Die Werbung ist präzise und trotzdem irreführend. „Über elf Prozent Rendite im Jahr 2025" — das stimmt für die offensivsten Strategien der führenden Robo-Advisor, gemessen bis zum 30. Juni 2025. Was der Satz verschweigt: Der MSCI World legte im selben Zeitraum 6,15 Prozent zu. Der Abstand ist real. Er erklärt sich nicht durch einen überlegenen Algorithmus, sondern durch eine schlichte Entscheidung in der Portfoliostruktur — mehr Aktien, konzentriertere Sektoren, höhere Schwankungsbereitschaft.
Wer das versteht, hat den Kern des aktuellen Robo-Advisor-Booms begriffen.
Die Rendite-Architektur
Der deutsche Robo-Advisor-Markt verwaltete Ende 2025 rund 19,7 Milliarden Euro, mit einer jährlichen Wachstumsrate von etwa 25 Prozent. Weltweit wurde das Segment auf 10,86 Milliarden US-Dollar geschätzt. Nordamerika hielt 2025 43,70 Prozent des Marktes; Europa folgt mit Abstand.
Hinter den Renditezahlen liegt eine Konstruktionsentscheidung, die selten explizit kommuniziert wird. Die Portfolios der offensiven Strategien bestehen überwiegend aus Aktien-ETFs — global gestreut, aber mit Übergewichtung in US-Technologiemärkten, die 2025 erneut die Performance trugen. Eine defensive Strategie desselben Anbieters rentierte im gleichen Zeitraum deutlich niedriger; die Spanne zwischen offensiv und defensiv kann acht bis zehn Prozentpunkte betragen. In der Werbung erscheint die Spitzenzahl, nicht die Verteilung.
Der MSCI World legte im ersten Halbjahr 2025 um 6,15 Prozent zu. Ein Robo-Advisor, der mehr US-Tech und weniger Anleihen hält als der Referenzindex, übertrifft diesen Wert in Aufwärtsphasen — und unterschreitet ihn in Abwärtsphasen entsprechend. Das ist keine Überrendite durch Informationsvorteil, sondern durch Risikonahme.
Was nach Kosten übrig bleibt
Die Gebührenstruktur der Anbieter variiert erheblich. Quirion berechnet zwischen 0,48 und 1,20 Prozent des verwalteten Vermögens jährlich; Growney liegt zwischen 0,38 und 0,68 Prozent. Dazu kommen die Kosten der eingesetzten ETFs, die zwar gering sind, aber addiert werden.
Ein Prozentpunkt Gesamtkostenbelastung klingt bescheiden. Über zwanzig Jahre und bei einem Anfangsvermögen von 20.000 Euro mit monatlichem Sparplan bedeutet er — je nach angenommener Basisrendite — einen Unterschied von fünf- bis sechsstelligen Beträgen im Endvermögen. Die Renditeangaben der Anbieter sind fast ausnahmslos Bruttowerte, vor Kosten und vor Steuern.
Für den Vergleich mit Festgeld oder Tagesgeld ist das relevant. Tagesgeld rentierte im ersten Halbjahr 2025 in Deutschland je nach Anbieter zwischen 2,5 und 3,5 Prozent, Festgeld mit zwölf Monaten Laufzeit zwischen 3,0 und 3,8 Prozent. Diese Zinsen sind garantiert, kostenlos und ohne Kursschwankung. Die Robo-Rendite ist weder garantiert noch kostenfrei noch schwankungsarm. Die Entscheidung zwischen beiden ist keine Rendite-, sondern eine Risikofrage — und genau diese Verschiebung des Rahmens bleibt in vielen Werbeformaten unsichtbar.
Transparenz: Anforderung und Wirklichkeit
Die BaFin beaufsichtigt Robo-Advisor als Finanzdienstleister und verpflichtet lizenzierte Anbieter zur Ex-ante- und Ex-post-Kostendarstellung. Anleger müssen vorab über Kosten informiert werden, nachträglich über die tatsächlich angefallenen Beträge. Diese Pflicht gilt formal — ihre Erfüllung ist eine andere Frage.
