Die Deutsche Verkehrswacht hat daraufhin „verstärkte Maßnahmen zur Schulwegsicherheit" gefordert. Gemeint war: mehr Verkehrserziehung.

Kernpunkte

  • 2025 verunglückten 29.270 Kinder im Straßenverkehr — 7 Prozent mehr als 2024; 74 kamen ums Leben.
  • Der ACE-Schulweg-Index 2025 stufte nur 5 von 167 geprüften Schulwegen als sicher ein; bei 6 Prozent der Schulen gab es überhaupt eine verkehrsberuhigte Zone.
  • Jedes fünfte Grundschulkind fährt laut ADAC-Umfrage im Elterntaxi — ein Phänomen, das Kommunen durch fehlende Infrastruktur selbst erzeugt haben.
  • Wer Kinder zu mehr Aufmerksamkeit ermahnt, statt Parkraum zu streichen und Tempo 30 durchzusetzen, betreibt Symbolpolitik auf Kosten der Schwächsten.

Die Zahl erschlägt zunächst nicht. 74 Tote unter Millionen von Schulwegen — statistisch weit weg. Bis man rechnet: Das sind 21 Kinder mehr als im Vorjahr, innerhalb eines einzigen Jahres. Alle 18 Minuten verletzt sich ein Kind im Straßenverkehr. Zwischen sieben und acht Uhr morgens häufen sich die schweren Unfälle — genau dann, wenn Kommunen den Schulbetrieb organisieren, aber offenbar nicht den Straßenraum davor.

Das ist kein Unglück. Das ist eine Planung.

Das Gegenargument verdient seinen Raum. Elterntaxis sind ein reales Problem: Wer sein Kind ängstlich zur Schule fährt, verschärft die Gefahr vor dem Schultor für alle anderen Kinder, die zu Fuß kommen. Die ADAC-Umfrage vom Juli 2025 zeigt, dass 62 Prozent der Eltern den Verkehr rund um Schulen selbst als zu dicht empfinden — und trotzdem mit dem Auto fahren. Diese Widersprüchlichkeit ist echtes elterliches Verhalten, nicht bloße Hysterie. Und ja: Kinder müssen den Schulweg lernen, Selbstständigkeit beginnt auf dem Gehweg, Mobilitätserziehung hat Wert.

Aber dieses Argument trägt nicht weit. Denn 18 Prozent der Kinder fühlen sich bundesweit auf dem Schulweg unsicher; in Großstädten steigt dieser Wert auf 24 Prozent. Neun von zehn Eltern halten den Schulweg ihres Kindes subjektiv für sicher — und trotzdem berichten ein Drittel von ihnen von mindestens einer gefährlichen Situation im vergangenen Jahr. Das ist kein Wahrnehmungsproblem der Eltern. Das ist eine Lücke zwischen dem, was Kommunen versprechen, und dem, was sie liefern.

Der ACE-Schulweg-Index 2025 hat 167 Schulwege in Deutschland überprüft. Fünf davon wurden als sicher eingestuft. Fünf. Bei sechs Prozent der Schulen gab es überhaupt eine verkehrsberuhigte Zone oder Spielstraße. Das Ergebnis ist kein Ausreißer — es ist der Normalzustand.

Gut darin, die Lage zu benennen. Schwächer darin, sie zu verändern.

Die Deutsche Verkehrswacht fordert Mobilitätsbildung. Die DGUV betont die Wichtigkeit selbstständiger Schulwege. Der DBB appelliert an Kommunen, die neue StVO zu nutzen. Niemand nennt das beim Namen: Wer Kinder zu mehr Vorsicht erzieht, statt den Straßenraum umzubauen, schiebt die Kosten des Systemversagens an die ab, die am wenigsten Verhandlungsmacht haben — an Sechsjährige mit Schulranzen.

Das Elterntaxi ist eine Reaktion, keine Ursache. Kommunen, die vor Schulen keine Gehwegnasen anlegen, keine Poller setzen, keine Schulstraßen einrichten — also Straßen, die zur Unterrichtszeit für Autos gesperrt sind —, erzwingen das Elterntaxi. Sie beklagen anschließend den Verkehr, den sie selbst produziert haben. Bodenschwellen, Verkehrsinseln, Zebrastreifen mit Begleitschutz: Das sind keine teuren Stadtumbauträume, sondern Standardwerkzeug. Niedersachsen verzeichnete 2025 mit 6,4 Schulwegunfällen je 1.000 Versicherte die höchste Belastung bundesweit, Berlin mit 3,2 die niedrigste. Der Unterschied liegt nicht in der Wachsamkeit der Kinder.

Kommunen tragen rechtlich die Verkehrssicherungspflicht für den öffentlichen Straßenraum. Das ist keine Ermessensgrundlage — es ist eine Pflicht. Wer eine bekannte Gefahrenstelle an einem Schulweg nicht beseitigt, haftet für die Folgen. Dass Haftungsfälle gegen Kommunen selten öffentlich werden, liegt nicht daran, dass die Pflicht diffus wäre, sondern daran, dass Unfallfolgen häufig über die gesetzliche Unfallversicherung abgewickelt werden — die Kommunen also aus dem unmittelbaren Haftungszusammenhang heraushalten.

Sicherheitskampagnen kosten wenig und verpflichten zu nichts. Eine Schulstraße kostet Parkplätze — und die haben Lobby. Ein Tempolimit vor der Grundschule kostet Sekunden Fahrzeit. Bodenschwellen kosten Asphalt-Budget. Der Vorrang des fließenden Autoverkehrs ist keine verkehrsplanerische Notwendigkeit. Er ist eine politische Entscheidung, die Kommunen Jahr für Jahr treffen — und deren Kosten Kinder tragen.

74 davon haben 2025 mit dem Leben bezahlt.