Die Inflation im August 2026: 2,9 Prozent. Die Differenz ist kein Buchungsfehler, sie ist Kaufkraftverlust im Maßstab einer Volkswirtschaft.
Das Geld liegt, und es schrumpft. Nicht dramatisch, nicht von einem Monat zum nächsten — sondern gleichmäßig, Jahr für Jahr, in einer Größenordnung, die sich erst über Jahrzehnte vollständig zeigt. Das ist die Eigenart des Kaufkraftverlusts: Er hinterlässt keine roten Zahlen auf dem Kontoauszug. Der Saldo bleibt, der Wert sinkt.
Für 2026 lässt sich das konkret rechnen. Die Inflationsrate lag im August bei 2,9 Prozent, Destatis meldete für Juli noch 2,7 Prozent. Wer sein Geld auf einem typischen Tagesgeldkonto einer Sparkasse oder Volksbank geparkt hat, erhält im Schnitt 0,4 bis 0,5 Prozent Zins. Die Lücke beträgt damit gut zweieinhalb Prozentpunkte — pro Jahr, auf jedes Prozent des Bestands, unaufhörlich.
Was das für eine Bilanz bedeutet
Nehmen wir die Zahl aus dem Februar 2026: 1.941 Milliarden Euro auf deutschen Tagesgeldkonten. Nicht das gesamte Volumen ist betroffen — Direktbanken bieten Neukunden zeitlich befristete Zinsen von bis zu 4,0 Prozent an, was rechnerisch über der Inflation liegt. Aber diese Angebote gelten für Neukunden, laufen nach wenigen Monaten aus und setzen Wechselbereitschaft voraus.
Der strukturelle Kern des Problems liegt bei den Bestandseinlagen bei Filialbanken. Sparkassen und Volksbanken zahlen laut Marktdaten im Schnitt unter 0,5 Prozent, teils erheblich weniger. Wer dort Geld stehen lässt — ohne aktiv zu suchen, ohne zu wechseln —, zahlt die Differenz zwischen Nominalzins und Inflationsrate aus dem eigenen Vermögen.
Die Bundesbank weist in ihrem Monatsbericht darauf hin, dass die Weitergabe von EZB-Zinserhöhungen an Einlagekunden im Euroraum asymmetrisch verläuft: Kredite wurden teurer, Einlagen nicht proportional attraktiver. Der EZB-Einlagenzins lag Mitte September 2026 bei 2,50 Prozent — deutlich über den Zinsen, die Filialbanken an Privatsparer weitergeben.
Wer es besonders trifft
Die Vermögensverteilung nach Altersgruppen, die das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) für 2023 ausgewertet hat, zeigt: Das Medianvermögen erreicht bei den 55- bis 64-Jährigen mit 241.100 Euro seinen Höchstwert. Diese Altersgruppe hat das höchste Vermögen — und zugleich, das belegen Umfragen konsistent, die geringste Bereitschaft zu Vermögensumschichtungen.
Das Problem ist nicht, dass ältere Haushalte mehr Geld auf Konten haben. Das Problem ist, dass das höchste Privatvermögen ausgerechnet dort konzentriert ist, wo die Immobilität am größten und die Bankbeziehung am ältesten ist. Haushalte mit kleinerem Vermögen sind von Inflation stärker betroffen, weil Kapitalmarktgewinne fehlen — Haushalte mit großem Vermögen tragen absolut höhere Verluste, weil die Beträge größer sind.
Eine Inflation von 2,5 Prozent kostet 10.000 Euro über zehn Jahre rund 2.200 Euro Kaufkraft — ohne jeden Zins. Bei 50.000 Euro und zwei Prozent Inflation über zehn Jahre sind es rechnerisch rund 9.100 Euro weniger Kaufkraft. Der Kontoauszug zeigt weiter 50.000.
Der europäische Vergleich
Im Euroraum lagen die Spareinlagen im Juli 2026 bei rund 9.857 Milliarden Euro. Die Zinssätze variieren erheblich: Deutschland und Frankreich wiesen laut Marktdaten zuletzt mit rund 2,3 Prozent die höchsten Nominalzinsen aus, Italien und Griechenland lagen mit etwa 0,25 Prozent deutlich darunter. Da die Inflationsraten innerhalb des Euroraums ebenfalls divergieren, sind direkte Realzinsvergleiche zwischen Ländern ohne Länderindex nur begrenzt aussagekräftig.
Für Deutschland gilt: Festgeld bis zwei Jahre Laufzeit rentierte im Juli 2026 nominal mit 2,12 Prozent — bei einer Inflationsrate von 2,9 Prozent im August damit real negativ. Das bedeutet, dass selbst wer aktiv handelt und Festgeld abschließt, in diesem Zeitraum Kaufkraft verliert.
Kontrast-Satz: Versprochen war der Ausgleich der Inflation durch den Zinsauftrieb der EZB — gemessen am Juli 2026 liegt das Festgeld nominal bei 2,12 Prozent, die Inflation bei 2,9 Prozent.
Was die EZB-Zinserhöhungen bisher bewirkten
Die EZB hat seit Juni 2024 die Leitzinsen mehrfach angehoben. Der Effekt auf Bestandseinlagen in Deutschland ist messbar, aber begrenzt. Die LBBW prognostiziert für 2026 eine Inflation zwischen 2,2 und 2,9 Prozent, abhängig von Monat und Methode. Gleichzeitig zeigt der Markt, dass die Zinserhöhung der EZB vor allem Direktbanken und Neukunden-Aktionen angetrieben hat — strukturell hat sich die Weitergabe an treue Bestandskunden nicht verändert.
Die Commerzbank stellt in einer eigenen Analyse fest, dass Deutschland zwar viel spart, aber zu wenig investiert. Die Sparquote bleibt hoch; der Anteil, der in renditestärkere Anlagen fließt, steigt — aber langsam.
Was bleibt offen
Wie viel von den 1.941 Milliarden Euro konkret unter der Inflationsrate verzinst wird, lässt sich nicht exakt beziffern. Die Zahl umfasst alle Tagesgeldeinlagen, unabhängig vom Zinssatz. Eine Aufschlüsselung nach Bankentyp und Zinshöhe existiert nicht in aggregierter Form. Das ist eine Datenlücke — und sie dürfte die tatsächlich betroffene Summe eher unterschätzen, weil Girokonten in dieser Erhebung nicht enthalten sind. Auf Girokonten sind die Zinsen tendenziell noch niedriger als auf Tagesgeldern, oft null.
In drei Monaten wird sich zeigen, ob die Inflationsrate in Deutschland unter 2,5 Prozent fällt — dann würden die besseren Tagesgeld-Angebote erstmals strukturell in die Nähe eines Realzinsausgleichs kommen. Bleibt die Inflation auf dem August-Niveau von 2,9 Prozent, weitet sich die Lücke weiter.
