Gleichzeitig verzeichnete die Pflegeversicherung 2024 ein Defizit von 1,5 Milliarden Euro, bei Eigenanteilen im Pflegeheim von durchschnittlich 2.871 Euro pro Monat im ersten Jahr. Die demografische Uhr tickt: Bis Mitte der 2030er steigt die Zahl der Menschen im Rentenalter um rund vier Millionen auf mindestens 20 Millionen. Jede Partei verspricht, das Problem zu lösen. Dieser Vergleich prüft für CDU/CSU, SPD, Grüne, FDP, AfD und Linke jeweils drei Ebenen: Was steht im Programm? Was wird öffentlich inszeniert? Und was hat die Partei bei früheren Regierungsbeteiligungen tatsächlich umgesetzt?
Raster: Als Programm gilt, was in Wahlprogrammen, Parteitagsbeschlüssen oder parlamentarischen Anträgen steht. Als populistische Geste wird gewertet, was öffentlich mobilisiert, aber programmatisch ungedeckt oder unfinanziert bleibt. Als Umsetzungs-Spur zählen Gesetze, Abstimmungen und Verwaltungshandeln aus bisherigen Regierungsbeteiligungen.
CDU/CSU — Aktivrente und Altersvorsorgedepot, aber kein Bekenntnis zur 70
Programm: Die Union will am Renteneintrittsalter von 67 festhalten und Rentenkürzungen ausschließen. Ihr Wahlprogramm 2025 setzt auf eine „Aktivrente", die steuerfreies Arbeiten neben dem Rentenbezug attraktiver machen soll, sowie ein staatlich gefördertes Altersvorsorgedepot — auch für Kinder. Zur Pflege fordert die CDU/CSU eine Aufschiebung der Pflegebedürftigkeit durch Prävention und mehr Flexibilität bei der Nutzung von Pflegeleistungen.
Populistische Geste: Einzelne Unionspolitiker wie Pascal Reddig äußern sich offen zur Rente mit 70 und fordern die Abschaffung der Rente mit 63 — während das offizielle Wahlprogramm beides nicht enthält. Die Union bedient damit beide Flanken: gegenüber älteren Wählern die Garantie, gegenüber wirtschaftsnahen Kreisen die Reformbereitschaft.
Umsetzungs-Spur: Die CDU/CSU trug als Regierungspartei die schrittweise Anhebung des Renteneintrittsalters auf 67 (Gesetz von 2007) mit. In der Großen Koalition 2013–2017 stimmte die Fraktion allerdings der „Rente mit 63" nach 45 Beitragsjahren zu — jener Regelung, die Teile der Union heute öffentlich kritisieren. Ein konkretes Pflegereformgesetz jenseits kleinerer Anpassungen blieb in der letzten Regierungsbeteiligung aus.
SPD — Rentenniveau-Garantie und Pflegedeckel, Finanzierung offen
Programm: Die SPD erklärt die Ablehnung einer Anhebung des Renteneintrittsalters über 67 zur „roten Linie". Sie will das Rentenniveau bis 2031 bei 48 Prozent stabilisieren und die abschlagsfreie Rente nach 45 Beitragsjahren erhalten. Selbstständige und Beamte sollen in die gesetzliche Rente einbezogen werden. Zur Pflege schlägt die SPD einen „Pflegedeckel" vor, der die Eigenanteile bei stationärer Pflege auf maximal 1.000 Euro monatlich begrenzen soll.
Populistische Geste: Die kategorische Absage an jede Form der Altersgrenzenanhebung mobilisiert die Kernklientel, blendet aber die Finanzierungsfrage nach 2031 aus. Das ifo Institut kritisiert, dass keine Partei — die SPD eingeschlossen — ein belastbares Finanzierungsmodell für die Phase nach 2031 vorlegt, wenn das Rentenniveau ohne Gegenmaßnahmen auf 46 Prozent absinken könnte.
Umsetzungs-Spur: Die SPD setzte in der Großen Koalition 2013–2017 die abschlagsfreie Rente nach 45 Beitragsjahren durch — eine populäre Reform, die aber die Rentenkasse jährlich mit Milliardenbeträgen belastet. Das Rentenpaket II zur Niveausicherung bis 2031 wurde in der Ampel-Koalition angestoßen, scheiterte aber vor dem Koalitionsbruch an der parlamentarischen Umsetzung. Der Pflegedeckel blieb Programm.
