Am 20. September 2026 wählt Berlin sein 20. Abgeordnetenhaus. Das Rennen zwischen fünf Parteien ist eng, kein Zweierbündnis trägt eine Mehrheit – und das Thema, das den Wahlkampf am stärksten grundiert, ist nicht neu: Wohnraum. Was kostet er, wer baut ihn, und wem gehört er? Diese drei Fragen teilen die Parteien klarer als jede andere.

Das Raster: Programm (Wahlprogramm 2026, Anträge, Beschlüsse), Geste (Wahlkampfinszenierung, Talkshow-Auftritte) und Umsetzungs-Spur (Parlamentspraxis der Legislatur 2023–2026).


CDU — Regierungspartei auf dem Rückzug ins Mittelfeld

Programm. Die CDU setzt auf beschleunigte Genehmigungsverfahren und eine Öffnung des Baurechts. Ein Energie-Staatsvertrag mit Brandenburg soll den Flächendruck mindern; kommunale Vorkaufsrechte werden abgelehnt. Vergesellschaftung ist für die Partei kein Thema, auch nach dem Volksentscheid „Deutsche Wohnen & Co. enteignen" nicht.

Geste. Spitzenkandidat Stefan Evers, erst seit dem Rücktritt Kai Wegners Anfang 2026 im Amt, ist noch wenig bekannt. Wegner hatte den Senat als „pragmatisches" Projekt geführt; Evers versucht diesen Kurs fortzuschreiben, ohne die öffentliche Präsenz seines Vorgängers zu besitzen. Ein Wahlkampfauftritt mit Hundemasken-Kulisse, den die Welt dokumentiert hat, sorgte für Aufsehen – ob als Ironie oder Verlegenheit, ist in der Kommentarlage strittig.

Spur. Die Regierungsbilanz belastet: Zwei Drittel der Berliner bewerten die Senatsarbeit negativ, die Zufriedenheit mit der schwarz-roten Koalition liegt laut Infratest dimap (Juli 2026) bei 16 %. Beim Wohnungsbau hat der Senat die selbst gesteckten Neubauziele verfehlt. In Umfragen vom August 2026 liegt die CDU bei 19 % – mehr als sieben Punkte unter ihrem Ergebnis von 2023.


SPD — Versprechen, Korrektur, neues Versprechen

Programm. Spitzenkandidat Steffen Krach verspricht 20.000 neue Wohnungen pro Jahr und einen Mietendeckel auf Landesebene. Vergesellschaftungen schließt Krach aus; stattdessen sollen die landeseigenen Wohnungsgesellschaften gestärkt werden. Der Slogan „Wieder Berlin" zielt auf eine Partei, die sich als soziale Kraft neu aufzustellen versucht.

Geste. Krach gibt sich volksnah und dienstleistungspolitisch – eine Reminiszenz an die SPD-Erzählung der frühen 2000er Jahre. In Talkrunden betont er die Kompetenz der Verwaltung und distanziert sich von Symbolpolitik. Der Tonfall ist moderater als der der Linken, was in der aktuellen Stimmungslage eher wie ein Nachteil wirkt.

Spur. 2021 hatte die SPD unter dem Motto „Wohnen" ebenfalls 200.000 neue Wohnungen bis 2030 angekündigt – ein Ziel, das in der Legislatur 2021–2023 nicht annähernd bedient wurde und nach der Wahlniederlage 2023 nicht mehr als Referenz auftaucht. Aktuelle Umfragen sehen die SPD bei 12–13 %, dem niedrigsten Wert seit Jahrzehnten.


Linke — Programm und Geste deckungsgleich, Spur begrenzt

Programm. Vergesellschaftung großer Wohnkonzerne nach Artikel 15 Grundgesetz – das ist die klare Forderung der Linken, konkretisiert am Volksentscheid „Deutsche Wohnen & Co. enteignen", den sie befürwortet und dessen Umsetzung sie einfordert. Spitzenkandidatin Elif Eralp verbindet das Thema mit Mietpreisbremse, Neubauverpflichtungen und dem Ausbau des kommunalen Bestands.

