300 Hektar Wald, Weltkriegsmunition im Boden, wechselnde Winde, „Red Flag Day“ – und 1400 Einsatzkräfte, die bewiesen haben, was Deutschland im Ernstfall kann: alles mobilisieren, was da ist. Was da war, reichte. Knapp.
Was nicht da war, ist die eigentliche Geschichte.
Belgien liegt vom Hürtgenwald aus ein paar Kilometer entfernt. Die Wallonie und die Deutschsprachige Gemeinschaft kennen diese Wälder; sie haben eigene Löschzüge, eigene Erfahrung mit Großlagen im Dreiländereck. Zwischen der StädteRegion Aachen und der Hilfeleistungszone der Deutschsprachigen Gemeinschaft existiert seit Juli 2024 eine öffentlich-rechtliche Vereinbarung zur gegenseitigen Hilfeleistung – ein echter Fortschritt, lokaler Handschlag, handwerklich solide. Für einen Brand, der die Verwaltungsgrenzen dieser Vereinbarung überschreitet, ist er zu klein.
Ein überregionales Abkommen, das NRW als Land mit dem Gesamtstaat Belgien oder der Wallonie zur gemeinsamen aktiven Brandbekämpfung verbindet, gibt es nicht. Was im Juni 2026 in Kraft trat – eine NRW-Regelung zur erleichterten Durchfahrt belgischer und niederländischer Einsatzfahrzeuge – ist keine Lösung, sondern eine Verkehrsregel: Sie regelt den Transit auf dem kürzesten Weg, nicht den koordinierten Einsatz jenseits der Grenze.
Jährlich finden rund 400 grenzüberschreitende Notfalleinsätze zwischen Belgien und NRW statt. Dreihundert Hektar Eifelbrand, und die engste bilaterale Vereinbarung deckt die StädteRegion Aachen. Das Missverhältnis ist das Argument.
Die Gegenposition verdient ihre faire Darstellung. Die kommunale Selbstverwaltung ist kein bürokratischer Anachronismus, sondern ein bewährtes Prinzip: Wer die lokalen Bedingungen kennt – die Wegenetze, die Munitionsfelder, die Windlagen –, entscheidet schneller als jede Zentralbehörde. Das Brandschutz- und Hilfeleistungsgesetz NRW (BHKG) lässt überörtliche Hilfe zu; das Land kann bei Großschadenslagen koordinieren und Kosten übernehmen. Die Euregio Maas-Rhein, gegründet 2014, bildet einen institutionellen Rahmen für Katastrophen- und Krisenmanagement im Dreiländereck. Der Apparat ist also nicht abwesend.
Er ist nur nicht für den Klimabrand gebaut.
Die kommunale Brandhoheit entstand für den Wohnhausbrand in der eigenen Gemeinde. Sie setzt voraus, dass Brände innerhalb eines definierten Radius bleiben, dass Spezialtechnik optional ist und dass die schlimmsten Lagen selten genug sind, um ad hoc abgearbeitet zu werden. Keine dieser Prämissen gilt mehr uneingeschränkt. 65 Prozent des Waldes in NRW sind in Privatbesitz – Prävention hängt damit von tausend Einzelentscheidungen ab. Der Hürtgenwald enthält Munition aus einem Krieg, der vor 80 Jahren endete, und diese Munition explodiert, wenn es brennt. Bergepanzer der Bundeswehr müssen Schneisen schlagen, weil keine zivile Technik das kann. Das ist keine Ausnahmesituation mehr. Das ist Sommer.
Frankreich hält rund 23 Löschflugzeuge vor. Spanien 20. Griechenland und Italien je etwa 18 bis 20. Deutschland: null. Die EU-Lösung – 22 neue Maschinen im Rahmen von RescEU – klingt besser als sie ist; die Auslieferung beginnt frühestens 2027, die Maschinen werden primär in anderen Ländern stationiert. Die NRW-Landesregierung verweist auf den Haushalt. Eine Canadair-Maschine kostet rund 50 Millionen Euro – viel Geld für ein Land, das 300 Hektar Wald in einer Woche verlieren kann. Die FDP-Fraktion im Landtag hat eigene Löschflugzeuge gefordert; die Landesregierung hat das als haushaltlich fraglich eingestuft und den Verweis aufs Waldbrandschutzkonzept von 2022 hinzugefügt.
2022 hat das Land ein Konzept vorgestellt. 2024 hat die StädteRegion Aachen eine Vereinbarung mit der Deutschsprachigen Gemeinschaft unterzeichnet. 2026 brennen 300 Hektar. Die Lücke zwischen Konzept und Kapazität ist messbar.
Hendrik Wüst ist Ministerpräsident von NRW – zuständig für alles, was gerade brennt. Er war gut darin, nach dem Brand die Einsatzkräfte zu loben. Deutlich schwächer darin, die Strukturfrage zu benennen, die sie in diese Lage gebracht hat.
Die Antwort auf diese Strukturfrage liegt in Düsseldorf und in Berlin, nicht in den Feuerwehrhäusern der Gemeinde Hürtgenwald. Die kommunalen Kräfte haben geliefert. Jetzt ist die Landesebene dran.
