7,8 Prozent Wachstum im Quartal April bis Juni, Investitionen nahezu verdoppelt, Prognosen deutlich übertroffen – und der Premierminister bittet auf Instagram darum, kein Gold zu kaufen.
Der Appell von Narendra Modi, den er zuletzt Mitte Mai 2026 erneuerte, klingt wie ein Randphänomen. Er ist keines. Er ist das präziseste Signal dafür, wo Indiens Wachstumsmodell unter Druck steht – und welche Risse unter der Zahl von 7,8 Prozent verlaufen.
Was das Quartal wirklich trägt
Das Bruttoinlandsprodukt stieg von April bis Juni um 7,8 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Die Reserve Bank of India hatte 7,0 Prozent erwartet, eine Reuters-Umfrage unter Ökonomen 7,1 Prozent. Die Bruttowertschöpfung – ein Maß für die zugrundeliegende Wirtschaftsaktivität ohne Steuern und Subventionen – legte sogar um 8,2 Prozent zu.
Der Treiber war nicht der Konsum, sondern das Kapital. Private Investitionen stiegen um knapp 12 Prozent, nach 5,8 Prozent im Vorjahreszeitraum. Das Kreditwachstum erreichte mit 18,3 Prozent zum Ende des Quartals den höchsten Stand seit mehr als einem Jahrzehnt. Private Konsumausgaben legten um 7,1 Prozent zu, nach 6,8 Prozent 1, 2 – solide, aber nicht der eigentliche Impulsgeber.
Versprochen hatte die Regierung für das Fiskaljahr 2024/25 ein Wachstum von 6,5 Prozent; S&P Global schätzt für 2026 rund 7 Prozent, die Weltbank für 2027/28 wieder 7,2 Prozent. Das Quartalsergebnis liegt über diesen Pfaden – aber es handelt sich um einen Quartalswert unter besonderen Bedingungen, nicht um einen revidierten Strukturpfad.
Eine detaillierte Aufschlüsselung des Staatsbeitrags und des Exportbeitrags für dieses Quartal liegt aus den zugänglichen Quellen nicht vor; die Wachstumszurechnung bleibt in diesem Punkt offen.
Der Goldappell als Buchhalterblick
Indien ist nach China der weltgrößte Goldkonsument. Im Fiskaljahr 2025/26 importierte das Land Gold im Wert von rund 72 Milliarden US-Dollar 18, 24 – nach Rohöl der wichtigste Importposten. Allein in den ersten zwei Monaten des Kalenderjahres 2026 flossen für 16,84 Milliarden US-Dollar Gold ins Land. Die größten Lieferanten: Vereinigte Arabische Emirate (20,5 Prozent), Schweiz (17,2 Prozent), Vereinigtes Königreich (13,1 Prozent).
Das Leistungsbilanzdefizit lag im Dezember 2025 bei minus 1,3 Prozent des BIP. Die Devisenreserven betrugen Ende März 2026 rund 691 Milliarden US-Dollar – was etwa elf Monaten Importbedarf entspricht und als komfortable Pufferzone gilt. Komfortabel, solange Ölpreise nicht dauerhaft steigen.
Genau das ist das Szenario, das die Regierung beschäftigt. Indien deckt rund 85 Prozent seines Rohölbedarfs durch Importe. Geopolitische Spannungen – zuletzt der Nahostkonflikt – treiben die Energiepreise. Die Inflationsrate stieg im Juni 2026 auf 4,38 Prozent, den höchsten Stand seit Dezember 2024 und erstmals seit 17 Monaten über dem RBI-Ziel von 4 Prozent. Der Leitzins liegt bei 5,25 Prozent; die Zentralbank hatte ihn zuletzt zur Konjunkturstützung gesenkt und sitzt nun zwischen Wachstumsdruck und Inflationsrisiko.
