In der Praxis verstärken sie einander zu einem Arbeitskräftedefizit, das weder heimische Lohnsteigerungen noch Reindustrialisierung liefert, sondern Preise treibt und Wachstum kostet.

Die Zange: Zölle und Visa-Restriktion als parallele Hebel

Die Trump-Administration operiert auf zwei Achsen zugleich. Auf der Handelsseite sichern Zölle auf Importe aus China, der EU und weiteren Handelspartnern die Einnahmen des Bundeshaushalts — die Zolleinnahmen haben sich laut Brookings Institution (Stand: März 2026) teilweise verdreifacht. Auf der Migrationsseite drosselt eine Reihe administrativer Maßnahmen den Zufluss ausländischer Arbeitskräfte:

  • Visa-Ablehnungsquoten: Die Ablehnungsrate für Green Cards auf Basis außergewöhnlicher Fähigkeiten hat sich laut der National Foundation for American Policy (NFAP) nahezu verdoppelt. O-1-Visa und National Interest Waivers treffen dieselbe Verschärfung.
  • Studentenvisa: Die Zahl der F-1-Visa fiel 2025 um geschätzt 29 Prozent (Brookings Institution, Stand: 2026). Der Rückstau bei Green-Card-Anträgen liegt bei rund 1,2 Millionen Verfahren.
  • Arbeitserlaubnisse: Eine Klage läuft gegen die Abschaffung automatischer Verlängerungen von Arbeitserlaubnissen für Antragsteller mit laufenden Verlängerungsverfahren (The Indiana Lawyer, Stand: 2026).
  • Gebührenerhöhungen: Die Gebühren für Arbeitsvisa wurden drastisch angehoben, neue Obergrenzen eingeführt.

Die Nettoeinwanderung ist laut Goldman Sachs um 80 Prozent eingebrochen, die Prognose für 2026 liegt bei nur noch 200.000 Personen netto — ein Bruchteil des historischen Niveaus. Immigration trug in den Vorjahren etwa die Hälfte des jährlichen Wachstums der US-Erwerbsbevölkerung.

Die sektorale Verwundbarkeit: Wo der Mangel zuschlägt

Die Branchen, die am stärksten auf eingewanderte Arbeitskräfte angewiesen sind, stehen unter doppeltem Druck — sie verlieren Personal und zahlen gleichzeitig höhere Materialkosten durch Zölle.

Fleischverarbeitung: Migranten stellen dort rund die Hälfte aller Beschäftigten (Center for American Progress, Stand: März 2026). Baugewerbe und Landwirtschaft droht laut Economic Policy Institute (EPI) (Stand: 2025) der Verlust mindestens jedes achten Arbeitnehmers bei Umsetzung der Massenabschiebungspläne. Das Gastgewerbe steht vor vergleichbaren Engpässen. Im Technologiesektor trifft die Einschränkung der H-1B-Pipeline und der F-1-Studentenvisa auf einen bereits bestehenden Fachkräftemangel — laut Germany Trade and Invest (GTAI) (Stand: Juli 2025) kann jedes fünfte US-Unternehmen nicht voll produzieren, weil technische Fachkräfte fehlen.

Die Zollpolitik verschärft das Problem: Stahl- und Aluminiumzölle verteuern Baumaterialien und Industriegüter. Unternehmen im verarbeitenden Gewerbe, die eigentlich von der protektionistischen Abschirmung profitieren sollten, stoßen auf steigende Inputkosten, die sie nicht über höhere Preise vollständig weitergeben können. Im dritten Quartal 2025 gaben rund 18 Prozent der Betriebe im verarbeitenden Gewerbe an, überwiegend negativ von der US-Zollpolitik betroffen zu sein (IHK/DIHK-Umfrage, Stand: Q3 2025). Die Kombination aus fehlenden Arbeitskräften und teureren Vorprodukten drückt die Wettbewerbsfähigkeit statt sie zu stärken.

Was die Daten über die Gegenrechnung sagen

Die Trump-Administration argumentiert, dass die Verdrängung ausländischer Arbeitskräfte heimische Arbeitsplätze schafft und Löhne erhöht. Die verfügbare Empirie stützt diese These nicht.

Eine Studie der Universität Zürich, Harvard und des MIT ergab, dass die unter Trump I eingeführten Importzölle auf China „keine signifikanten positiven Effekte auf Beschäftigung oder Einkommen" hatten (SRF, Stand: Januar 2026). Stattdessen stiegen die Preise — das Kiel Institut für Weltwirtschaft (IfW Kiel) dokumentiert, dass nahezu die gesamte Last der Strafzölle von amerikanischen Käufern getragen wird. Die Belastung pro US-Haushalt liegt bei rund 1.500 US-Dollar jährlich (Stand: 2025).

Auf dem Arbeitsmarkt zeigen sich die Folgen: Im Juli 2025 entstanden nur 73.000 neue Stellen außerhalb der Landwirtschaft — deutlich unter den Erwartungen —, die Arbeitslosenquote stieg auf 4,2 Prozent. Ökonomen führen die schwachen Daten auf die Kombination aus Zollunsicherheit und schrumpfendem Arbeitskräfteangebot zurück.

