Ein Rechenbeispiel, das jeder Anlageberater kennt, aber selten laut ausspricht: Der Vanguard FTSE Global All-Cap UCITS ETF enthält mehr als 10.000 Einzelunternehmen und beansprucht, rund 99 % des globalen Aktienmarkts abzubilden. Die zehn größten Positionen machen dabei 21,7 % des Gesamtgewichts aus. Mathematisch heißt das: Die restlichen 9.990 Unternehmen teilen sich weniger als 80 % des Kuchens – und wer den ETF kauft, hält mehr Apple, Microsoft und Nvidia als alles, was ein normaler Mensch in einer Lebensspanne je lesen, googeln oder nutzen könnte.

Das ist kein Versagen von Vanguard. Es ist die Konsequenz marktkapitalisierungsgewichteter Indizes: Je mehr ein Unternehmen wert ist, desto mehr davon kauft der ETF automatisch. Ein Produkt, das den Markt abbildet, bildet eben den Markt ab – und der Markt konzentriert sich.

Die Kulisse des großen Schutzversprechens

Die Stärke breit gestreuter ETFs liegt in der Eliminierung unsystematischer Risiken: kein Wirecard-Schock mehr, kein einzelner CEO mit krimineller Energie, der ein Portfolio versenkt. Das stimmt. Wirecard verschwand 2020 aus den DAX-ETFs – spät, aber es passierte. Wer den gesamten deutschen Aktienmarkt hielt, verlor in diesem Segment, aber nicht alles.

Was Diversifikation nicht kann: das systematische Marktrisiko beseitigen. Wer im März 2020 alle Aktien der Welt hielt, verlor alle Aktien der Welt gleichzeitig. Das Versprechen lautet nicht Schutz vor Marktabstürzen, sondern Schutz vor dem Einzelunglück – und genau dieses bescheidenere Versprechen wird in der Vermarktung gern zur Totalimmunität aufgeblasen.

Das Klumpenrisiko im MSCI World ist inzwischen ein offenes Geheimnis. Die sogenannten Magnificent Seven – Nvidia, Apple, Microsoft, Amazon, Alphabet, Meta und Tesla – machen allein über ein Fünftel des Index aus. Der US-Anteil insgesamt liegt bei rund 73 %, der Technologiesektor bei fast 29 %. Fidelity-Experte Stefan Kuhn hat dieses Ungleichgewicht öffentlich als strukturelles Problem benannt: Der MSCI World ist, bei aller Breite, de facto eine Wette auf die Robustheit der amerikanischen Technologiebranche.

Die Schwellenländer-Hoffnung, nüchtern betrachtet

Eine verbreitete Gegentherapie lautet: Schwellenländer beimischen, Korrelation senken, echte geografische Dekorrelation herstellen. Der MSCI Emerging Markets umfasst 24 Länder, darunter China, Indien, Brasilien. Klingt nach echtem Gegenpol.

Die historische Empirie ist freundlicher zur Idee als zur Praxis. Die Korrelation zwischen Schwellen- und Industrieländeraktien liegt je nach Marktphase zwischen 0,5 und 0,7 – niedrig genug, um im Lehrbuch als Diversifikationsgewinn zu gelten. In starken Aufwärtsphasen können Schwellenländer-ETFs Industrieländer übertreffen. Gut für das Portfolio, aber kein Schutz.

Das Problem liegt in der Krisenphysik: In globalen Abverkäufen steigen die Korrelationen. Wer Dekorrelation am nötigsten braucht – wenn alle Märkte gleichzeitig einbrechen –, bekommt sie am wenigsten. 2020 fiel der MSCI Emerging Markets im Corona-Crash mit, 2022 ebenfalls. Dass Schwellenländer 2021 mehr als zwei Prozentpunkte schlechter abschnitten als der MSCI World, zeigt zusätzlich: Die Beimischung kann auch in ruhigen Phasen Rendite kosten, ohne in der Krise zu helfen.

Hinzu kommt ein zweites Problem, das selten benannt wird: Schwellenländer-ETFs konzentrieren sich selbst. China macht im MSCI Emerging Markets einen erheblichen Teil aus; einzelne Halbleiter- oder Energiekonzerne dominieren Länderindizes. Wer das Klumpenrisiko durch Schwellenländer-Beimischung löst, schichtet es häufig nur um.

Was die Kosten verschweigen

Die TER des Vanguard FTSE Global All-Cap liegt bei 0,07 % jährlich – ein Wert, der zu Recht als Argument für passive Indexfonds gilt. Was diese Zahl nicht abbildet: die impliziten Kosten der Marktkapitalisierungsgewichtung. Ein Index, der übergewichtete Unternehmen automatisch weiter kauft und gefallene hält, solange sie im Index bleiben, folgt strukturell der Vergangenheitsrendite. Er kauft, was teuer geworden ist. Das ist kein Gebührenposten, aber ein Kostenfaktor.

Das stärkste Argument der Gegenseite verdient seinen Platz: Kein aktiver Fondsmanager hat Wirecard zuverlässig früher identifiziert. Die Mehrheit aktiv gemanagter Fonds underperformt ihren Referenzindex nach Kosten. Die Überlegung, ein konzentriertes ETF-Portfolio durch teurere aktive Produkte zu ersetzen, beantwortet das Klumpenrisiko nicht – sie verlagert es auf menschliche Fehleinschätzungen, die statistisch teurer sind. Wer das Marktportfolio hält und das Konzentrationsrisiko kennt, ist besser aufgestellt als wer es durch ein Produkt mit 1,5 % TER und falschen Versprechen ersetzt.

Was trotzdem gilt – und was nicht

Ein Prozentpunkt Gebühr klingt nach wenig. Über dreißig Jahre ist es ein Viertel des Endvermögens. Dieser Satz stimmt, und er ist das beste Argument für kostengünstige Indexprodukte. Er beantwortet aber nicht die Frage, ob ein Produkt mit 10.000 Positionen gegen Konzentrationsrisiken schützt. Das tut es nicht – und sollte es auch nicht behaupten.

Diversifikation ist das mächtigste kostenlose Werkzeug, das Privatanlegern zur Verfügung steht. Aber sie schützt vor spezifischen Risiken, nicht vor dem Markt selbst. Wer glaubt, mit einem Welt-ETF jede Form von Klumpenrisiko beseitigt zu haben, hat das Produktversprechen mit der Realität verwechselt. Apple, Microsoft und Nvidia machen zusammen mehr aus als alle deutschen, französischen und britischen Unternehmen im Index. Das ist die Welt, wie sie gerade ist. Der Fonds bildet sie ab – er heilt sie nicht.

Die Antwort liegt nicht im besseren Produkt. Sie liegt im richtigen Verständnis dessen, was Streuung leistet – und was sie lässt.