Das „GW Ranch Energy Center" in Pecos County liegt mitten in der texanischen Wüste, drei Stunden von El Paso entfernt, 35 Gasturbinen auf einer Fläche, die niemand passiert, wenn er nicht dorthin muss. Entwickler ist Pacifico Energy. Abnehmer ist Amazon. Das Netz bekommt keinen Strom. Erst Anfang 2027 soll die erste Gigawatt-Liefermenge fließen, bis 2031 sollen es mehr als sieben Gigawatt sein.
Genehmigt ist ein jährlicher CO₂-Ausstoß von bis zu 33 Millionen Tonnen. Das Corpus Christi LNG-Kraftwerk, bisher eine der größten Einzelemissionsquellen der USA, emittierte 2023 knapp 3,3 Millionen Tonnen. Das Texas-Projekt übersteigt diesen Wert um den Faktor zehn – und bleibt eine Genehmigungsgrenze, kein garantierter Betriebswert. Aber Genehmigungsgrenzen sagen etwas darüber aus, was als normal gilt.
Die Bilanzmechanik entscheidet
Amazon weist für das Gesamtunternehmen im Jahr 2025 einen Gesamt-CO₂-Fußabdruck von 68,25 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalent aus. Scope 3 – also Emissionen entlang der Lieferkette, aus der Herstellung von Servern, aus dem Bau von Rechenzentren – macht davon 73,73 Prozent aus. Scope 1, die direkten Emissionen aus selbst betriebenen Anlagen, ist der kleinere Posten.
Die entscheidende Frage ist nicht, ob Amazon Emissionen meldet. Die Frage ist, welche Emissionen wo auftauchen.
Das Texas-Kraftwerk wird von Pacifico Energy entwickelt und formal betrieben. Ob die 33 Millionen Tonnen – oder der tatsächlich ausgestoßene Anteil davon – als Scope-1-Emissionen Amazons bilanziert werden oder als Scope-3-Emissionen eines Zulieferers, hängt davon ab, wer juristisch Betreiber ist und welchen Konsolidierungskreis Amazon ansetzt. Amazons öffentlicher Nachhaltigkeitsbericht für 2025 erweitert zwar das Kundenwerkzeug „Customer Carbon Footprint Tool" um Scope-3-Kategorien für Hardware-Emissionen; die Behandlung großer dedizierter Erzeugungsanlagen bleibt darin methodisch unausgeführt.
Das ist kein marginales Buchführungsproblem. Es ist die Kernspannung des gesamten Sektors.
Der Abgleich und seine Grenzen
Amazon erklärt seit drei Jahren, 100 Prozent seines Stromverbrauchs mit erneuerbaren Energien abzugleichen. Über 700 Projekte weltweit, mehr als 40 Gigawatt installierte Kapazität aus Wind, Solar und Batteriespeicher. Der durchschnittliche PUE-Wert der AWS-Rechenzentren lag 2025 bei 1,14 – besser als der Branchenschnitt von 1,25.
Der Abgleich funktioniert so: Amazon kauft erneuerbare Energie in einem Markt oder einer Region, um den Strom zu kompensieren, den die Rechenzentren andernorts verbrauchen. Das Instrument heißt Energy Attribute Certificate. Es erzeugt auf dem Papier eine 100-Prozent-Erneuerbar-Bilanz; es ändert nichts daran, welchen Strom das Rechenzentrum physisch bezieht.
Das Texas-Kraftwerk umgeht diesen Mechanismus in beide Richtungen. Es speist keinen Strom ins öffentliche Netz ein – damit gibt es keinen Netzstrombezug, der abgeglichen werden müsste. Und es erzeugt Strom aus Erdgas, direkt vor Ort, exklusiv für Amazon. Das Renewables-Matching-System greift strukturell nicht.
Greenpeace und das Öko-Institut kamen in einer Studie vom Juni 2026 zu dem Ergebnis, AWS habe mit rund 14 Millionen Tonnen CO₂ jährlich die schlechteste Klimabilanz unter den großen Cloud-Anbietern – eine Zahl, die den Texas-Komplex noch nicht einpreist, weil dieser noch nicht in Betrieb ist.
