Natürlich könnte man sagen, die Toten hätten besser aufpassen sollen. Strömungen lesen, Tiefen einschätzen, nüchtern bleiben. Das ist das stärkste Argument der Gegenseite, und es enthält einen wahren Kern: Risikobereitschaft, Alkohol, Überschätzung der eigenen Kraft — die DLRG benennt diese Faktoren ausdrücklich, und sie spielen eine Rolle, die sich nicht wegdiskutieren lässt. Die Gefahr am Fluss ist real, und kein Sicherungssystem hebt sie vollständig auf.

Aber dieses Argument trägt nur bis zu dem Punkt, an dem man fragt: Wer hat diesen Menschen beigebracht, Risiken im Wasser überhaupt zu erkennen?

Seit 2017 hat sich die Zahl der Grundschulkinder, die nicht schwimmen können, verdoppelt. Mehr als 200 öffentliche Hallenbäder sind in den vergangenen zehn Jahren dauerhaft geschlossen worden. Der Sanierungsstau bei den verbliebenen kommunalen Bädern beläuft sich auf über acht Milliarden Euro. Und 90 Prozent der Todesopfer ertrinken in frei zugänglichen Seen und Flüssen — Gewässern, an denen keine Schwimmmeister patrouillieren, weil die meisten Kommunen ihre Verkehrssicherungspflicht auf Hinweisschilder und gelegentliche Badeverbote reduzieren, deren Einhaltung niemand kontrolliert.

Das ist keine Naturkatastrophe. Das ist Verwaltungshandeln.

Die Entscheidung, Schwimmbäder zu schließen, fällt in den Kommunen als buchhalterische Routine — Hallenbad als freiwillige Leistung, also disponibel. Was dabei nicht bilanziert wird: Schwimmunterricht in der Grundschule setzt ein Bad voraus, das erreichbar ist. Wo keines mehr steht, entfällt der Unterricht oder wird auf seltene, teure Ausweichfahrten geschrumpft. Wer sich privaten Vereinssport oder Ferienkurse leisten kann, gleicht das aus. Wer nicht, wächst ohne Grundfertigkeit auf — und geht trotzdem im Sommer an den See.

Hier trennen sich Effizienz- und Demokratie-Achse nicht, sie fallen zusammen. Eine Infrastruktur, die systematisch in einkommensarmen Kommunen wegbricht, während sie in wohlhabenden Stadtteilen erhalten bleibt, produziert kein Gleichgewicht der Risiken. Sie sortiert, wer das Sterben am Wasser riskiert.

Die DLRG-Präsidentin Ute Vogt fordert Aufklärung und bessere Schwimmausbildung. Die Bundesregierung hat Sanierungsprogramme für kommunale Sportstätten aufgelegt. Beides ist richtig und beides reicht nicht — das eine, weil Aufklärungskampagnen keine Schwimmfertigkeit ersetzen, das andere, weil die Mittel gemessen am Stau von acht Milliarden Euro symbolisch bleiben. Wer die Lücke zwischen Infrastruktur und Bedarf schließen will, braucht eine verbindliche Vorgabe für Schwimmunterricht im Grundschulcurriculum, gekoppelt an eine Finanzierung, die nicht vom kommunalen Haushaltssaldo abhängt.

Was wir stattdessen haben: 261 Tote bis Ende Juli, eine Verdoppelung der schwimmunfähigen Grundschulkinder, einen achtstelligen Sanierungsstau — und die Empfehlung, aufzupassen.

Das Wasser ist nicht das Problem.