Die NFAP prognostiziert, dass die Migrationspolitik die US-Erwerbsbevölkerung bis 2028 um 6,8 Millionen und bis 2035 um 15,7 Millionen Personen reduzieren könnte (Stand: 2026). Das EPI schätzt, dass über vier Jahre 3,3 Millionen weniger Einwanderer und zusätzlich 2,6 Millionen weniger US-Bürger beschäftigt wären — weil Branchen kontrahieren, die auf eingewanderte Arbeitskräfte aufgebaut sind. Kinderbetreuung ist ein Beispiel: Schrumpft das Angebot an Betreuungsplätzen, fallen elterliche Erwerbstätige aus.

Diese Zahlen sind Modellergebnisse, keine Messungen. Die tatsächliche Entwicklung hängt davon ab, wie konsequent die Administration die Abschiebungsagenda umsetzt und ob Unternehmen Wege finden, mit höheren Löhnen oder Automatisierung gegenzusteuern. Bisher deuten die Arbeitsmarktdaten aber nicht auf eine kompensierende Lohndynamik für US-Bürger hin, sondern auf eine Verlangsamung der Gesamtbeschäftigung.

Das Steelman-Argument — und seine Grenzen

Die stärkste Fassung des Regierungsarguments lautet: Kurzfristige Verwerfungen sind der Preis für eine langfristige Neuausrichtung, in der höhere Löhne US-Bürger in Sektoren ziehen, die bisher auf billige Migrantenarbeit gebaut waren, während Zölle die heimische Fertigung absichern.

Dieses Argument hat einen rationalen Kern. In einigen Sektoren — etwa der Fleischverarbeitung — drückt ein hoher Anteil an Arbeitskräften ohne gesicherten Aufenthaltsstatus die Löhne, weil diese Beschäftigten geringere Verhandlungsmacht haben. Ein regulierter, höher entlohnter Arbeitsmarkt wäre ökonomisch und sozial wünschenswert.

Die Grenze des Arguments liegt in der Umsetzung. Die Administration kombiniert keine geordnete Arbeitsmarktpolitik (Umschulungsprogramme, sektorale Lohnsubventionen, gezielte legale Migrationspfade) mit den Restriktionen. Stattdessen erzeugt die gleichzeitige Schließung von Visa-Kanälen, die Kappung von Arbeitserlaubnissen und die Verteuerung von Vorprodukten durch Zölle einen Angebotsschock ohne kompensierende Nachfragesteuerung. Das Ergebnis ist nicht Reindustrialisierung, sondern Kontraktion — mit steigenden Preisen für Verbraucher und sinkender Investitionsbereitschaft bei Unternehmen.

Einordnung: Effizienz als Achse

Gemessen an der Effizienz-Achse — dem Verhältnis von Staatsausgaben und regulatorischem Aufwand zu wirtschaftlichem Output — zeigt die Doppelstrategie ein ungünstiges Profil. Die Kosten der verschärften Durchsetzung (Haftzentren, ICE-Personal, USCIS-Rückstau) steigen, während die produktive Basis schrumpft. Die Brookings Institution simuliert einen BIP-Rückgang von 1,7 Prozent bei voller Umsetzung „reziproker" Zölle (Stand: März 2026). Die wirtschaftspolitische Unsicherheit, gemessen am Policy Uncertainty Index, liegt auf historischem Höchststand — ein eigenständiger Investitionshemmer.

Eine alternative Architektur, die beiden Zielen — Schutz heimischer Arbeitnehmer und gesteuerter Arbeitskräftezugang — dienen könnte, wäre ein sektorspezifisches Visa-System mit an Branchenlöhne gekoppelten Mindestgehältern, ergänzt durch gezielte Qualifizierungsprogramme für US-Bürger in Mangelsektoren. Kanada und Australien betreiben solche Modelle mit messbaren Ergebnissen. Die Trump-Administration hat diesen Pfad nicht gewählt.

Hypothesen-Block

Hypothese: Die US-Erwerbsbevölkerung mit ausländischer Staatsbürgerschaft wird bis Q4 2026 um mindestens weitere 500.000 Personen gegenüber Q1 2025 schrumpfen (Referenz: Bureau of Labor Statistics, Current Population Survey, monatliche Veröffentlichung). Auflösungsdatum: Januar 2027 (Veröffentlichung der Q4-2026-Daten durch BLS).

Hypothese: Die Zahl der neu geschaffenen Stellen außerhalb der Landwirtschaft (Nonfarm Payrolls) wird im Jahresdurchschnitt 2026 unter 100.000 pro Monat liegen (Referenz: Bureau of Labor Statistics, Employment Situation Summary, monatlich). Auflösungsdatum: Februar 2027 (Veröffentlichung der revidierten Jahresdaten 2026).


Effizienz: - — Steigende Durchsetzungskosten bei schrumpfender produktiver Basis; BIP-Rückgangsprognosen von 1,7 % (Brookings) und Haushaltsbelastung von 1.500 USD/Haushalt (IfW Kiel) deuten auf negatives Kosten-Output-Verhältnis.