BASF-Chef Markus Kamieth braucht keine neue Idee. Er braucht eine größere Bilanz. Am 25. September 2026 bestätigte BASF Sondierungen mit der RAG-Stiftung und Evonik über eine mögliche vollständige Übernahme des Essener Spezialchemiekonzerns. Evonik-Aktien stiegen zeitweise um elf Prozent, BASF-Papiere gaben mehr als drei Prozent nach. Der Markt bewertet das Vorhaben also schon im Ankündigungsstadium asymmetrisch: gut für den Verkäufer, ungewiss für den Käufer.

Das erklärt sich aus der Ausgangslage beider Unternehmen.

Evonik erwirtschaftete 2025 rund 14,1 Milliarden Euro Umsatz und steckt mitten in einer Restrukturierung: Bis Ende 2029 sollen rund 3.200 Stellen wegfallen, davon 2.150 in Deutschland. Zwei Geschäftsbereiche — Oxeno (Oxoalkohole, Weichmacher-Vorprodukte) und Syneqt (ehemals Performance Intermediates) — stehen zum Verkauf. Evonik gliedert sich heute in drei Segmente: Advanced Technologies, Custom Solutions und Infrastructure. Der Wert des Unternehmens inklusive Nettoverschuldung wird auf rund 12 Milliarden Euro geschätzt, die Marktkapitalisierung lag am Tag der Bestätigung bei etwa 8,4 Milliarden Euro.

BASF, mit 59,7 Milliarden Euro Umsatz im Jahr 2025 der größte Chemiekonzern der Welt nach Umsatz, ist seinerseits nicht in ruhigem Fahrwasser. Der Konzern sortiert sein Portfolio: Die Sparte Agricultural Solutions soll Mitte 2027 an die Börse. Die Kerngeschäfte — Chemicals, Materials, Industrial Solutions, Nutrition & Care — sollen profitabel wachsen; die sogenannten Standalone Businesses (Surface Technologies, Agricultural Solutions) werden davon getrennt geführt. Seit Anfang 2026 hat BASF mit Banken über eine mögliche Finanzierungsstruktur für den Evonik-Deal gesprochen.

Was BASF kaufen will — und was es kostet

Portfolio-Überschneidungen existieren, sind aber begrenzt. BASF ist stark in Basischemikalien und Spezialchemikalien für Automobil, Landwirtschaft und Verpackung. Evoniks Stärken liegen in engeren Nischen: Hochleistungspolymere (VESTAMID, VESTAKEEP), Additive für Kunststoffe und Lacke, Spezialtenside und Aminosäuren für Tierfutter. Das Segment Advanced Technologies enthält Technologien mit höherem Differenzierungsgrad — genau jene Bereiche, die BASF fehlen, weil die eigene Strategie lange auf Volumenwachstum in der Basischemie setzte.

Aus Sicht der strategischen Logik ist der Zukauf erklärbar: Evonik bringt Margen mit, die in BASF-Massengeschäften strukturell schwerer zu erzielen sind. Doch der Kaufpreis von rund 12 Milliarden Euro setzt BASF in einer Phase unter Druck, in der der Konzern seine Schulden eigentlich reduziert. Die Gegenläufigkeit — hier Entschuldung und IPO-Vorbereitung, dort Milliarden-Akquisition — ist kein Widerspruch, sondern Kalkulation: Der Agricultural-Solutions-Börsengang soll Spielraum schaffen. Wie groß dieser Spielraum tatsächlich ist, hängt von Bewertungen ab, die noch nicht feststehen.

Die Kostenklemme, die keine Fusion löst

Europäische Erdgaspreise lagen 2026 etwa dreimal so hoch wie in den USA — ein Strukturproblem für energieintensive Produktion, das sich seit dem russischen Angriff auf die Ukraine 2022 dauerhaft verändert hat. Deutsche Lohnstückkosten in der Industrie lagen 2024 rund 22 Prozent über dem Schnitt von 27 Industriestaaten, errechnet vom Institut der deutschen Wirtschaft Köln. Chinesische Anbieter expandieren gleichzeitig in Segmente, die europäische Konzerne lange als geschützt betrachteten.

