Covered Calls gehören zu den am weitesten verbreiteten Optionsstrategien institutioneller Anleger. Die Idee ist simpel: Wer Aktien hält, kann auf diese Aktien Kaufoptionen verkaufen und erhält dafür sofort eine Prämie. Steigt der Kurs über den vereinbarten Basispreis, werden die Aktien zum fixierten Preis abgegeben; bleibt der Kurs darunter, wandert die Prämie in die Tasche. Seit Jahren gibt es Covered-Call-ETFs, die diese Strategie für Privatanleger verpacken — mit dem bekannten Ergebnis, dass sie in Seitwärtsmärkten ordentlich abschneiden und in starken Aufwärtsmärkten deutlich hinter einem einfachen Indexinvestment zurückbleiben.
Consorsbank tut nun etwas anderes: Sie erlaubt Privatanlegern, diese Strategie auf einzelne Depotwerte anzuwenden — ohne Marginkonto, direkt im bestehenden Depot, bereits ab einer einzelnen Aktie. Laufzeiten von 30 bis 180 Tagen, Basispreise zwischen 2,5 und 40 Prozent über dem aktuellen Kurs, Prämie sofort gutgeschrieben. Der Wissens-Check verlangt mindestens vier von fünf Antworten korrekt und stuft den Nutzer in Risikoklasse 5 ein — die höchste Stufe.
Das klingt nach Demokratisierung eines Profi-Instruments. Es ist auch eine Gebührenmaschine mit verdeckten Kostenstellen.
Was die Preisliste zeigt — und was sie offen lässt
Die sichtbaren Kosten sind klar dokumentiert: 1,5 Prozent Provision auf die erhaltene Prämie bei Eröffnung, dieselben 1,5 Prozent auf den Rückkaufpreis bei vorzeitiger Beendigung, 9,95 Euro Pauschale falls die Aktien am Laufzeitende tatsächlich ausgeübt und verkauft werden. Verfällt die Option wertlos, fällt keine Gebühr an.
Was die Produktseite nicht aufschlüsselt: Der angezeigte Prämienbetrag enthält bereits „die im Produkt enthaltenen Kosten" — gemeint ist der Spread zwischen dem theoretischen Optionspreis und dem Betrag, den der Anleger tatsächlich erhält. Consorsbank schließt die Ausführungsgeschäfte im eigenen Namen mit BNP Paribas Financial Markets als Market Maker ab. Wie groß dieser Spread ausfällt, wird weder im FAQ noch in den Grundlageninformationen beziffert. Der Privatanleger sieht eine Nettoprämie — aber nicht, wie viel vom theoretischen Optionswert zwischen Market Maker und Consorsbank verblieben ist.
Das ist kein Einzelfall und kein Vorwurf: Kein strukturiertes Retailprodukt legt seinen internen Pricing-Prozess offen. Aber es bedeutet, dass die Gesamtkosten einer UpTrade-Transaktion strukturell höher liegen als die ausgewiesene 1,5-Prozent-Provision nahelegt — um wie viel, bleibt für den Nutzer unberechenbar.
Die Mechanik des Opportunitätsverlustes
Der eigentliche Risikokern liegt nicht in den Gebühren, sondern in der Auszahlungsstruktur.
Ein Beispiel mit belegten Produktparametern: Ein Anleger hält eine Aktie bei 100 Euro. Er verkauft über UpTrade eine 90-tägige Kaufoption mit Basispreis 110 Euro — zehn Prozent über dem aktuellen Kurs — und erhält dafür eine Prämie von, angenommen, 2,50 Euro. Steigt die Aktie innerhalb der Laufzeit auf 130 Euro, werden die Aktien automatisch zu 110 Euro abgegeben. Der Anleger hat: 110 Euro Verkaufserlös plus 2,50 Euro Prämie, macht 112,50 Euro. Hätte er die Option nicht verkauft, stünden 130 Euro im Depot. Der Opportunitätsverlust: 17,50 Euro — das Siebenfache der vereinnahmten Prämie.
Genau dieser Fall ist kein Extremszenario. Nvidia stieg im Jahr 2024 um mehr als 170 Prozent, im Kalender 2023 um über 230 Prozent. Beide Titel gehören zur UpTrade-Startliste. Wer in einem starken Aufwährtsmarkt systematisch Covered Calls auf Wachstumsaktien schreibt, tauscht Kurspotenzial gegen Prämieneinnahme — zu Konditionen, die der Market Maker setzt.
Die Aktien sind während der gesamten Laufzeit gesperrt und können nicht verkauft werden. Will der Anleger die Position vorher auflösen, zahlt er 1,5 Prozent auf den Rückkaufpreis — der in einem stark steigenden Markt erheblich über der ursprünglichen Prämie liegt.
Was der Wissens-Check nicht prüft
Der Wissens-Check ist regulatorisch korrekt: Die MiFID-II-Anforderungen verlangen eine Angemessenheitsprüfung für komplexe Produkte. Risikoklasse 5 signalisiert, dass der Nutzer zumindest formal verstanden hat, um was es geht.
Was er nicht prüft: Die Entscheidung, ob der Verzicht auf mögliche Kurssteigerungen einer bestimmten Aktie durch eine bestimmte Prämie sinnvoll kompensiert wird, ist keine Wissensfrage — sie ist eine Portfolioentscheidung, die von der impliziten Volatilität der Aktie, der eigenen Haltedauer und der Markterwartung abhängt. Ein Anleger, der diese Parameter nicht kennt oder nicht berechnen kann, trifft diese Entscheidung blind. Der Wissens-Check schützt Consorsbank regulatorisch, nicht den Anleger inhaltlich.
Der strukturelle Vergleich: UpTrade versus Covered-Call-ETF
Covered-Call-ETFs auf breite Indizes (etwa auf den S&P 500) sind seit Jahren am Markt. Ihr struktureller Vorteil gegenüber UpTrade: Die Strategie wird auf Indexebene umgesetzt, Diversifikation ist eingebaut, die Kosten liegen transparent in der Gesamtkostenquote, und der Anleger hat keine Einzelwert-Klumpenrisiken. Ihr Nachteil: Keine individuelle Steuerung, kein direkter Bezug zum eigenen Depot.
UpTrade dreht dieses Verhältnis um: Individuell, depotintegriert, aber mit Klumpenrisiko auf einzelne Titel und Gebührenstruktur, die sich nur zur Hälfte offenbart. Für institutionelle Anleger, die Optionen direkt an der Terminbörse handeln, ist der Spread exakt beobachtbar — Retail-Anleger bei UpTrade kaufen Bequemlichkeit und zahlen dafür mit Intransparenz.
Was als Nächstes sichtbar wird
Ob UpTrade für Privatanleger netto vorteilhaft ist, zeigt sich nicht im Angebot, sondern in den nächsten Marktphasen. In einem flachen oder leicht steigenden Markt werden Nutzer Prämien vereinnahmen und das Produkt als Erfolg verbuchen. Kommt ein starkes Aufwärtsjahr — wie 2023 oder 2024 — werden dieselben Nutzer entdecken, wie viel Kurspotenzial sie für vergleichsweise geringe Prämieneinnahmen abgegeben haben. Ob Consorsbank dann die Gesamtkosten inklusive Spread transparenter ausweist, wäre ein erster Indikator dafür, dass das Produkt den Nutzerinteressen und nicht nur den Ertragsinteressen der Bank dient.