Kein Einzelfall, sondern Systemlogik
Amazon ist in Gesellschaft. Erdgas macht über 80 Prozent der geplanten eigenen Erzeugungskapazitäten der Hyperscaler in den USA aus. Die Ursache ist strukturell: Wartezeiten für reguläre Netzanschlüsse in den USA betragen drei bis sieben Jahre. Der Strombedarf von US-Rechenzentren soll bis 2030 auf 358,8 Terawattstunden steigen, rund 50 Prozent mehr als 2024. Wer jetzt KI-Kapazität bauen will, kann auf das Netz nicht warten.
Meta schloss 2025 einen Vertrag über 1.121 Megawatt Kernenergie mit Constellation. Google hat Partnerschaften zur Schaffung eigener erneuerbarer Erzeugungskapazitäten angekündigt. In Texas wurden seit 2024 mindestens 38 Rechenzentren mit mehr als 2.100 Dieselgeneratoren genehmigt. Rund 90 Prozent der neuen Stromanträge in Texas stammen von Rechenzentren; ERCOT, der texanische Netzbetreiber, bearbeitet derzeit über 474 Gigawatt an Anschlussanfragen – mehr als das Fünffache der Spitzenlast des gesamten Netzes.
Der Gouverneur von Texas, Greg Abbott, hat einen Audit aller laufenden Rechenzentrumsprojekte im ERCOT-Netz angeordnet. Texas hat neue Regeln für Großverbraucher über 75 Megawatt eingeführt – Senate Bill 6 verpflichtet sie, stärker an Netzausbaukosten beteiligt zu werden. Anlagen, die vollständig netzunabhängig betrieben werden, fallen möglicherweise aus dem ERCOT-Prozess heraus. Das ist keine Regulierungslücke, die sich aus Versehen aufgetan hat.
Sieben große Technologieunternehmen haben 2026 Trumps „Ratepayer Protection Pledge" unterzeichnet und sich verpflichtet, für ihren eigenen Strombedarf aufzukommen. Die Haushalte in Netznähe zu großen Rechenzentren zahlen nach Auswertungen einzelner Stromrechnungen teils 267 Prozent mehr als vor fünf Jahren; US-amerikanische Haushaltstrompreise sind seit 2020 durchschnittlich um mehr als 30 Prozent gestiegen. Die direkte Kausalität ist schwer zu isolieren – Infrastrukturmodernisierung und der Ausbau erneuerbarer Energien treiben Netzkosten ebenfalls –, aber der strukturelle Druck ist real.
Was 2040 bedeutet
Amazon hat sich dem „Climate Pledge" verpflichtet: Netto-Null bis 2040. Das ist ambitioniert gegenüber dem Paris-Pfad. Es bedeutet auch, dass zwischen heute und 2040 erhebliche neue fossile Kapazitäten in Betrieb gehen werden, die irgendwann entweder stillgelegt, mit Carbon Capture ertüchtigt oder bilanziell kompensiert werden müssen.
Das Texas-Kraftwerk beginnt 2027 zu liefern. Die Verpflichtungen zur Netto-Null beginnen 2040 zu zählen. Ob eine Anlage, die zwischen diesen Daten aufgebaut und betrieben wird, gegen das 2040er Ziel angerechnet wird – und in welcher Scope-Kategorie –, ist eine methodische Frage, auf die Amazons öffentliche Berichterstattung keine eindeutige Antwort gibt.
Die Öko-Institut-Studie und Amazons eigene Scope-3-Erweiterungen zeigen, dass die methodische Auseinandersetzung begonnen hat. Sie zeigen auch, dass das Tempo dieser Auseinandersetzung langsamer ist als das Tempo des Kraftwerksbaus.
Woran man in drei Monaten erkennt, ob das Versprechen trägt: Amazon veröffentlicht seinen Nachhaltigkeitsbericht 2025 regulär im Frühjahr 2026 – er ist bereits erschienen und nennt die 68-Millionen-Tonnen-Zahl. Der relevante Test kommt mit dem Bericht für 2026, wenn das Texas-Projekt in den ersten Monaten Strom liefert. Taucht das GW Ranch Energy Center darin als Scope-1-Emissionsquelle auf – oder nicht?