Synergien aus einer BASF-Evonik-Fusion entstehen klassischerweise durch gemeinsame Einkaufsvolumina, die Zusammenlegung von Logistik und Verwaltung sowie durch die Bündelung von F&E-Kapazitäten. Konkrete Ziele hat BASF nicht kommuniziert. Was sich rechnerisch zeigen lässt: Ein kombinierter Konzern mit 74 Milliarden Euro Umsatz hat bessere Verhandlungspositionen gegenüber Lieferanten und Abnehmern. Was sich nicht zeigen lässt: dass diese Skalenvorteile die strukturellen Kostenabstände zu US- und asiatischen Standorten schließen. Energiepreise und Lohnkosten verhandelt kein Einkäufer weg.

Das ist der Kern der strukturellen Frage, die hinter dem Deal steckt. Größe substituiert keine Standortpolitik. Solange Industriestrompreise in Deutschland nicht wettbewerbsfähig sind und steuerliche Abschreibungsregeln Investitionen nicht begünstigen, verlagert eine Konsolidierung Überkapazitäten — sie bereinigt sie nicht.

Die RAG-Stiftung als Schlüssel

Ohne die RAG-Stiftung läuft nichts. Die Stiftung — gegründet zur Finanzierung der Ewigkeitslasten des deutschen Steinkohlenbergbaus — hält rund 44 Prozent der Evonik-Aktien 2, 11 und ist damit der entscheidende Gatekeeper. Medienberichten zufolge ist es ihr erklärtes Ziel, die Abhängigkeit vom Chemiesektor mittelfristig zu reduzieren. Ein Verkauf an BASF wäre in dieser Logik konsistent: Die Stiftung löst einen konzentrierten Industrieanteil auf und diversifiziert ihr Portfolio. Über die Konditionen, zu denen sie einem Angebot zustimmen würde, ist nichts Belastbares bekannt.

Was die Kartellbehörden prüfen werden

Eine Fusion dieser Größenordnung liegt deutlich über den Schwellenwerten der EU-Fusionskontrollverordnung. Die EU-Kommission wäre zuständig. In der Spezialchemie — wo beide Konzerne in einzelnen Produktkategorien teils hohe Marktanteile halten — sind Auflagen in Form von Veräußerungsauflagen für bestimmte Produktlinien oder Werke historisch wahrscheinlich. Das Bundeskartellamt tritt in den Hintergrund, sofern die EU-Kommission die primäre Zuständigkeit übernimmt. Konkrete kartellrechtliche Engpässe lassen sich zum jetzigen Zeitpunkt nur grob kartieren: Überschneidungen bei Tensiden, Polyamiden und bestimmten Industriegasen wären prüfungswürdig. Wie weit solche Auflagen gehen, hängt von einer Marktabgrenzung ab, die die Kommission selbst vornehmen muss.

Die Industriestruktur dahinter

Der Zusammenhang mit der parallelen Krise der Automobilindustrie ist real, aber indirekt: BASF und Evonik beliefern VW, Mercedes-Benz und deren Zulieferer mit Lacken, Kunststoffen, Katalysatormaterialien und Schmierstoffadditiven. Schwächelt die Automobilproduktion, schrumpft die Nachfrage nach diesen Vorprodukten. Eine Fusion verändert diesen Nachfragekanal nicht — sie verändert nur, wer ihn bedient.

Für den mittelständischen Chemiezulieferer entsteht aus einer BASF-Evonik-Fusion ein veränderter Verhandlungspartner: mächtiger, mit mehr Eigenproduktionstiefe und einem stärkeren Interesse daran, Vorleistungen intern zu erbringen statt zuzukaufen. Konkrete Verbandspositionen des VCI zu dieser spezifischen Fusion lagen bis Redaktionsschluss nicht vor.

Woran man die Tragfähigkeit des Deals erkennt

Drei Indikatoren werden in den nächsten Quartalen zeigen, ob die Sondierungen substanziell sind: Erstens, ob die RAG-Stiftung ihre Bereitschaft zu Konditionen signalisiert, die unter dem Börsenkurs liegen oder ihn moderat prämieren. Zweitens, ob BASF den Agricultural-Solutions-IPO wie geplant für Mitte 2027 abschließt — ohne diesen Mittelzufluss verschlechtert sich die Akquisitionsfinanzierung erheblich. Drittens, ob die EU-Kommission im Zuge einer formellen Anmeldung Auflagen an Portfoliobereinigungen knüpft, die Evonik aus BASF-Sicht wesentlich teurer machen, als der Kaufpreis suggeriert.

Bleibt das energiepolitische Umfeld unverändert, löst auch das fusionierte Unternehmen das Problem nicht, das beide Konzerne in die Sondierung getrieben hat.