Die Targobank wirbt mit 3,25 % für vier Monate — für Beträge bis zu einer Million Euro, befristet, für Neukunden. Die Deutsche Bank bietet ihr Flexgeld mit 0,50 % für alle anderen. Beide Zahlen stehen in derselben Produktkategorie. Wer zwischen ihnen nicht unterscheidet, zahlt für seine Unwissenheit.
Zwei Märkte, ein Name
Tagesgeld funktioniert heute nach einem zweigeteilten Mechanismus: Aktionskondition für frisches Geld, Standardzins für alles, was bleibt. Das ist keine Regulierungsarbitrage, sondern Geschäftsmodell. Die Banken konkurrieren nicht um den treuen Sparer, sondern um den wechselbereiten Neukunden — und der trägt den Zins wieder mit, wenn er geht. Die Folge ist ein Tagesgeld-Markt, auf dem die beworbenen Konditionen für Bestandskunden weitgehend irrelevant sind.
Geldmarkt-ETFs operieren auf einem anderen Prinzip. Sie bilden den €STR ab — die Euro Short-Term Rate, berechnet täglich aus besicherten Übernacht-Transaktionen zwischen Banken. Der €STR lag im September 2026 bei rund 2,15 %, orientiert sich eng am EZB-Einlagensatz von 2,50 % und bewegt sich mit jedem Leitzinsschritt mit. Ein ETF, der diesen Index abbildet, gibt den Marktzins automatisch weiter — abzüglich der TER.
Was die TER tatsächlich kostet
Die TER marktgängiger Geldmarkt-ETFs liegt zwischen 0,05 % und 0,10 % pro Jahr. Das bedeutet: Bei einem €STR von 2,15 % verbleibt nach Fondskosten eine Bruttorendite von rund 2,05 % bis 2,10 %. Aktiv gemanagte Geldmarktfonds kosten nach vorliegenden Angaben ein Vielfaches davon; die Tendenz aus mehreren Quellen ist eindeutig: höhere Verwaltungsgebühren, kein systematischer Renditevorteil gegenüber dem Index. Wer denselben €STR aktiv managen lässt, zahlt für die Verwaltung eines Zielzinses, den der Markt ohnehin setzt.
Zum Vergleich: Die Deutsche Bank Flexgeld läuft bei 0,50 % — ein Abstand von gut 1,55 Prozentpunkten zum ETF-Äquivalent. Über 10.000 Euro und zwölf Monate gerechnet entspricht das einem Unterschied von rund 155 Euro vor Steuern. Dieses Geld ist kein Naturgesetz, es ist die Marge des Kreditinstituts.
Wo der Geldmarkt-ETF seine Grenzen hat
Die Sicherheitsarchitektur ist verschieden, und das ist kein Nebenpunkt. Tagesgeld fällt unter die gesetzliche Einlagensicherung bis 100.000 Euro je Bank und Kunde — ein staatlich garantierter Puffer, der im Insolvenzfall schützt. Geldmarkt-ETFs sind Sondervermögen: Im Fall einer Insolvenz der Fondsgesellschaft sind die Vermögenswerte vom Gesellschaftsvermögen getrennt und damit geschützt, sie fallen aber nicht unter die Einlagensicherung. Wer das unterscheidet, trifft eine informierte Entscheidung; wer es nicht unterscheidet, vergleicht Äpfel mit Birnen.
Hinzu kommt die Liquiditätsstruktur. Tagesgeld ist täglich verfügbar. Ein ETF-Verkauf schlägt sich erst nach zwei Handelstagen (T+2) im Depot nieder. Für Liquiditätsreserven, die wirklich sofort greifbar sein müssen, ist das eine relevante Einschränkung. Ebenso: Bei kleinen Beträgen unter 3.000 bis 5.000 Euro schmälern Ordergebühren die ETF-Rendite spürbar — das Instrument skaliert nach oben, nicht nach unten.
Schließlich die Besteuerung: Zinsen aus Tagesgeld und Erträge aus Geldmarkt-ETFs unterliegen in Deutschland gleichermaßen der Abgeltungssteuer von 25 % zuzüglich Solidaritätszuschlag. Geldmarktfonds erhalten keine Teilfreistellung. Ein Steuervorteil zugunsten des ETF besteht nicht.
Zinsstruktur und EZB-Erwartungen
Die EZB hat am 10. September 2026 den Einlagensatz auf 2,50 % angehoben — als Teil einer Straffungsserie, die im Juni 2026 begann. Die eigene Inflationsprognose der EZB für 2026 liegt bei 3,0 %, womit der Realzins eines Geldmarkt-ETF nach aktuellem Stand leicht negativ bleibt. Die EZB erwartet 2027 eine Inflation von 2,5 % und 2028 von 2,1 %. Marktpreise deuten auf weitere Erhöhungen im Oktober und Dezember 2026 hin. Geldmarkt-ETFs würden davon direkt profitieren: Steigt der Einlagensatz, steigt der €STR, steigt die ETF-Rendite — ohne Vertragsänderung, ohne Neugeld-Klausel.
Tagesgeld reagiert auf Zinserhöhungen in der Praxis zögerlich. Der Mechanismus ist asymmetrisch: Banken geben steigende Zinsen langsam nach oben weiter, senkende Zinsen schnell nach unten. Das ist nicht Böswilligkeit, sondern Margensicherung — und für den Anleger de facto ein Tracking-Error gegenüber dem Markt.
Was entscheidet
Der Befund ist präzise: Für Beträge ab 3.000 bis 5.000 Euro, Anlagehorizonte von mindestens einigen Wochen und Anleger ohne täglichen Liquiditätsbedarf liefert ein Geldmarkt-ETF mit niedriger TER den Marktzins — automatisch, transparent, ohne Neugeld-Spielregeln. Der Preis dafür ist der Verzicht auf die staatliche Einlagensicherung und auf sofortige Verfügbarkeit.
Ob dieser Preis akzeptabel ist, hängt von drei Fragen ab: Wie groß ist der Betrag? Wie schnell muss er greifbar sein? Wie relevant ist die Einlagensicherung angesichts der Bonität der infrage kommenden Emittenten? Wer diese drei Fragen beantwortet hat, hat die Produktentscheidung bereits getroffen.
Woran sich zeigen wird, ob die EZB-Zinserwartungen eingepreist sind: Wenn der Markt bis Jahresende weitere 50 Basispunkte erwartet und sie nicht kommen, werden Geldmarkt-ETFs geringfügig weniger abwerfen als eingepreist — Tagesgeld wird davon nicht profitieren, weil es den Anstieg ohnehin nicht vollständig weitergegeben hat.
