrete Einsparungen hat Siemens nicht quantifiziert. Was nicht gemessen wird, lässt sich auch nicht gewinnen. Ein Unternehmen, das Hunderte Cheftitel streicht, ohne den Effekt zu beziffern, betreibt Kulturkommunikation, keine Effizienzsteuerung. Der symbolische Akt kostet wenig und beweist wenig.

Das verbreitete Gegenmodell lautet: Konglomerate puffern Schocks. Wer in Gasturbinen und Windkraft und Industrieprozessen gleichzeitig sitzt, kann Verluste einer Sparte durch Gewinne einer anderen auffangen. Dieser Gedanke hat historisch Substanz — die klassischen deutschen Industriekonzerne haben in Rezessionen von ihrer Breite gelebt. Das Problem ist: Dieser Puffer funktioniert, wenn die Diversifikation technologisch komplementär ist und wenn das Management die Komplexität tatsächlich beherrscht. Siemens Gamesa hat jahrelang beides widerlegt: komplementär in der Theorie, operativ eine Dauerbaustelle. Dass die Windkraftsparte jetzt erstmals wieder Gewinn erzielt, belegt nicht das Konglomerat-Modell, sondern den langen Sanierungsdurchlauf — und den Preis, den er im Konzernverbund hatte.

Das ist der eigentliche Befund. Nicht ob Zerschlagung grundsätzlich besser ist als Integration, sondern welche Zerschlagung womit begründet wird. Wer 320 Millionen Euro Lizenzgebühren spart, spart 320 Millionen Euro — das ist nachprüfbar. Wer Führungstitel streicht und den Effekt nicht misst, macht Feuilleton. Und wer eine 5,7-Milliarden-Sparte heraustrennt, ohne die Synergiefrage quantitativ zu beantworten, setzt auf eine Prognose, die bis 2031 recht behalten oder widerlegt werden kann.

Die Effizienz-Achse unterscheidet nicht zwischen Umbau und Umbau. Sie fragt: Woran erkennen wir in drei Jahren, dass es die richtige Entscheidung war?

Bei "Omterra": an 320 Millionen Euro mehr im Ergebnis. Bei der Abspaltung: am Börsenwert der eigenständigen Sparte, an den Margen, an der Beschäftigung in Duisburg und Görlitz. Bei den gestrichenen Titeln: bislang an nichts. Das sollte Busch unangenehm sein — vor allem Christian Bruch, der in diesem Geschäftsjahr laut Spiegel bis zu 40 Millionen Euro verdienen könnte, während sein Unternehmen erklärt, Hierarchie sei das Problem.