Geste. Eralp tritt offensiv auf und formuliert einen Führungsanspruch: Sie wolle Wegner ablösen. Die Linke ist die einzige Partei, deren Programm-Kernaussage und Wahlkampf-Inszenierung deckungsgleich sind – Vergesellschaftung ist kein Talkshow-Versprechen, sondern der Dreh- und Angelpunkt der gesamten Kampagne.

Spur. Als Koalitionspartner der SPD zwischen 2021 und 2023 saß die Linke mit am Regierungstisch – und konnte die Vergesellschaftung dort nicht durchsetzen. Schriftliche Anfragen zu Mietverhältnissen in landeseigenen Unternehmen, dokumentiert auf den Seiten des Abgeordnetenhauses, zeigen parlamentarische Aktivität, aber keine legislative Umsetzung. Aktuelle Umfragen (Civey, Feldzeitraum 20.07.–03.08.2026, n=3000): 21 %; PolitPro 07.08.2026: 20,3 %. Sie führt derzeit das Feld.


Grüne — Klimarahmen, Enteignungssympathie, Koalitionsdruck

Programm. Das Wahlprogramm der Grünen für 2026 kombiniert Klimaschutz, Verkehrswende und Wohnungspolitik. Werner Graf und Bettina Jarasch befürworten die Umsetzung des Volksentscheids und fordern ein gemeinwohlorientiertes Wohnungsmarktmodell nach Wiener Vorbild. Der ÖPNV-Ausbau gilt als Vorbedingung für Stadtentwicklung am Rand.

Geste. Die Grünen inszenieren sich als konstruktive Reformkraft, nicht als Protestpartei. Jarasch, bekannt aus der Senatszeit 2021–2023, ist im Stadtbild präsent; das Programm ist ausgearbeitet und detailreich – ein Vorzug im Vergleich und zugleich eine Last, weil es messbar ist.

Spur. Als Senatspartei 2021–2023 trugen die Grünen eine Wohnungsbaupolitik mit, die ihre eigenen Ziele verfehlte. Die Enteignungsfrage blieb in der Koalition mit SPD und Linken ungelöst; nach der Wahlniederlage 2023 kam die Partei in die Opposition. In Umfragen liegen die Grünen bei 16–17 % – stabil, aber ohne den Aufwärtstrend der Linken.


AfD — Migration statt Baupolitik

Programm. Die AfD hat kein eigenständiges Wohnungsbauprogramm für Berlin vorgelegt, das über allgemeine Bürokratieabbau-Rhetorik hinausgeht. Die Partei verknüpft das Thema Wohnraum primär mit Migration: Weniger Zuzug bedeute mehr verfügbaren Wohnraum. Spitzenkandidatin Kristin Brinker betont Sicherheit und Ordnung als Rahmenbedingungen.

Geste. Die AfD führt Wohnen als Folge-Thema. Im Wahlkampf dominiert die Migrationsdebatte; die Wohnungsbaufrage wird instrumentalisiert, nicht eigenständig entwickelt.

Spur. In der laufenden Wahlperiode (seit 2023) hat die AfD-Fraktion keine wohnungspolitischen Anträge mit substanziellem Bauinhalt eingebracht, die im Briefing belegt wären. Die Demokratie-Achse ist hier relevant: Die AfD wird vom Berliner Verfassungsschutz als gesichert rechtsextreme Bestrebung eingestuft; das ist ein dokumentierter Befund, kein Label. Umfragen (August 2026): 17,9–18 %.


Arithmetik und Ausblick

Kein Zweier-Bündnis ergibt nach aktuellem Umfragestand eine Mehrheit. Die taz modellierte im Juli 2026 mögliche Sitzzahlen: Linke 28–29, CDU 28, Grüne 25, SPD 20 – Dreierbündnisse sind zwingend. Die Schnittmengen beim Wohnen sind gering: Linke und Grüne befürworten Vergesellschaftung, CDU und FDP lehnen sie ab, SPD weicht aus. Wer mit wem regiert, entscheidet sich nach dem 20. September – die wohnungspolitische Differenz macht das nicht leichter.