Kautz nennt drei Hebel, die zusammen wirken. Erstens: Einnahmen. Spotify überweist pro 1.000 Streams durchschnittlich 3 bis 5 Euro — kein spezifischer Kautz-Kontoauszug, sondern der Marktdurchschnitt, den er auf sich anwendet. Ein Musikvideo, das sich rechnet, braucht Millionen Klicks. Die meisten seiner Videos erreichen das nicht. Früher glich der Plattenverkauf diese Lücke: Eine Single, eine CD, direkter Erlös. Dieser Kanal ist geschlossen.
Zweitens: Kosten. Die Infrastrukturausgaben im Konzertbereich sind seit dem Ende der Pandemie um 45 Prozent gestiegen — Personal, Technik, Logistik. Der Break-even einer Tour lag einst bei 50 Prozent Auslastung; heute liegt er bei 80 Prozent. Festivaltickets, die vor Corona um die 100 Euro kosteten, rufen heute 200 Euro oder mehr ab. Das verteuert nicht nur den Zugang für Fans, sondern engt den Spielraum für Künstler ein, die keine garantierten Ausverkäufe vorweisen können.
Drittens: Format. TikTok und algorithmusgesteuerte Playlists verlangen, was Kautz nicht liefert: einen Hook in den ersten zwei Sekunden, Inhalt als 15-Sekunden-Häppchen. Er beschreibt das als „radikale Simplifizierung", der er sich nicht beugen will — und beugen kann: Seine Texte sind konzeptuell, vielschichtig, auf Albumlänge angelegt. Das algorithmische Raster belohnt Konzentration auf den kürzesten emotionalen Treffer.
Diese drei Hebel funktionieren nicht isoliert. Sie greifen ineinander: Geringe Streaming-Einnahmen erhöhen den Druck, live Geld zu verdienen; gestiegene Tourkosten erhöhen den Druck, mehr Streams zu generieren; mehr Streams zu generieren bedeutet, sich dem Kurzformat zu unterwerfen. Wer das Kurzformat ablehnt, dreht die Schraube in der falschen Richtung.
Der Widerspruch, der aufgelöst werden muss: Die Musikbranche wächst. Der Bundesverband Musikindustrie vermeldet für das erste Halbjahr 2026 steigende Handelsumsätze, Streaming trägt rund 67 Prozent der weltweiten Einnahmen der Branche. Wie ist das vereinbar mit dem, was Kautz beschreibt?
Das Wachstum ist real — aber es verteilt sich nicht gleichmäßig. Der Streamingmarkt aggregiert Einnahmen über den gesamten verfügbaren Katalog und schüttet sie nach einem Pro-rata-Modell aus: Wer den größten Anteil der Gesamthörstunden auf sich zieht, bekommt den größten Anteil des Gesamtpools. Das begünstigt strukturell die Spitze — die 50 meistgehörten Akte — und verdünnt alles darunter. Kautz ist nicht die Spitze. Er ist die Mitte. Und die Mitte schrumpft.
Der VUT, der Verband unabhängiger Musikunternehmerinnen und -unternehmer, benennt das präzise: Das Geld, das Streaming generiert, kommt nicht in ausreichendem Maß bei den Rechteinhabern an. Der VUT fordert eine Reformierung der Ausschüttungsmodelle, mehr Transparenz und — in seiner Diktion — eine „Vergrößerung des Kuchens". Konkret: fairere Abrechnung, sichtbarere Platzierung unabhängiger Künstler. Das Europäische Parlament hat im Januar 2024 eine Entschließung verabschiedet, die in dieselbe Richtung weist — ausgewogenere Einnahmenverteilung, ethischer Umgang mit KI-generierten Inhalten, mehr Sichtbarkeit für Künstlerinnen und Künstler abseits des Mainstreams.
Der KI-Faktor ist kein Randphänomen mehr. Auf Deezer werden täglich über 20.000 reine KI-Songs hochgeladen — das entspricht 18 Prozent aller neuen Uploads. Die zehn meistgestreamten KI-Künstler auf Spotify verdienten 2025 mehr als 463.000 Pfund, teils mehr als etablierte menschliche Akte. KI-Produktionen haben keine Produktionskosten im klassischen Sinne: keine Studiomiete, keine Musiker, keine Tour. Sie konkurrieren um denselben Pool, zu dem auch Kautz beiträgt — mit null Overhead.
Die gegenläufige Lesart lautet: Der Markt bereinigt sich. Wer nicht mehr trägt, tritt ab, neue Formate entstehen, neue Künstler drängen nach. Diese Erklärung ist nicht falsch, sie ist unvollständig. Was sich bereinigt, sind nicht die schwachen Künstler, sondern ein bestimmter Typus: der Albumkünstler mit mittlerer Reichweite, der über Jahrzehnte ein loyales, aber begrenztes Publikum aufgebaut hat. Dieser Typus war die kulturelle Tiefenschicht des deutschen Rap — kein Superstar, keine Nischenexistenz, sondern jemand, der Texte schreibt, die fünf Jahre später noch gelesen werden. Das System, das ihn trägt, existiert nicht mehr in tragfähiger Form.
Ob das die Branche auf Dauer ärmer macht, hängt an einer Frage, die sich in drei bis fünf Jahren beantworten wird: Produzieren die Plattformen und ihre Algorithmen tatsächlich genug neue Albumkünstler mittlerer Reichweite, um die, die jetzt abgehen, zu ersetzen — oder konsolidiert sich der Markt weiter nach oben, zu immer weniger Akten mit immer größeren Anteilen? Die Konzertdaten liefern einen ersten Hinweis: 2025 fanden 267.145 Konzerte mit über 74,5 Millionen Besuchern in Deutschland statt — mehr als vor der Pandemie. Die Nachfrage ist da. Die Frage ist, wer sie bedient, und zu welchem Preis.