In dieser Lage wird jeder Dollar, der für Gold ausgegeben wird, dem Devisenpuffer entzogen. Die Regierung hat die Importzölle auf Gold von 6 auf 15 Prozent angehoben 18, 39 – nach einem ähnlichen Schritt 2013, als der Goldanteil an den Gesamtimporten auf 13,4 Prozent kletterte und der damalige Zollsatz von 6 auf 10 Prozent erhöht wurde. Damals sanken die Goldimporte zwischen April und Juli auf rund 60 Tonnen, verglichen mit 250 Tonnen im Vorjahreszeitraum. Der Effekt war real, aber zeitlich begrenzt. Der Gold Control Act von 1968, der Besitz und Handel direkt regulieren sollte, wurde 1990 aufgehoben – unter anderem, weil er Schwarzmärkte ausdehnte statt Nachfrage zu senken.
Modis Appell ist insofern historisch eingeordnet: Preissteuerung funktioniert begrenzt, direkte Regulierung hat sich als kontraproduktiv erwiesen. Bleibt die moralische Mobilisierung – mit unklarer Wirkung gegen eine Nachfrage, die religiös, kulturell und finanziell verankert ist. Gold erzielte 2024 in Indien eine Rendite von 21 Prozent in Rupie und 26 Prozent in Dollar – die höchste aller Anlageklassen. Die RBI selbst baute ihre Goldreserven 2024 um 72,6 Tonnen auf 876 Tonnen aus.
Wachstum ohne formelle Arbeit
Das zweite strukturelle Problem ist das Verhältnis von Wachstum zu Beschäftigung. Indien zählt rund 1,4 Milliarden Einwohner, das Durchschnittsalter liegt bei etwa 28 Jahren. Rund 87 Millionen Menschen zwischen 15 und 29 Jahren waren 2021 weder erwerbstätig noch in Ausbildung. Der informelle Sektor bindet fast 60 Prozent der Arbeitskräfte.
Die Regierung weist auf Erfolge hin: Im Fiskaljahr 2025 wurden 11,3 Millionen neue Beitragszahler bei der Arbeitnehmer-Vorsorgekasse (EPFO) registriert. Seit 2015 wurden über 16 Millionen junge Menschen durch das Qualifizierungsprogramm Pradhan Mantri Kaushal Vikas Yojana ausgebildet. Die Zahl registrierter Start-ups stieg von rund 500 auf über 200.000.
Gleichzeitig ist der Anteil regulär Angestellter von 24 auf 22 Prozent gesunken. Der Selbstständigenanteil stieg von 52 auf 58 Prozent. Selbstständigkeit in Indiens Kontext bedeutet häufig informelle, einkommensunstabile Tätigkeiten. Zwischen 2014 und 2022 erhielten rund 0,5 Prozent der 220 Millionen Bewerber eine Stelle im öffentlichen Dienst. Der Andrang auf staatliche Stellen – gesichert, formell, mit Sozialleistungen – ist ein strukturelles Spiegelbild dieser Lücke.
Was der Herbst zeigt
Die indische Wirtschaft wächst real und robust – getragen von Investitionen, festem Kreditmarkt und einer Binnennachfrage, die trotz Inflation standhält. Die Outperformance im Quartalsvergleich ist kein statistisches Artefakt.
Die offene Frage ist, ob das Modell trägt, wenn Ölpreise dauerhaft erhöht bleiben, der Goldimport die Handelsbilanz weiter belastet und das Beschäftigungswachstum den formellen Sektor nicht erreicht. Woran man es erkennt: Wenn die RBI bis Ende 2026 den Leitzins trotz Wachstum erhöht, ist der Inflationsdruck durch Energiepreise stärker als der binnenwirtschaftliche Rückenwind. Wenn der EPFO-Zuwachs im nächsten Jahresbericht unter zehn Millionen liegt, hat das Investitionswachstum die formelle Beschäftigung nicht mitgezogen.
Modis Appell, kein Gold zu kaufen, ist keine Kuriosität. Er ist ein Fenster in die Haushaltsbilanz einer Volkswirtschaft, die schnell wächst – und deren Wachstum an zwei Stellen noch nicht schließt.
