Der Donaupegel bei Cernavodă fiel im August 2026 auf rund 1.400 Kubikmeter pro Sekunde – etwa ein Drittel des üblichen Augustdurchschnitts. Die rumänische Armee versenkte daraufhin vier Stahlbargen, vollbeladen mit Gestein, im Flussbett nahe dem Kraftwerk. Das Ziel: den Wasserspiegel um zehn bis zwölf Zentimeter zu heben, indem das Wasser seitlich umgeleitet und so zur Entnahmestelle der Kühlpumpen gelenkt wird. Das Ergebnis war vier Zentimeter Anstieg. Genug, um Reaktoreinheit 2 für neun weitere Tage am Netz zu halten.

Das ist die Präzision, auf die zwei EU-Staaten im Sommer 2026 angewiesen waren.

Was Durchlaufkühlung bedeutet – und wann sie aufhört zu funktionieren

Thermische Kraftwerke, ob nuklear oder fossil, verbrauchen gewaltige Mengen Wasser, um Dampf nach dem Durchlauf durch die Turbinen wieder zu kondensieren. Paks und Cernavodă arbeiten mit offener Durchlaufkühlung: Flusswasser wird angesaugt, durch Wärmetauscher geführt, erwärmt zurückgegeben. Der Vorteil ist Einfachheit und niedrige Betriebskosten; der Nachteil liegt in zwei harten physikalischen Grenzen.

Die erste ist die Mindestmenge: Sinkt der Pegel unter eine bestimmte Schwelle, liegen die Ansaugstutzen der Kühlpumpen im Trockenen oder zu nah an der Wasseroberfläche, um ausreichend Durchfluss zu garantieren. Genau das passierte in Paks Ende Juli 2026. Die Pumpenansätze lagen über dem Donaupegel; Reaktorblöcke wurden sukzessive abgeschaltet, bis das Kraftwerk zeitweise nur noch 230 Megawatt von 2.000 einspeiste.

Die zweite Grenze ist die Einlauftemperatur. Wärmeres Wasser kann weniger Wärme aufnehmen; zugleich schreiben Genehmigungen Höchsttemperaturen für das Rückgabewasser vor, um das Ökosystem des Flusses nicht zu zerstören. In Ungarn gilt ein ökologischer Grenzwert von 30 Grad für die Donau. Ende Juni 2026 wurden bereits über 25 Grad gemessen. Als dieser Grenzwert die Kapazität der verbliebenen Blöcke weiter einschränkte, hob die ungarische Regierung ihn per Notverordnung auf – und erlaubte damit die Einleitung wärmeren Wassers, solange der Restbetrieb aufrechterhalten werden konnte.

Paks: Die Genehmigungslage und ihre Grenzen

Das AKW Paks besteht aus vier WWER-440-Reaktorblöcken sowjetischer Bauart, die zwischen 1982 und 1987 ans Netz gingen. Betreiber ist MVM Paks Nuclear Power Plant Ltd., eine staatliche Gesellschaft. Die Betriebsgenehmigungen schreiben Kühlwassergrenzwerte vor, die aus einer Ära stammen, in der die Donau im Hochsommer verlässlich ausreichend Wasser führte.

Welche exakten Schwellenwerte für Pegelstand und Einlauftemperatur die Genehmigungen konkret festlegen und wie oft diese in den Sommern vor 2026 bereits erreicht oder überschritten wurden, ist aus den vorliegenden Quellen nicht vollständig rekonstruierbar. Bekannt ist, dass Paks schon früher in Hitzesommern drosseln musste – 2022 und 2023 wurden ähnliche Situationen berichtet, ohne die Dramatik des Sommers 2026 zu erreichen. Die Notverordnung vom Juli 2026, mit der Ungarn den Temperaturgrenzwert von 30 Grad aussetzt, ist ein belastbarer Indikator dafür, dass dieser Wert in den Wochen vor der Vollabschaltung bereits bindend wurde.

Rumänien: Felsen sprengen, Bargen versenken

Cernavodă ist Rumäniens einziges Kernkraftwerk, zwei CANDU-Reaktoren (Schwerwasser-Technik), die zusammen rund ein Fünftel des rumänischen Stroms liefern. Auch CANDU-Reaktoren arbeiten mit Durchlaufkühlung aus der Donau.

