Christine Lagarde hat am 10. September 2026 den Leitzins erhöht, weil die Inflation bei 2,9 % lag. Dass 90 % dieser Inflation aus Angebotsschocks an der Straße von Hormus stammen — das haben EZB-Ökonomen selbst berechnet. Der Rat weiß, womit er es zu tun hat. Er handelt trotzdem so, als wäre es etwas anderes.

Das ist nicht Ignoranz. Das ist eine Wette: Die EZB setzt darauf, dass der Zinsimpuls die Inflationserwartungen verankert, bevor die Zweitrundeneffekte über Löhne die importierte Energie-Inflation in eine hausgemachte verwandeln. Die Wette hat eine innere Logik. Sie hat auch einen Preis — und der wird im Briefing der Notenbank nicht geführt.

Was der Zinsmechanismus kann und was nicht. Ein höherer Leitzins bremst Kreditnachfrage, kühlt Investitionen, senkt Konsum. Er macht Rohöl nicht billiger. Wer eine Angebotsverknappung mit Nachfragebekämpfung bekämpft, löst das Problem nicht; er verlagert den Schmerz. Der klassische Transmissionsmechanismus setzt voraus, dass die Inflation durch überhitzende Nachfrage entsteht — dann bricht der Zins das Fieber. Entsteht sie durch einen externen Angebotsschock, wirkt er wie ein Aderlass am falschen Patienten: Die Wunde bleibt offen, der Körper wird schwächer.

Das stärkste Argument für Lagardes Kurs lautet: Inflationserwartungen sind selbsterfüllend. Wenn Gewerkschaften und Unternehmen davon ausgehen, dass die Inflation hoch bleibt, werden Lohnabschlüsse und Preissetzung sie hoch halten — unabhängig davon, was an der Straße von Hormus passiert. Eine Zentralbank, die das duldet, verliert ihre wichtigste Ressource: die Glaubwürdigkeit. Dieses Argument ist nicht konstruiert; es ist der Kern der modernen Geldpolitik, und er verdient Respekt.

Aber er trägt nur bis zu dem Punkt, an dem die Nebenwirkungen die Krankheit überwiegen.

Der IW-Befund ist dieser Punkt. Im März 2026 — vor der zweiten Zinserhöhung — gaben 19 % der befragten deutschen Unternehmen an, auf Investitionen zu verzichten. Das Briefing nennt keinen Sektor-Aufschlüssel, und das ist eine echte Lücke. Aber die Richtung ist strukturell: Digitalisierung und Energieumbau sind kapitalintensiv, langfristig amortisierend und zinssensitiv. Wer ein Rechenzentrum oder eine Wärmepumpenanlage plant, rechnet mit Finanzierungskosten über zehn bis zwanzig Jahre. Die Zinserhöhung trifft genau diese Investitionen — nicht die laufenden Löhne, nicht den Konsum bei Nahrungsmitteln, nicht den Ölimport.

Deutsche Unternehmen haben im ersten Halbjahr 2026 ein Drittel mehr in China investiert als im Vorjahr; die USA-Investitionen sanken. Das ist kein Zufall. Kapital wandert dorthin, wo die Finanzierungsbedingungen stimmen. Wenn Europa die Kreditkosten erhöht, während Produktionsverlagerungen nach Asien günstiger werden, beschleunigt die Zinserhöhung genau die Deindustrialisierung, die sie durch stabile Preise verhindern soll.

Der Vergleich mit der Fed schärft das Bild. Kevin Warsh hält die Fed seit Juli 2026 bei einem Zielband von 3,50 % bis 3,75 % stabil — höher als die EZB, aber ohne weitere Anhebung. Warsh betont Preisstabilität, hat aber angekündigt, weniger auf Forward Guidance zu setzen und stärker auf laufende Daten zu reagieren. Die EZB agiert spiegelbildlich: Sie kommuniziert klar, handelt aber auf der Grundlage von Prognosen, die die Angebotsseite als gegeben behandeln. Der entscheidende Unterschied liegt in der Doppelmandatfrage: Die Fed legt gesetzlich auf Beschäftigung und Preisstabilität gleichen Wert; der EZB-Vertrag kennt nur ein primäres Mandat — Preisstabilität. Das ist keine Schwäche Lagardes, sondern der Rahmen, in dem sie operiert. Er erklärt, warum die EZB den Arbeitsmarkt beobachtet, ohne ihn zu gewichten.

Der rituelle Charakter der Entscheidung. EZB-Beschlüsse folgen einer Grammatik der Entschlossenheit: Die Inflation liegt über dem Ziel, der Rat handelt, die Prognosen werden nach oben revidiert. Für 2026 bleiben 3,0 % Gesamtinflation, für 2027 steigen die Prognosen. Das Wachstum wird für 2026 bei 0,9 % erwartet — Stagnation mit Aufwärtsrevision. In dieser Konstellation signalisiert die Zinserhöhung: Wir sind seriös. Wir weichen nicht. Das ist Kommunikationspolitik in Zinsform.

Gut darin, die Erwartungen zu verankern. Schwächer darin, zwischen Inflation mit und ohne Zinsantwort zu unterscheiden.

Der Rat vertagt keine Entscheidung; er trifft eine. Ihre Kosten tragen die Unternehmen, die jetzt keine Wärmepumpenfabrik bauen, kein Serverpark finanzieren, keine Produktionslinie umrüsten. Diese Investitionen kommen entweder ein Jahr später — oder gar nicht. Kapital hat kein Gedächtnis für verpasste Gelegenheiten.

Lagarde kann die Straße von Hormus nicht öffnen. Aber sie kann entscheiden, wie teuer Europa den Schock bezahlt. Der Zins ist nicht das falsche Instrument für jede Inflation. Er ist das falsche Instrument für diese.