Alle im Bundestag vertretenen Parteien beanspruchen, das Problem zu lösen. Doch wer hat in Wahlprogrammen und Anträgen substanzielle Instrumente formuliert, wer belässt es bei Talkshow-Rhetorik — und wer hat geliefert, als er regierte? Dieser Vergleich trennt für CDU/CSU, SPD, Grüne, FDP und AfD jeweils Programm, populistische Geste und Umsetzungs-Spur.

Das Raster: Als Programm zählen Positionen aus Wahlprogrammen, Parteitagsbeschlüssen und Bundestagsanträgen. Als populistische Geste gelten öffentliche Vereinfachungen, die ein Versprechen suggerieren, das die eigene programmatische Substanz nicht deckt. Als Umsetzungs-Spur gilt nachweisbares Regierungs- oder Parlamentshandeln — Gesetze, Verordnungen, Abstimmungsverhalten.


CDU/CSU: Work-and-Stay-Agentur trifft Überstunden-Versprechen

Programm. Die Unionsfraktion legte ein Positionspapier „Fachkräftemangel bekämpfen — Wettbewerbsfähigkeit sichern" vor, das eine digitale „Work-and-Stay-Agentur" als One-Stop-Shop für ausländische Fachkräfte vorsieht — von der Anwerbung über Visaverfahren bis zur Arbeitsplatzeinführung. Daneben fordert die Union eine beschleunigte Anerkennung ausländischer Berufsqualifikationen, die Mobilisierung inländischer Potenziale (Frauen in Teilzeit, ältere Beschäftigte, Menschen mit Behinderungen), flexiblere Arbeitszeitmodelle und steuerfreie Überstundenzuschläge. Das Wahlprogramm ergänzt eine erhöhte Pendlerpauschale.

Populistische Geste. Die steuerfreien Überstundenzuschläge klingen nach sofortigem Einkommensplus, adressieren aber nicht die Kernursache des Mangels — fehlende Köpfe. Wer bereits am Limit arbeitet, kann nicht durch Steuererleichterung vervielfältigt werden. In Wahlkampfauftritten betonte Friedrich Merz wiederholt, Deutschland müsse „wieder mehr arbeiten" — eine Rahmung, die den demografischen Befund (die Babyboomer-Generation geht in Rente, der Nachwuchs ist kleiner) in eine Leistungserzählung umlenkt und die Zuwanderungsfrage in den Hintergrund schiebt.

Umsetzungs-Spur. In der Großen Koalition 2018–2021 trug die Union das erste Fachkräfteeinwanderungsgesetz (2020 in Kraft) mit. Es öffnete den Arbeitsmarkt für Nicht-EU-Fachkräfte mit anerkanntem Berufsabschluss, blieb aber bei der Anerkennungspraxis hinter dem Versprechen zurück: In Nordrhein-Westfalen lagen die Bearbeitungszeiten für Anerkennungsverfahren je nach Bezirksregierung bei 72,5 bis 235,7 Tagen. Die angekündigte Work-and-Stay-Agentur existiert bislang nicht operativ; der Koalitionsvertrag der schwarz-roten Bundesregierung seit Februar 2025 enthält keine konkreten Umsetzungsfristen.


SPD: Faire Löhne als Magnet — Weiterbildung als Hebel

Programm. Die SPD setzt auf drei Säulen: erstens faire Löhne und Tarifbindung als Attraktivitätsfaktor, zweitens Weiterbildung und lebenslanges Lernen mit einem Recht auf beruflichen Neustart, drittens die unbürokratische Weiterentwicklung des Fachkräfteeinwanderungsgesetzes. Das SPD-Wirtschaftsforum formulierte zehn Punkte, darunter die Verbesserung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf und Programme für Langzeitarbeitslose und Bürgergeldempfänger.

Populistische Geste. Die Forderung nach einer Vier-Tage-Woche bei vollem Lohnausgleich, wie sie Teile der SPD-Linken und Juso-Vorsitzende öffentlich vertreten, steht in Spannung zum eigenen Fachkräfte-Befund: Weniger Arbeitsstunden pro Kopf verschärfen den Mangel rechnerisch, solange die Produktivitätsgewinne nicht beziffert werden. Zugleich warnt die SPD-Fraktion regelmäßig vor dem „fremdenfeindlichen Populismus der Union" — eine Zuschreibung, die die eigene Positionierung zur Arbeitsmigration als moralisch überlegen rahmt, ohne die Umsetzungslücken beim Anerkennungswesen zu adressieren.

