Ab dem 1. Januar 2027 tritt das Altersvorsorgedepot in Kraft — ein Instrument, das die Riester-Rente ablöst, auch Selbstständigen offensteht und erstmals eine vollständige Investition in Fonds und ETFs ohne Beitragsgarantie erlaubt. Der Preis für diese Flexibilität ist ein höheres Anlagerisiko; der Preis für das Depot selbst soll dagegen sinken. Der Gesetzgeber hat einen Kostendeckel von einem Prozent jährlich festgeschrieben — eine Obergrenze, die keiner der bekannten Anbieter auch nur annähernd ausschöpft.

Scalable Capital bietet Depotführung, Sparpläne sowie Ein- und Auszahlungen kostenlos an. Im ersten Jahr übernimmt das Unternehmen die laufenden Kosten ausgewählter ETFs vollständig, danach deckt es maximal 0,15 Prozent ab. Smartbroker+ geht weiter: Die laufenden ETF-Kosten entfallen für drei Jahre bis zu einem Anlagevolumen von 25.000 Euro. Die DekaBank, das Wertpapierfondsinstitut der Sparkassen-Finanzgruppe, plant ein Standardmodell mit 0,1 Prozent Jahresgebühr auf die laufenden ETF-Kosten, Depotführung und Zulagenverwaltung kostenlos.

Das ist der Markt. Versprochen war ein Kostendeckel von einem Prozent — der Wettbewerb liegt bei einem Zehntel davon oder darunter.

Was zahlen Volksbanken-Kunden? Diese Frage bleibt auffällig offen.

Die Webauftritte der genossenschaftlichen Institute — VR Bank, Frankfurter Volksbank, Volksbank Stuttgart, Volksbank Überlingen — bewerben das Altersvorsorgedepot durchgängig mit dem Hinweis auf persönliche Beratung und die Integration in die Genossenschaftliche Finanzgruppe. Konkrete Effektivkostenquoten, aufgeschlüsselt nach Depotführung, Transaktionskosten und Fondskosten, finden sich auf diesen Seiten nicht. Der Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR) hat öffentlich ein einfaches, kapitalmarktbasiertes Standardprodukt für alle Erwerbstätigen gefordert und die Integration in die Digitale Rentenübersicht als Vorteil bezeichnet — zur Frage, welchen Preis das Produkt haben wird, äußert er sich bislang nicht.

Das ist kein Zufall. Es ist ein Symptom.

Das genossenschaftliche Geschäftsmodell lebt vom Filialvertrieb, von der Beratungsgebühr, vom aktiv gemanagten Fonds. Dieser Verbund hat seinen Mitgliedern über Jahrzehnte Renditen geliefert — aber eben auch Kosten. Aktiv gemanagte Fonds kosten typischerweise zwischen 1,5 und 2 Prozent pro Jahr; passive ETFs liegen bei 0,1 bis 0,2 Prozent. Wer in einem Beratungsmodell auf ETFs zu Nullkosten umstellt, zerlegt die eigene Marge.

Innerhalb der Sparkassenorganisation zeigt die Dekabank, wie ein Verbundunternehmen diesen Spagat schafft: Sie tritt als eigenständiger ETF-Anbieter auf, nutzt das Filialnetz der Sparkassen als Vertriebskanal und kann Skaleneffekte geltend machen, die eine einzelne Volksbank nicht hat. Der Fondsabsatz der Deka stieg im ersten Halbjahr 2026 auf 14,4 Milliarden Euro — gegenüber 11,3 Milliarden Euro im Vorjahreszeitraum, ein Zuwachs von knapp einem Drittel. Das Unternehmen profitiert vom gestiegenen Interesse an Wertpapieren und hat sich frühzeitig als Gegengewicht zu den Neobrokern positioniert.

Die Genossenschaftsorganisation verfügt über kein vergleichbares zentrales Wertpapierfondsinstitut mit dieser Marktposition. Die DZ Bank als Zentralbank der Volksbanken koordiniert Verbundprodukte, aber die operative Preissetzung im Depotgeschäft liegt bei den rund 700 Einzelinstituten — dezentralisiert, kleinräumig, strukturell langsam.

Einer Studie der Wissenschaftsplattform Sustainable Finance zufolge (Publikationsbericht 3/2026) legen Verbraucher beim neuen Altersvorsorgedepot großen Wert auf Sicherheit, niedrige Kosten und Flexibilität. Banken und Sparkassen werden als bevorzugte Anbieter genannt — das Vertrauen ist vorhanden. Zugleich dokumentiert die Studie erhebliche Informationsdefizite, besonders bei Frauen und Haushalten mit geringerem Einkommen, die Garantien auch dann bevorzugen, wenn diese Rendite kosten. Das ist politisch relevant: Wer Beratungsdefizite nicht schließt, riskiert, dass eine Reform, die auf Kapitalmarktrenditen setzt, an Informationsasymmetrien scheitert — nicht an mangelndem Sparwillen.

Das PFOF-Verbot, das Mitte 2026 in Kraft trat, verändert die Erlösstruktur der Neobroker. Bis dahin finanzierten sie kostenlose Order teilweise durch Zahlungen von Handelsplätzen für die Orderweiterleitung. Diese Einnahme entfällt. Wie sich das auf die Kalkulation der Nulltarif-Versprechen ab 2027 auswirkt, ist noch offen — ebenso, ob die befristeten ETF-Gebühren-Erstattungen nach Ablauf der Einführungsphase zu marktüblichen Konditionen führen oder die Lockangebote einer Preiskorrektur nach oben weichen.

Woran sich zeigen wird, ob die genossenschaftliche Seite den strukturellen Nachteil aufholen kann: Wenn die Volksbanken bis zum Start des Altersvorsorgedepots im Januar 2027 keine vergleichbaren Effektivkostenzahlen veröffentlichen — und wenn der BVR keine koordinierte Preisstrategie für die Verbundorganisation benennt —, wird der Marktanteilsverlust an digitale Anbieter kein vorübergehender Einführungseffekt sein, sondern ein struktureller.