Der Verbraucherzentrale Bundesverband kritisiert, dass die Qualität und Funktionsweise der Algorithmen für Privatkunden nicht nachvollziehbar sei. Wer einen Robo-Advisor beauftragt, erfährt, welche Risikokategorie sein Portfolio hat. Welche Regeln genau zu welchem Zeitpunkt welche Anpassung ausgelöst haben, bleibt intransparent. Die BaFin benennt fehlerhafte Dateneingaben durch den Kunden, fehlerhafte Datenverarbeitung und veraltete Empfehlungen als Risikofaktoren — ohne dass daraus eine Verpflichtung zur algorithmischen Transparenz im technischen Sinne entstanden wäre.
Künstliche Intelligenz ist in deutschen Robo-Advisor-Produkten nach Marktbeobachtung 2025/2026 vor allem im Onboarding und in Compliance-Prozessen präsent, weniger in der eigentlichen Portfoliosteuerung. Was als KI vermarktet wird, ist in vielen Fällen regelbasierte Portfoliorebalancierung nach festgelegten Gewichtungen.
Haftung im Krisenfall
Die entscheidende Frage stellt sich nicht im Aufschwung, sondern im Absturz. Was passiert, wenn ein Algorithmus in einer extremen Marktphase — einem Flash-Crash, einem geopolitischen Schock — Fehlentscheidungen trifft oder systematisch zu langsam reagiert?
Die AGB führender Anbieter schließen die Haftung für Marktverluste überwiegend aus. Das entspricht der üblichen Praxis bei Vermögensverwaltern — auch menschliche Portfoliomanager haften nicht für Marktverluste. Der Unterschied liegt in der Nachweisbarkeit: Bei einem algorithmischen Fehler — einem fehlerhaften Daten-Input, einem Systemausfall, einer Regelanwendung außerhalb der spezifizierten Parameter — stellt sich die Frage, ob ein vertraglicher Sorgfaltspflichtverstoß vorliegt. Die Beweisführung ist komplex; die Algorithmen sind für den Kläger in aller Regel nicht einsehbar.
Deliktische und vertragliche Haftungswege existieren, ihre Durchsetzung ist aber aufwendig und im Einzelfall ungesichert. Auf EU-Ebene wird die Anwendbarkeit des Produkthaftungsrechts auf Softwaresysteme diskutiert; eine klare Rechtslage fehlt. Die SEC hat im März 2024 erste Verfahren wegen „AI Washing" gegen US-amerikanische Anlageberater eingeleitet — ein Signal, das zeigt, wie weit die Regulierung noch hinter der Vermarktungspraxis herläuft.
Die Kundendepots selbst sind durch die Verwahrung bei regulierten Partnerbanken, getrennt vom Anbietervermögen, im Insolvenzfall geschützt. Das ist ein realer Schutz — aber er betrifft den Verwahrungsfall, nicht den Performancefall.
Was die Zahlen zur deutschen Anlegerstruktur zeigen
Von einer breiten Umschichtung von Zinskonten in algorithmische Depots lassen die verfügbaren Daten noch nichts erkennen. Im März 2026 sparten 72 Prozent der Deutschen monatlich, aber nur 40 Prozent der Sparer investierten in Wertpapiere. Der Anteil stieg gegenüber 2024 (35 Prozent), aber der Sprung ist moderat. ETFs sind die meistgenutzte Anlageform unter Wertpapierbesitzern. Tagesgeld lag in der Beliebtheitsskala 2025 noch auf Platz zwei hinter Fondsanteilen.
Der Robo-Advisor-Markt wächst — mit 25 Prozent jährlich, auf 19,7 Milliarden Euro Ende 2025. Gemessen am Gesamtvermögen der deutschen Privathaushalte ist das ein kleiner Ausschnitt. Die narrativ beschriebene Welle von Zinskonten in Robo-Depots hat statistisch noch nicht stattgefunden.
Woran man in drei Monaten erkennt, ob die Deutung trägt
Wenn die US-Technologiemärkte im zweiten Halbjahr 2025 korrigieren oder die Volatilität deutlich steigt, werden die offensiven Robo-Portfolios das überproportional spüren — und die Rendite-Lücke gegenüber Festgeld schmilzt oder dreht sich um. Anbieter, die dann Risikoaufklärung in den Vordergrund stellen statt Renditeversprechen, liefern ein Qualitätssignal. Anbieter, die mit neuen Zwölf-Monats-Vergleichszeiträumen operieren, die Verlustphasen ausblenden, bestätigen das hier beschriebene Muster.