Umsetzungs-Spur. In der Ampelkoalition (2021–2024) verantwortete die SPD als Kanzlerpartei das reformierte Fachkräfteeinwanderungsgesetz (Bundestag Juli 2023), das die „Chancenkarte" mit Punktesystem einführte und die Zuwanderung qualifizierter Drittstaatsangehöriger um bis zu 60.000 Personen jährlich erhöhen soll. Ebenfalls beschlossen: das Weiterbildungsgesetz mit Ausbildungsgarantie und die Erneuerung der Allianz für Aus- und Weiterbildung. Die „Spurwechsel"-Regelung erlaubt gut integrierten Geflüchteten mit Jobangebot, trotz abgelehntem Asylantrag zu arbeiten. Ob die Chancenkarte die erhofften Zahlen erreicht, lässt sich frühestens Ende 2025 beurteilen — belastbare Wirkungsdaten fehlen noch.


Bündnis 90/Die Grünen: 400.000 Zuwanderer pro Jahr als Zielmarke

Programm. Die Grünen benennen eine konkrete Zahl: Deutschland brauche eine jährliche Nettozuwanderung von rund 400.000 Arbeitskräften, um Wohlstand und Sozialsysteme zu sichern. Programmatisch setzen sie auf ein modernes Einwanderungsrecht, das „Humanität und Ordnung" vereint, flexiblere Arbeitszeiten, bessere Kinderbetreuung und die schrittweise Umwandlung von Minijobs in sozialversicherungspflichtige Beschäftigung. Der Mindestlohn soll auf 15 Euro steigen.

Populistische Geste. Die 400.000-Zahl ist politisch mutig, wird aber ohne Adressierung der Integrationsinfrastruktur (Wohnraum, Sprachkurse, Kitaplätze) kommuniziert. In Talkshow-Auftritten formulieren Grünen-Politiker die Zuwanderungsforderung häufig als moralischen Imperativ gegen „rechte Stimmungsmache" — eine Rahmung, die den berechtigten Verweis auf Integrationshürden als illegitim markiert, statt die Kosten und Voraussetzungen der eigenen Forderung offenzulegen.

Umsetzungs-Spur. Als Koalitionspartner in der Ampel trugen die Grünen das reformierte Fachkräfteeinwanderungsgesetz mit, das sie als „Einwanderungsland erhält Einwanderungsrecht" feierten. Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) setzte das Gesetz um, die Grünen lieferten über das BMUV den Fokus auf „grüne Fachkräfte": Laut Umweltbundesamt arbeiteten 2023 über 3,4 Millionen Menschen in grünen Wirtschaftszweigen (7,5 Prozent aller Beschäftigten), die Nachfrage nach grünen Kompetenzen wächst doppelt so schnell wie das verfügbare Angebot. Ein konkretes Förderprogramm speziell für grüne Fachkräfte-Ausbildung wurde in der Ampel-Zeit jedoch nicht verabschiedet.


FDP: Punktesystem und Arbeitszeitflexibilisierung

Programm. Die FDP fordert ein Einwanderungsgesetzbuch mit Punktesystem nach kanadischem Vorbild, die Ausweitung der Blauen Karte EU, eine wöchentliche statt tägliche Höchstarbeitszeit und Bürokratieabbau bei Anerkennungsverfahren. Ziel: mehr als 60 Prozent der Einwanderer über das Punktesystem steuern.

Populistische Geste. „Kanada" fungiert in FDP-Kommunikation als Chiffre für ein funktionierendes Einwanderungsmodell, ohne dass die unterschiedlichen Rahmenbedingungen (Geografie, Arbeitsmarktstruktur, bilinguale Integration) thematisiert werden. Die wöchentliche Höchstarbeitszeit wird als Freiheitsgewinn gerahmt, adressiert aber nicht das Grundproblem fehlender Arbeitskräfte.

Umsetzungs-Spur. Als Ampel-Partner trug die FDP das reformierte Fachkräfteeinwanderungsgesetz mit und setzte die Chancenkarte durch, die Elemente des geforderten Punktesystems enthält. Die Flexibilisierung der Arbeitszeitregelungen scheiterte am Widerstand von SPD und Grünen; eine Reform des Arbeitszeitgesetzes kam in der 20. Legislaturperiode nicht zustande. Nach dem Ampel-Bruch im November 2024 ist die FDP nicht mehr an der Regierung beteiligt.


