Die Nominalrendite von 3,53 Prozent am 23. September 2026 klingt anständig, wenn man die letzten fünfzehn Jahre als Vergleich nimmt. Nimmt man stattdessen die Inflationsrate von 2,9 Prozent im August 2026, bleibt real kaum etwas übrig. Für einen Anleger, der 2020 eine zehnjährige Bundesanleihe zum damaligen Marktzins kaufte, sieht die Lage noch karger aus: Der Kurs ist gefallen, die Nominalrendite war jahrelang nahe null, die reale Entwertung war erheblich. Das ist kein Pech. Das ist das Modell.

Das stärkste Gegenargument lautet: Die EZB erhöht die Zinsen, die Inflation sinkt, und damit stabilisiert sich der Anleihenmarkt auf einem Niveau, das wieder attraktive Realrenditen erlaubt. EZB-Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel hat sich klar für weitere Straffung ausgesprochen, und der Einlagenzins lag nach der September-Erhöhung bei 2,5 Prozent. Wenn die Inflation auf unter zwei Prozent sinkt und die EZB pausiert, würden Neuanleihen mit drei bis dreieinhalb Prozent tatsächlich real positiv rentieren.

Die Rechnung stimmt, aber sie hat einen Fehler: Sie gilt für neue Anleihen, nicht für bestehende Depots. Wer heute höhere Zinsen kauft, hat gestern Kursverluste erlitten. Wer 2020 einen Rentenfonds kaufte, wartet auf eine Erholung, die der Markt strukturell nicht mehr hergeben kann — nicht weil die Anleihen schlecht sind, sondern weil der vierzig Jahre währende Abwärtstrend bei den Zinsen vorbei ist. Steigende Zinsen bedeuten fallende Kurse; jede weitere EZB-Erhöhung produziert neue Buchverluste, bevor sie künftig höhere Kupons liefert. Das ist keine Ansicht, das ist die Arithmetik des Anleihenmarkts.

76 Prozent der befragten institutionellen Anleger wollen US-Aktien reduzieren oder halten, 88 Prozent wollen europäische Aktien aufstocken, 47 Prozent planen eine höhere Allokation in Private Credit. Das sind keine spekulativen Wetten, sondern die nüchterne Reaktion professioneller Portfoliomanager auf das Ende einer Ära. Privatanleger in Deutschland dagegen halten im Schnitt weiterhin konservative Mischfonds und klassische Rentenfonds — Produkte, die in einer Niedrigzinsphase entwickelt wurden und deren implizite Renditeannahmen schlicht überholt sind.

Die Finanzberatung hat das Geschäftsmodell der Beruhigung. Sie hat dreißig Jahre lang Sicherheit verkauft — und Sicherheit ließ sich verkaufen, weil fallende Zinsen die Anleihekurse trieben und die versprochene Stabilität sich im Depot materialisierte. Das war kein Verdienst des Produkts, sondern ein Tailwind, der jetzt Gegenwind geworden ist. Ein Rentenfonds ohne reale Rendite ist kein Sicherheitsnetz. Er ist ein Entwertungspfad mit angenehmer Bezeichnung.

Das Argument „aber Festgeld gibt jetzt wieder Zinsen" bestätigt die These eher, als dass es ihr widerspricht. Wer Festgeld als Rückkehr zur alten Normalität verkauft, sollte erklären, welche Rendite nach Steuern und Inflation übrig bleibt — und warum jemand, der 2022 in einen Rentenfonds einzahlte, jetzt so tut, als hätten die Verluste nicht stattgefunden.

14,1 Millionen Menschen in Deutschland investierten zuletzt in Aktien, Fonds oder ETFs. Das ist eine Ausweitung, die aus den Rekordmärkten 2025 stammt — DAX plus 25 Prozent, Gold plus 60 Prozent. Ob diese Anleger verstehen, was in ihren konservativen Fondsanteilen steckt und warum deren Wertenwicklung dem DAX nicht folgt, ist die eigentliche Frage, die Beratungsgespräche beantworten müssten.

Die Antwort, die stattdessen gegeben wird: Ruhe bewahren, diversifiziert bleiben, Laufzeiten abwarten. Das ist kein schlechter Rat für das einzelne Papier. Als Systemantwort auf einen Strukturbruch ist er falsch. Wer auf Rückkehr zur Zinsfiktion wartet, wartet auf eine Welt, die es nicht mehr gibt.

Sicherheit als Konzept ist nicht verschwunden. Sicherheit als Renditeversprechen via Bundesanleihe und konservativem Rentenfonds schon. Der Unterschied wäre das Erste, das ein Beratungsgespräch klären sollte. Meistens klärt er das Letzte.