Die rumänische Reaktion auf das Niedrigwasser war handgreiflich: Militäreinheiten sprengten zunächst Felsen im Flussbett, um den Zufluss zur Entnahmestelle zu verbessern. Dann kamen die Bargen. Vier schwer beladene Stahlkähne wurden gezielt versenkt, um eine Art Unterwasserbauwerk zu errichten, das den Flusslauf umlenkt und Wasser zur Pumpstation drückt. Geplant war ein Pegelanstieg von zehn bis zwölf Zentimetern; erzielt wurden vier. Die Maßnahme reichte, um Einheit 2 für neun Tage zu stabilisieren – Einheit 1 blieb nach Lage der Quellen weiter eingeschränkt. Die langfristige hydraulische und ökologische Wirkung der versenkten Bargen ist unbekannt; Umweltfolgen wurden in der Berichterstattung nicht bewertet.

Der Importpuffer und seine Kosten

Ungarn bezieht unter normalen Bedingungen mehr als 40 Prozent seines Stroms aus Paks. Die Lücke, die der Ausfall von bis zu 2.000 Megawatt reißt, lässt sich nicht einfach schließen. Das Land verfügt über begrenzte Gaskraftwerkskapazitäten und kaum Wind- und Wasserkraft. Die Importkapazität über die Grenzkupplungen liegt bei 3.600 bis 3.800 Megawatt – technisch ausreichend, aber teuer: Die Regierung rechnete mit Mehrkosten für Stromimporte von bis zu 550 Millionen Euro. Aus welchen Nachbarländern genau und in welchem Umfang die Importe flossen, ist in den vorliegenden Quellen nicht aufgeschlüsselt. Auch Serbien und Rumänien hatten eigene Niedrigwasserprobleme, was die Verfügbarkeit von Exportkapazitäten in der Region einschränkte.

Sichtbar wurden die Grenzen des Netzes auch symbolisch: Die Beleuchtung des ungarischen Parlaments und der Budaer Burg wurde abgeschaltet. Automobilwerke von Mercedes und Suzuki in Ungarn sowie Dacia und Ford in Rumänien stellten die Produktion vorübergehend ein oder drosselten sie.

Die Systemfrage: Kühlung im Kreislauf statt im Durchlauf

Geschlossene Rückkühlkreisläufe – die häufigste Alternative – arbeiten mit Kühltürmen. Das erwärmte Wasser wird nicht in den Fluss zurückgegeben, sondern verdunstet in einem Turm und kühlt dabei ab; ein Teil des Wassers geht als Dampf verloren, der Rest wird wiederverwendet. Der Wasserentnahme-Bedarf sinkt drastisch, die Abhängigkeit vom Flussstand auch. Der Nachteil: höhere Baukosten, Platzbedarf, Eigenstromverbrauch für die Pumpen, und der sichtbare Wasserdampf, den Anwohner als Störung empfinden.

Paks verfügt nach Lage der vorliegenden Quellen über keinen vollständigen geschlossenen Kühlkreislauf. Die geplante Erweiterung Paks II (zwei neue WWER-1200-Blöcke, Baustart mehrfach verschoben) würde nach heutigem Planungsstand ebenfalls Donaukühlung nutzen – ob mit Kühlturm oder im Durchlaufverfahren, ist aus den vorliegenden Unterlagen nicht abschließend zu belegen.

Die prüfbare Erwartung

Der Sommer 2026 ist kein Ausreißer in einer stabilen Kurve, sondern ein Datenpunkt in einer Reihe, die seit 2003 steiler wird. Das European Drought Observatory hat die Donau als einen der am stärksten von Niedrigwasser betroffenen großen europäischen Flüsse identifiziert. Woran man in den nächsten drei Jahren erkennen wird, ob die Donau-Kernkraftwerke die Konsequenz gezogen haben: Ungarn und Rumänien müssten entweder in Kühlturmtechnik investieren oder die Kapazitätsgrenzen für Hitze- und Niedrigwassersommer in den Betriebsgenehmigungen formell anpassen – und kommunizieren, welche Ausfallwahrscheinlichkeit sie damit einkalkulieren. Tun sie beides nicht, ist der nächste Notstand eingebaut.