AfD: Inländische Potenziale statt Zuwanderung

Programm. Die AfD-Bundestagsfraktion fordert eine „nationale Bildungs- und Arbeitsmarktwende": Rückholung ausgewanderter deutscher Fachkräfte, Verbesserung der Arbeitsbedingungen für Inländer und Stopp der „ungesteuerten Zuwanderung eines neuen Prekariats". Arbeitsmigration soll nur nach strengen Qualifikationskriterien möglich sein.

Populistische Geste. Die AfD stellt den Fachkräftemangel primär als Folge verfehlter Migrationspolitik dar — eine Kausalitätsbehauptung, die den demografischen Befund (7 Millionen Babyboomer gehen bis 2035 in Rente) ausblendet. Die „Rückholung" ausgewanderter Fachkräfte bleibt ohne bezifferte Zielgröße oder konkretes Instrument. In der parlamentarischen Debatte zur Reform des Fachkräfteeinwanderungsgesetzes im Bundestag stimmte die Fraktion geschlossen gegen das Gesetz. Die gleichzeitige Forderung nach Fachkräftesicherung und Ablehnung jedes Zuwanderungsinstruments erzeugt einen Widerspruch, den die Partei nicht auflöst.

Umsetzungs-Spur. Die AfD hat in keinem Bundesland Regierungsverantwortung getragen und verfügt daher über keine legislative Umsetzungs-Spur. Im Bundestag brachte die Fraktion keinen eigenen Gesetzentwurf zum Fachkräftemangel ein; ihre Anträge beschränkten sich auf die Ablehnung bestehender Zuwanderungsinstrumente. Eine Studie des Mediendienst Integration belegt zudem, dass Regionen mit starker AfD-Präsenz Nachteile bei der Anwerbung von Fachkräften aus dem In- und Ausland verzeichnen — die politische Rhetorik wirkt als Standortnachteil zurück.


Was die Matrix zeigt

Vier der fünf untersuchten Parteien befürworten grundsätzlich Fachkräftezuwanderung, unterscheiden sich aber in Konditionierung und Tempo. Die CDU/CSU will strenge Kriterien und schnelle Anerkennung, hat die Anerkennung aber in Regierungsverantwortung nicht beschleunigt. Die SPD hat mit dem reformierten Fachkräfteeinwanderungsgesetz das umfangreichste Instrument geschaffen, dessen Wirkung aber noch nicht messbar ist. Die Grünen nennen die ambitionierteste Zielzahl (400.000 Nettozuwanderung pro Jahr), ohne die Integrationsinfrastruktur gleich konkret mitzuliefern. Die FDP hat Teile ihres Punktesystems über die Chancenkarte durchgesetzt, die Arbeitszeitflexibilisierung aber nicht erreicht. Die AfD lehnt die bestehenden Instrumente ab, ohne ein quantitativ tragfähiges Alternativkonzept vorzulegen.

Auf der Angebotsseite — Weiterbildung, Mobilisierung inländischer Potenziale, bessere Arbeitsbedingungen — ähneln sich die Programme stärker, als die Parteien es in der öffentlichen Debatte vermuten lassen. Der eigentliche Unterschied liegt in der Gewichtung zwischen Zuwanderung und inländischer Mobilisierung — und darin, ob eine Partei bereit ist, die Kosten und Voraussetzungen beider Wege zu benennen, statt nur den jeweils populäreren zu betonen.

Die OECD empfiehlt Deutschland, beides gleichzeitig zu tun: Arbeitsanreize im Steuer- und Transfersystem verbessern, Kinderbetreuung ausbauen, längere Lebensarbeitszeiten fördern und qualifizierte Zuwanderung erleichtern. Keine der untersuchten Parteien deckt dieses Gesamtpaket mit konkreten, durchfinanzierten Maßnahmen ab.


Drei-Achsen-Score

Demokratie: 0 — Die Debatte berührt Grundrechte (Freizügigkeit, Diskriminierungsschutz) tangential; direkte demokratiepolitische Verschiebungen gehen von den Fachkräfte-Instrumenten selbst nicht aus.

Effizienz: — Die Anerkennungsverfahren (72 bis 236 Tage in NRW) und die fehlende operative Umsetzung angekündigter Agenturen (Work-and-Stay) belegen ein Effizienzdefizit, das alle Regierungsparteien mitverantworten. Programmatische Versprechen laufen der Verwaltungsrealität voraus.