Auf dem Rasen des Augsburger WWK-Arenaplatzes am 27. September 2026 wird es Stehplatztickets für 18 Euro geben. Für Fans der Nationalmannschaft ist das ein Moment. Für den DFB sollte es Anlass zur Selbstkritik sein — nicht zum Schulterklopfen.
Bernd Neuendorf, DFB-Präsident, sprach bei der Ankündigung von Stehplätzen als „wichtigem Bestandteil der Fankultur". Stimmt. Die Bundesliga weiß das seit mindestens drei Jahrzehnten. Der DFB hat es 28 Jahre lang nicht gewusst oder nicht wissen wollen — und er wäre ohne die UEFA-Programmausweitung womöglich noch länger bei diesem Nichtwissen geblieben.
Das ist der Befund, den die Jubelberichterstattung verschleiert: Der DFB hat nicht entschieden, sondern reagiert. Die UEFA hat ihr Beobachtungsprogramm für Stehplätze, das seit der Saison 2022/23 im Klubbereich lief, auf alle Wettbewerbe ausgeweitet — Länderspiele eingeschlossen. Der DFB hat das Fenster genutzt. Das ist besser als nichts. Es ist nicht dasselbe wie Gestaltungswille.
Das stärkste Argument dagegen ist längst verbraucht. Wer Stehplätze in Pflichtspielen ablehnt, beruft sich auf Sicherheit — und meint meistens Hillsborough, die Katastrophe im Sheffield-Stadion von 1989 mit 97 Toten, die das internationale Regelwerk geprägt hat wie kein anderes Ereignis. Das Argument war ernst zu nehmen. Es ist es nicht mehr, jedenfalls nicht in dieser pauschalen Form. Vier Spielzeiten Bundesliga mit UEFA-Beobachtung, lückenlos, ohne sicherheitsrelevanten Vorfall in den geprüften Stehplatzbereichen: Das ist keine Vermutung, das ist ein Befund. Die UEFA hat ihn zur Grundlage ihrer Ausweitung gemacht. Moderne Stehplatztribünen mit Sicherheitsbügeln, klar abgegrenzten Sektoren und professionellem Ordnungsdienst haben mit dem Taylor-Report-Kontext von 1989 strukturell wenig gemein.
Der Einwand, der bleibt, ist logistischer Art: Die spezifischen Sicherheitskonzepte für die einzelnen EM-Stadien — Augsburg, München und andere potenzielle Spielorte — sind noch nicht im Detail öffentlich. Wie viele Stehplätze wo, unter welchen Auflagen, mit welchem Ordnungsschlüssel: Das muss der DFB transparent machen, bevor das erste Spiel angepfiffen wird. Das ist keine rhetorische Forderung, das ist operative Pflicht.
Was dieser Schritt ökonomisch kostet, ist die eigentliche Aussage. Stehplätze für 18 Euro ersetzen Sitzplätze, die ein Vielfaches kosten. Wer Länderspielpakete bislang zu Premiumpreisen vermarktet hat, gibt mit jedem Stehplatz Marge ab. Das ist richtig. Es ist die einzige konkrete Geste des DFB in Richtung einer aktiven Fanszene, die jahrelang leer ausgegangen ist — mit überteuerten Tickets, schlechter Stimmung, und dem Eindruck, Länderspiele seien Eventveranstaltungen für Sponsorengäste, nicht Heimspiele. Die genaue Zahl der verfügbaren Stehplätze pro Spiel ist noch offen; damit ist auch offen, wie groß der finanzielle Verzicht wirklich ist.
Gut darin, den Wunsch nach Fankultur zu benennen. Deutlich langsamer darin, die kommerziellen Strukturen zu verändern, die ihr entgegenstehen.
Der DFB hat für die Frauennationalmannschaft und die U21 schon früher Stehplatzbereiche eingeführt — und damit ein Modell erprobt, das er jetzt auf die Männermannschaft überträgt. Das ist handwerklich vernünftig. Es macht deutlich, dass das Zögern bei der Männermannschaft kein technisches Problem war. Es war eine Prioritätenfrage. Die Antwort darauf, wessen Fankultur dem DFB wie viel wert ist, stand jahrelang in den Ticketpreisen geschrieben.
Der erste Stehplatz-Länderspiel-Abend in Augsburg wird eine gute Atmosphäre haben. Die aktive Fanszene wird das Feld füllen, sie wird singen, sie wird den Unterschied spürbar machen. Das ist real, und es verdient Anerkennung.
Der DFB hat das Richtige getan. Er hat es 28 Jahre zu spät getan. Die Bundesliga hat ihm gezeigt, wie es geht. Die UEFA hat ihm den formalen Weg geöffnet. Der DFB ist gegangen.
Das ist kein Aufbruch. Das ist Ankunft im Jahr 2026.
