Am 7. August 2026 feuerten die Huthi ballistische Raketen und Drohnen auf Lager für Binnenvertriebene und Wohnviertel in Marib. Zwei Zivilisten starben, 14 wurden verletzt. Zur gleichen Zeit trafen Angriffe auf Militärstellungen in Marib und der östlichen Provinz Hadramaut: 17 Soldaten und Offiziere der jemenitischen Streitkräfte kamen ums Leben, Dutzende wurden verwundet.
Das ist die Kulisse. Was dahintersteht, ist komplizierter – und beunruhigender.
Eine Waffenruhe, die nie zur Struktur wurde
Der UN-vermittelte Waffenstillstand trat im April 2022 in Kraft, wurde zweimal verlängert und lief im Oktober 2022 aus. Er brachte messbare Entlastung: Die zivilen Opferzahlen sanken in dieser Phase um rund 60 Prozent, Vertreibungen um fast die Hälfte. Doch er schuf keine politische Struktur – keine Übereinkunft über Territorien, keine gemeinsamen Institutionen, keinen Übergangsmechanismus. Was blieb, war ein Einfrieren ohne Fundament.
Zwischen Oktober 2022 und August 2026 herrschte das, was Analysten einen „weder Krieg noch Frieden"-Zustand nennen: punktuelle Gefechte, keine koordinierten Offensiven, aber auch kein Weg zum Ende. Die jüngsten Angriffe beenden diesen Zustand. UN-Sondergesandter Hans Grundberg sagte Anfang August 2026, das Risiko einer neuen Großkonfrontation sei so hoch wie zu keinem Zeitpunkt seit der Waffenruhe im April 2022.
Die Huthi begründen die Eskalation taktisch: Regierungstruppen hätten eine Offensive vorbereitet, der Angriff sei ein präventiver Gegenschlag gewesen. Die jemenitischen Streitkräfte bestreiten das und melden Gegenoffensiven an mehreren Frontabschnitten.
Marib als Brennpunkt
Marib ist kein zufälliger Schauplatz. Die Provinz ist die letzte unter Regierungskontrolle stehende Region im Norden des Landes, sie besitzt bedeutende Öl- und Gasvorkommen, und sie nimmt seit Jahren den Großteil der Binnenvertriebenen aus den umkämpften Gebieten auf. UNHCR bezifferte die Gesamtzahl der Binnenvertriebenen im Jemen Ende 2024 auf über 4,7 Millionen; Marib ist eines der wichtigsten Aufnahmegebiete. OCHA dokumentierte allein aus der Provinz Hadramaut bis Dezember 2025 rund 1.228 vertriebene Haushalte, die nach Marib abgewandert waren.
Wenn Huthi-Drohnen auf Lager für Vertriebene zielen, treffen sie Menschen, die bereits einmal fliehen mussten. Eine detaillierte Analyse der beschädigten humanitären Versorgungsrouten liegt nicht vor; belegt ist, dass die Infrastruktur für Hilfslieferungen in die Provinz chronisch überlastet ist.
Das Rote Meer: Jemens zweite Front mit globaler Reichweite
Seit dem 19. Oktober 2023 greifen die Huthi Handelsschiffe im Roten Meer und im Golf von Aden an. Die Begründung: Solidarität mit den Palästinensern im Gazastreifen, und die Angriffe würden erst enden, wenn Israel seine Militäroperationen einstelle. Der kausale Zusammenhang zwischen Jemen-intern und Rotes Meer ist damit ausdrücklich von den Huthis selbst benannt.
Die Zahlen beschreiben eine anhaltende Störung. Nach Angaben der NGO Armed Conflict Location and Event Data wurden zwischen Oktober 2023 und Juni 2026 über 178 Schiffe angegriffen. Der Verband Deutscher Reeder sprach von fast 200 Attacken. Maersk, Hapag-Lloyd und MSC mieden die Route durch den Suezkanal; der Containerverkehr durch das Rote Meer brach um rund 65 bis 75 Prozent gegenüber 2022 ein 16, 17 – im August 2024 lag er 68 Prozent unter dem Augustwert des Vorjahres.
