Leonardo Del Vecchio hat Luxottica aus Agordo, einem Alpendorf mit 4.000 Einwohnern, zu einem Weltkonzern gemacht. Wer heute Ray-Ban trägt, Oakley, Persol oder eine Armani-Brille, trägt Del Vecchios Fabrik. 2018 fusionierte er Luxottica mit dem französischen Linsenhersteller Essilor zum größten Brillenkonzern der Welt, kurz vor seinem Tod im Juni 2022 machte er Francesco Milleri zu seinem Nachfolger an der Unternehmensspitze. Was er nicht regelte: die Frage, wer die Familie führt.

Diese Auslassung kostet jetzt viel Geld.

Im Januar 2026 legte Rocco Basilico, ein Sohn des Gründers, sein Amt als Chief Wearables Officer nieder. Im August desselben Jahres folgte sein Halbbruder Leonardo Maria Del Vecchio, bis dahin Chief Strategy Officer und Präsident der Marke Ray-Ban. Sein Abgang war laut: Er kritisierte Milleris Stil als distanziert und unpersönlich und erklärte, die mitarbeiterzentrierte Kultur seines Vaters sei verloren gegangen. Dass er gleichzeitig einen Leveraged Buyout der Geschwisteranteile an der Familienholding Delfin erwägt, macht deutlich, was dahinter steckt: Es geht nicht um Unternehmenskultur, es geht um Kontrolle.

Die stärkste Lesart der Gegenseite verdient ihren Platz. Milleris Verteidiger werden sagen, dass er Ordnung in ein Integrationschaos gebracht hat. Die Fusion von Essilor und Luxottica war von Beginn an ein Kulturkampf — zwei Unternehmen, zwei Nationalitäten, zwei Egozonen. Die Umstrukturierung von Dezember 2020, die Milleri die alleinige Führung gab und den Co-Executive-Vice-Chairman Hubert Sagnières von der Essilor-Seite hinausdrängte, stabilisierte das operative Geschäft tatsächlich. Auch die GrandVision-Übernahme 2021, nach einem Schiedsverfahren und jahrelangem Ringen vollzogen, war kein handwerklicher Fehler. Wer Ordnung herstellt, macht sich unbeliebt — das ist keine Ausnahme, das ist die Regel.

Dieser Einwand verdient Respekt, er erklärt aber nicht, was auf dem Tisch liegt. Das Problem ist strukturell, nicht persönlich.

Milleri ist CEO von EssilorLuxottica und Chairman von Delfin — der Familienholding, die 32,4 Prozent der Aktien hält und damit die entscheidende Kontrollposition im Konzern. Er beaufsichtigt sich als Unternehmenschef selbst, aus seiner Rolle als Hüter des Familienvermögens. Kein Stimmrechtsberater, der sein Handwerk beherrscht, würde diese Konstruktion als stabile Governance bezeichnen. Sie ist es, weil Del Vecchio senior sie so wollte — und sie ist ein Pulverfass, weil Del Vecchio senior nicht mehr lebt.

Das Maßstab dieser Einschätzung ist die Effizienz-Achse: Führungsstrukturen, die Entscheidungen blockieren oder Kapital vernichten, ohne operativen Gegenwert zu erzeugen, sind schlechte Strukturen — unabhängig davon, ob sie aus Tradition oder Zuneigung entstanden sind. 146,80 Euro kostet die Aktie derzeit (Stand 9. September 2026), verglichen mit dem Novemberhoch 2025 bei 323,80 Euro — ein Minus von mehr als 50 Prozent. Das 500-Millionen-Euro-Aktienrückkaufprogramm, das das Unternehmen im September 2026 ankündigte, ist die Antwort eines Managements, das nicht weiß, was es sonst sagen soll. Rückkäufe können Vertrauen stärken, wenn das operative Geschäft stark ist und die Aktie günstig bewertet. Sie können keinen Erbschaftsstreit lösen.

Hier liegt das eigentliche Lehrstück dieses Falls — und es geht weit über einen Brillenkonzern hinaus. Der europäische Konzernkapitalismus liebt die Erzählung vom Familienunternehmen: langfristig denkend, wertestabil, resistent gegen den Quartalsdruck der Börse. Diese Erzählung stimmt, solange der Gründer lebt. Was sie verschweigt: Ein Familienunternehmen mit gelöster Nachfolge ist ein Stabilitätsvorteil. Ein Familienunternehmen mit ungeklärter Erbfolge ist ein Governance-Risiko, das in keiner Ratingagentur-Analyse auftaucht und in keinem Aktienprospekt steht — bis es explodiert.

EssilorLuxottica produziert die besten Brillenfassungen der Welt. Gut darin, ein Monopol aufzubauen; erkennbar schwächer darin, dessen Erbe zu verwalten. Der Clan streitet, das Kapital läuft.