Matthias Lilienthal ist gut darin, eine Lage zu benennen. Die Lage zu verändern — dafür ist ein anderes Amt zuständig, und genau das ist das Problem.
Seit dem 7. August 2026 planschen Berlinerinnen und Berliner auf dem Rosa-Luxemburg-Platz in einem 25-Meter-Becken, das die Volksbühne vor ihr Portal gestellt hat. Eintritt frei, Ticket online, Aufenthalt zwei Stunden. Das Projekt läuft bis zum 1. Oktober 2026, kostet insgesamt 300.000 Euro — 90.000 für das Becken, 210.000 für Personal, Sicherheit und Sanitäranlagen — und wird vollständig aus dem regulären Haushalt des Theaters bestritten, das seinerseits über 20 Millionen Euro jährlich aus Berliner Landesmitteln erhält. Der Protest gegen Steuerverschwendung wird also aus Steuergeld finanziert. Das ist keine Pointe des Kritikers; das ist die Konstruktion des Projekts.
Lilienthal selbst nennt das Volksbad ein politisches Statement gegen den Verfall der städtischen Infrastruktur. Er hat recht. Berlin schließt Bäder, unterhält zu wenige und saniert zu langsam. Wer im Sommer einen öffentlichen Schwimmplatz sucht, trifft auf überfüllte Anlagen, gesperrte Becken und Wartelisten. Dass ein Theaterintendant diese Lücke mit einem Theaterbudget füllt, ist nicht kreativ — es ist die Beschreibung eines Staatsversagens, das so weit fortgeschritten ist, dass die Kulturbetriebe schon die Infrastrukturpolitik erledigen.
Nun das stärkste Argument der anderen Seite, das Lilienthal selbst vermutlich kennt: Kunst darf intervenieren, darf Missstände sichtbar machen, darf unbequem sein. Der öffentliche Raum ist ein Verhandlungsgegenstand, und wer ihn bespielt, stellt Fragen, die der Verwaltungsalltag verdrängt. Ein leerer Platz vor einer geschlossenen Bühne ist weniger politisch als ein besetztes Becken. Das ist nicht falsch. Stadtinterventionen haben eine lange und ernsthafte Tradition, und der Aufmerksamkeitswert des Volksbads ist real: Tagesspiegel, Spiegel, Deutschlandfunk — die Geschichte ist gelaufen.
Aber die Geschichte läuft genau in die falsche Richtung.
Was das Volksbad produziert, ist keine Dringlichkeit, sondern Erleichterung. Die Stadt versagt beim Schwimmbad — die Bühne springt ein. Die Stadt versagt beim Kulturerbe — wenigstens kann man den Verfall besuchen. Der Mechanismus ist bekannt: Wo die öffentliche Hand sich zurückzieht, füllen Ehrenamt, Kulturförderung und bürgerliche Initiative die Lücken — und die Politik kann darauf verweisen, dass die Lücken ja irgendwie gefüllt sind. Das Volksbad ist, ob es das will oder nicht, Absolution für die Berliner Immobilienmanagement GmbH, für das Bezirksamt Mitte und für alle Kultursenatorinnen, die sich seit Jahren mit dem Sanierungsstau abgefunden haben.
Drei Gehminuten vom Volksbad entfernt, auf der Museumsinsel, sinkt das Alte Museum von Karl Friedrich Schinkel in den märkischen Sand — nach Angaben der Stiftung Preußischer Kulturbesitz rund einen Millimeter pro Jahr. Statiker haben errechnet, dass die Standsicherheit des Gebäudes in den 2040er Jahren nicht mehr gewährleistet sein wird. Eine Planung für die Grundinstandsetzung existiert seit 2003; realisiert wurde sie aus Finanzierungsgründen nicht. Die Generalsanierung ist frühestens für die 2030er Jahre vorgesehen — nach Abschluss der Pergamonmuseum-Sanierung, die allein 1,5 Milliarden Euro kostet und deren Ende für 2037 angepeilt wird. Das Alte Museum wartet also auf eine Sanierung, die beginnen soll, wenn eine andere endet, die schon jetzt teurer und länger dauert als geplant.
Kein Theaterintendant stellt ein 25-Meter-Becken vor das Alte Museum. Das liegt nicht an fehlendem Engagement, sondern daran, dass sich Schinkelsche Bausubstanz nicht als sommerliches Statement aufbereiten lässt. Der Verfall der Hochkultur produziert schlechtere Bilder als der Verfall der Alltagsinfrastruktur. Das macht ihn nicht weniger dringend.
SPD-Abgeordnete Dunja Wolff und der Bund der Steuerzahler haben die 300.000 Euro des Volksbads kritisiert — das Geld könnte sinnvoller eingesetzt werden. Das ist ein schwaches Argument. Nicht weil die Summe klein wäre, sondern weil die Kritik am falschen Adressaten hängt. Die Volksbühne entscheidet innerhalb ihres Haushalts, Lilienthal innerhalb seines Mandats. Die Frage ist nicht, ob ein Theaterintendant einen Pool bauen darf. Die Frage ist, warum er das für nötig hält — und warum das niemandem im Senat peinlich ist.
Die Antwort liegt nicht in der Volksbühne und nicht am Rosa-Luxemburg-Platz. Sie liegt in den Haushaltsbeschlüssen, die Berliner Bäder schließen. In den Planungsverfahren, die Museumssanierungen um Jahrzehnte strecken. In einer Verwaltungskultur, die in Zuständigkeitslücken erstarrt — Straßen- und Grünflächenamt, Bauamt, Denkmalschutz, BVG: Für den Poolaufbau vor der Volksbühne brauchte es Genehmigungen von mindestens vier Stellen, die koordiniert werden mussten. Für die Sanierung des Alten Museums reicht offenbar die Aussicht auf die 2030er Jahre.
Das Volksbad ist keine Kunst. Es ist ein Offenbarungseid — und er ist nicht von Matthias Lilienthal unterschrieben.