Bündnis 90/Die Grünen — Bürgerfonds und Überlastungsschutzrente
Programm: Die Grünen lehnen eine starre Anhebung des Renteneintrittsalters ab, wollen aber die „Rente mit 63" für Gesunde abschaffen und durch eine „Überlastungsschutzrente" für physisch oder psychisch Belastete ersetzen. Zur Finanzierung schlagen sie einen „Bürger*innenfonds" vor, der am Kapitalmarkt investiert und Beitragssteigerungen abfedern soll. Beamte und Selbstständige sollen in die Rentenversicherung einbezogen werden. In der Pflege setzen sie auf eine Rückkehroffensive für Fachkräfte und mehr Flexibilität bei der Nutzung von Pflegedienstleistungen.
Populistische Geste: Die Forderung nach Einbeziehung der Beamten bedient ein weit verbreitetes Gerechtigkeitsgefühl — 80 Prozent der Bundesbürger befürworten das. Allerdings fehlt auch bei den Grünen eine belastbare Berechnung, welche Rendite der Bürgerfonds erwirtschaften müsste, um die demografische Lücke tatsächlich zu schließen.
Umsetzungs-Spur: In der Ampel-Koalition 2021–2025 trugen die Grünen die Einführung des Generationenkapitals mit — eines staatlich verwalteten Fonds, der konzeptionell ihrem Bürgerfonds ähnelt, aber mit zunächst nur 12 Milliarden Euro Startkapital weit unter dem Volumen blieb, das demografisch wirksam wäre. Die Überlastungsschutzrente blieb Konzeptpapier ohne parlamentarische Initiative.
FDP — Aktienrente und Flexirente bis 72
Programm: Die FDP fordert den weitreichendsten Systemumbau: Eine „Aktienrente" nach schwedischem Vorbild, bei der ein Teil der Rentenbeiträge in einen öffentlich verwalteten Fonds fließt. Der Renteneintritt soll flexibilisiert werden — wer bis 72 arbeitet, bekommt mehr Rente. In der Pflege setzt sie auf Robotik, private Vorsorge und die Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse. Die Pflegefinanzierung soll eine kapitalgedeckte Komponente erhalten.
Populistische Geste: Die FDP rahmte ihre Aktienrente im Wahlkampf 2025 als Freiheitsversprechen — jeder solle „sein eigener Rentenchef" werden. Das schwedische Vorbild (AP7-Fonds) wird dabei vereinfacht dargestellt: Schweden kombiniert Kapitaldeckung mit einer robusten umlagefinanzierten Grundrente, die die FDP in ihrem Modell nicht vorsieht.
Umsetzungs-Spur: In der Ampel-Koalition setzte die FDP durch, dass das Generationenkapital als erster Schritt Richtung Aktienrente konzipiert wurde. Die ursprünglich vorgesehenen 10 Milliarden Euro Startvolumen pro Jahr schrumpften im Haushaltsstreit jedoch erheblich. Eine Flexirente über 67 hinaus wurde nicht gesetzlich verankert. In der Pflege blieb der Beitragssatz bei 3,4 Prozent stabil, bevor er zum 1. Januar 2025 auf 3,6 Prozent stieg — ein Anstieg, den die FDP als Regierungspartei nicht verhindern konnte.
AfD — 70 Prozent Rentenniveau, Finanzierung unklar
Programm: Die AfD fordert ein Rentenniveau von 70 Prozent des letzten Nettoeinkommens und eine abschlagsfreie Rente nach 45 Beitragsjahren. Eine Anhebung des Renteneintrittsalters über 67 lehnt sie ab. Abgeordnete und Beamte sollen in die gesetzliche Rente einzahlen. Die Pflegefinanzierung will sie durch eine Zusammenführung von Kranken- und Pflegeversicherung effizienter gestalten und höhere Leistungen für die häusliche Pflege durchsetzen.