Die wirtschaftliche Wirkung ist konkret: Die Umleitung um das Kap der Guten Hoffnung verlängert Transitzeiten um 10 bis 14 Tage, erhöht Kosten um 30 bis 40 Prozent. Asien-Europa-Frachtraten lagen zuletzt 25 bis 40 Prozent über dem Niveau vor der Krise. Etwa 12 bis 15 Prozent des Welthandels und 30 Prozent des Containerverkehrs zwischen Asien und Europa verlaufen normalerweise durch das Rote Meer. Kriegsrisiko-Versicherungsprämien für Hochrisikopassagen betrugen zuletzt 0,5 bis 1,5 Prozent des Schiffswertes – das Fünf- bis Zehnfache des Niveaus vor 2023. Die EU-Mission EUNAVFOR Aspides warnt fortlaufend vor steigender Gefahr.
Die Angriffe haben sich bis August 2026 nicht beruhigt; eine großangelegte Rückkehr zur Suezkanal-Route gilt unter Analysten als unwahrscheinlich.
Regionale Verflechtung: Iran, Saudi-Arabien und die Verhandlungen, die alles belasten
Hinter dem Jemen-Konflikt steht eine Konstellation, die eine rein nationale Lösung strukturell erschwert. Saudi-Arabien unterstützt die international anerkannte Regierung seit 2015 mit einer Militärkoalition. Iran versorgt die Huthi mit Waffen und technischer Expertise – Teheran bestreitet, die Aktionen zu steuern, aber westliche Geheimdienste und Saudi-Arabien sehen das anders.
Im März 2023 nahmen Riad und Teheran diplomatische Beziehungen wieder auf 33, 50 – ein Schritt, der Erwartungen an eine Dämpfung der Huthi-Aktivitäten weckte. Die Erwartungen wurden enttäuscht: Die Huthi eskalierten ab Oktober 2023 im Roten Meer trotzdem, und auch die innerinternen Jemen-Kämpfe haben sich seit August 2026 wieder verschärft.
Die jüngste Eskalation trifft einen besonders ungünstigen Moment: Die USA und Iran verhandeln gerade über eine mögliche Einigung im Streit um die Straße von Hormus. Der Jemen-Konflikt belastet diese Gespräche direkt – was eine Einigung auch aus iranischer Perspektive kompliziert, weil die Huthi als Verhandlungsmasse und zugleich als unkontrollierbarer Faktor auftreten. Iran hat öffentlich zum Dialog aufgerufen, gleichzeitig Einfluss auf die Huthis bestritten.
Das ist der eigentliche analytische Kern der Lage: Der Jemen-Konflikt ist kein abgrenzbarer Bürgerkrieg mehr. Er ist die innerste Schicht eines regionalen Proxy-Systems, in dem Saudi-Arabien und Iran ihre Rivalität auch nach der Annäherung von 2023 weiter austragen – und in dem die Huthi zugleich militärische Handlungsfähigkeit weit über das jemenitische Territorium hinaus demonstriert haben.
Was die nächsten Monate zeigen werden
Ob die Eskalation von August 2026 zu einer neuen koordinierten Offensive führt oder wieder in den „weder Krieg noch Frieden"-Modus zurückfällt, hängt an drei Variablen: dem Ausgang der US-Iran-Gespräche über Hormus; dem Grad, zu dem Saudi-Arabien bereit und in der Lage ist, die jemenitische Regierung militärisch zu stützen; und der Frage, ob die UN eine neue Waffenstillstandsstruktur initiieren können, die diesmal mehr als ein Einfrieren bietet.
Grundbergs Warnung – das höchste Eskalationsrisiko seit April 2022 – ist kein rhetorischer Befund. Sie beschreibt eine Lage, in der alle Hebel für eine Deeskalation außerhalb des Jemen liegen.