Populistische Geste: Ein Rentenniveau von 70 Prozent wäre eine Anhebung um 22 Prozentpunkte gegenüber dem aktuellen Niveau von 48 Prozent. Die AfD beziffert die Kosten nicht und benennt keinen Gegenfinanzierungspfad jenseits der Beamteneinbeziehung, die nach Schätzungen des Sachverständigenrats kurzfristig Mehrbelastungen für den Bundeshaushalt erzeugen würde, bevor langfristig Pensionslasten sinken. Die Zusammenlegung von Kranken- und Pflegeversicherung wird als Sparmaßnahme verkauft, ohne die verwaltungsrechtlichen und organisatorischen Hürden zu benennen.
Umsetzungs-Spur: Die AfD war bislang an keiner Bundes- oder Landesregierung beteiligt. Parlamentarische Anträge zur Rentenpolitik im Bundestag blieben ohne Mehrheit. Ein konkreter Gesetzentwurf zur Anhebung des Rentenniveaus auf 70 Prozent wurde nicht eingebracht.
Die Linke — Mindestrente und Rente ab 65, konsequent gegen Kapitaldeckung
Programm: Die Linke fordert eine Anhebung des Rentenniveaus auf 53 Prozent, eine solidarische Mindestrente von 1.200 Euro und eine Absenkung des Renteneintrittsalters auf 65 Jahre — mit der Option, nach 40 Beitragsjahren ab 60 in Rente zu gehen. Alle Erwerbstätigen — Beamte, Selbstständige, Abgeordnete — sollen einzahlen. Kapitalgedeckte Vorsorge lehnt die Partei grundsätzlich ab. Für die Pflege fordert sie eine Pflegevollversicherung ohne Eigenanteile und die Zurückdrängung privater Konzerne aus der stationären Pflege.
Populistische Geste: Die Kombination aus niedrigerem Renteneintrittsalter, höherem Rentenniveau und Pflegevollversicherung ohne Eigenanteile wäre die kostenintensivste aller Parteienpositionen. Die Gegenfinanzierung über höhere Beitragsbemessungsgrenzen und eine Vermögenssteuer bleibt rechnerisch unbelegt. Der Sachverständigenrat prognostiziert, dass die Sozialabgaben ohne Reform bis 2040 auf rund 50 Prozent der Bruttolöhne steigen könnten — die Linke-Vorschläge würden diesen Pfad beschleunigen.
Umsetzungs-Spur: Die Linke war im Bund nie an einer Regierung beteiligt. In den ostdeutschen Landesregierungen (Thüringen, Brandenburg, Berlin) lag die Rentenpolitik außerhalb der Landeskompetenz. Parlamentarische Anträge zur Mindestrente und zur Pflegevollversicherung wurden im Bundestag regelmäßig eingebracht, fanden aber keine Mehrheit.
Was die Matrix zeigt
Über alle sechs Parteien hinweg fällt ein Muster auf: Keine einzige legt ein durchgerechnetes Finanzierungsmodell für die Phase nach 2031 vor. Die Ablehnung der Rente mit 70 ist parteiübergreifend populär — selbst in der Union, die sie programmatisch am ehesten mittragen könnte, steht sie nicht im Wahlprogramm. Die Einbeziehung von Beamten fordern fünf der sechs Parteien (nur die FDP setzt primär auf Kapitaldeckung statt Beitragsbasis-Erweiterung), aber keine beziffert die Übergangskosten, die entstehen, wenn Beamte Rentenansprüche aufbauen, während der Staat parallel Pensionen für die bestehende Beamtenschaft finanzieren muss.
In der Pflege trennen sich die Lager deutlicher: SPD und Linke wollen die Eigenanteile deckeln oder abschaffen, CDU/CSU und FDP setzen auf Prävention und kapitalgedeckte Ergänzung, die Grünen kombinieren beides. Die AfD bleibt beim Verwaltungskostenargument. Keine Partei adressiert den Fachkräftemangel in der Pflege — über 5,7 Millionen Pflegebedürftige, aber keine belastbare Personalstrategie — mit hinreichender Konkretheit.
Die demografische Realität — 2045 kommen voraussichtlich nur noch 174 Beitragszahler auf 100 Rentner, gegenüber 220 im Jahr 2023 — erzwingt Antworten, die über Wahlkampfversprechen hinausgehen. Der Bericht der Rentenkommission Ende Juni 2026 wird zeigen, ob die Politik den demografischen Befund annimmt oder weiter vertagt.
