Ende Mai 2026 meldete US-Präsident Donald Trump, eine Absichtserklärung mit dem Iran stehe „kurz vor der Finalisierung" — inklusive einer vorübergehenden Aussetzung der iranischen Urananreicherung, Gesprächen über Sanktionslockerungen und der schrittweisen Wiedereröffnung der Straße von Hormus. Drei Monate nach Beginn des Iran-Kriegs am 28. Februar 2026 und nach einem am 7. April vereinbarten vorläufigen Waffenstillstand wäre das der erste substanzielle diplomatische Durchbruch. Doch der Abstand zwischen Rhetorik und überprüfbarer Substanz ist bei allen Beteiligten erheblich. Dieses Stück prüft die Positionen der fünf zentralen Akteure — USA, Iran, E3/EU, Israel und die Golfstaaten — entlang dreier Ebenen: Programm (formale Forderungen, Vertragstexte, offizielle Dokumente), populistische Geste (öffentliche Inszenierung, Talkshow-Rhetorik, Drohgebärden) und Umsetzungsspur (tatsächliches Handeln, Militäreinsätze, Verifikationsbefunde).

Das Raster: Als „Programm" zählen Vertragstexte, offizielle Verhandlungspapiere, dokumentierte Forderungskataloge und Regierungsbeschlüsse. Als „Geste" zählen öffentliche Statements, die primär auf Innenpolitik oder Signalwirkung zielen, ohne verbindlichen Charakter. Als „Umsetzung" zählt nachweisbares Handeln — Truppenbewegungen, IAEO-Befunde, Sanktionsvollzug, verifizierte Abkommenseinhaltung.


USA: Maximaldruck, maximale Ambiguität

Programm. Die Trump-Administration fordert drei Kernpunkte: erstens das Ende des iranischen Atomprogramms und die Herausgabe oder Vernichtung angereicherten Urans, zweitens freie Passage durch die Straße von Hormus und drittens die Eindämmung der iranischen Regionalpolitik einschließlich des Raketenprogramms. Das geht substanziell über das JCPOA von 2015 hinaus, das Raketen und regionale Aktivitäten ausgeklammert hatte. US-Verteidigungsminister Pete Hegseth formulierte beim Shangri-La-Dialog im Juni 2026, die USA würden „nur einen großartigen Deal" abschließen — und kündigte 1,5 Billionen US-Dollar Verteidigungsausgaben an.

Geste. Trumps Ankündigung, die US-Seeblockade aufzuheben und die „sofortige Öffnung" der Straße von Hormus zu fordern, ist klassische Verhandlungsinszenierung: Sie suggeriert ein Zugeständnis, das tatsächlich eine Forderung an Iran darstellt — denn die Minenräumung liegt auf iranischer Seite. Hegseths Formulierung, Iran werde sich entweder einigen oder „dem Kriegsministerium" gegenüberstehen, zielt auf das heimische Publikum und asiatische Verbündete, die beim Shangri-La-Dialog zu höheren Verteidigungsausgaben bewegt werden sollten.

Umsetzungsspur. Die USA führten ab Februar 2026 gemeinsam mit Israel Militärschläge gegen iranische Nuklearziele durch. Sie traten 2018 einseitig aus dem JCPOA aus und verhängten eine „maximale Druck"-Kampagne, die Irans Ölexporte massiv einbrach — ohne dass Iran sein Programm zurückfuhr. Im Gegenteil: Die Sanktionen stärkten nach überwiegender Einschätzung von Analysten innenpolitisch die Hardliner in Teheran. Die Bilanz: Das programmatische Ziel — ein Iran ohne Nuklearwaffen — ist identisch geblieben; die Methoden wechselten zwischen Sanktionsdruck, Militärschlag und Verhandlung, ohne dass eine davon bisher den Uranvorrat reduziert hätte.


Iran: Ziviles Recht, militärische Realität

Programm. Iran fordert die vollständige Aufhebung aller Sanktionen als Vorbedingung für Verhandlungen über das Atomprogramm und besteht auf dem Recht auf zivile Urananreicherung gemäß dem Atomwaffensperrvertrag. Außenminister Abbas Araghchi signalisierte Verhandlungsbereitschaft, verlangte aber eine „permanente Lösung" mit Sicherheitsgarantien und der Freigabe eingefrorener Vermögenswerte.

Geste. Verteidigungsminister Aziz Nasirzadeh warnte beim Shangri-La-Dialog, bei einem Scheitern der Verhandlungen würden amerikanische Stützpunkte in der Region angegriffen. Diese Drohung richtet sich weniger an Washington als an die eigene Basis und die Revolutionsgarden, deren innenpolitisches Gewicht mit jeder Eskalation wächst. Die Sperrung der Straße von Hormus — über die rund 20 % der weltweiten Öllieferungen laufen — ist gleichermaßen militärisches Druckmittel und wirtschaftliches Eigentor.

Umsetzungsspur. Die IAEO-Daten sprechen eine deutliche Sprache: Iran verfügte im Februar 2025 über geschätzte 7.464 kg angereichertes Uran in Form von UF₆ — fast 25-mal mehr als die im JCPOA erlaubte Gesamtmenge. Die Anreicherung erreichte 60 %, der Verbleib von rund 440 kg hochangereichertem Uran ist unklar. Iran suspendierte das Zusatzprotokoll der IAEO und entzog im September 2023 mehreren Inspektoren die Zugangserlaubnis. Das Muster: Das programmatische Bekenntnis zur „friedlichen Nutzung" steht in scharfem Kontrast zur systematischen Reduktion internationaler Verifikation.

Ein weiteres Instrument der iranischen Führung verdient Beachtung: die Internetabschaltung als innenpolitisches Kontrollmittel. Seit Januar 2026 lief die „längste landesweite Internetabschaltung in der jüngeren Geschichte" — die Kapazität sank auf 1–4 % der Normalauslastung. Erst Ende Mai 2026, zeitlich parallel zur Annäherung an ein Abkommen, wurde der Zugang teilweise wiederhergestellt. Die Koinzidenz ist bemerkenswert: Eine Regierung, die ihre eigene Bevölkerung 88 Tage lang digital isoliert, signalisiert damit nach innen Stärke und nach außen, dass sie über erhebliche Repressionsinstrumente verfügt, die sie als Verhandlungsmasse einsetzen kann — oder als Warnung, was bei einem Scheitern droht. Iran investiert zudem in ein nationales Informationsnetzwerk (NIN) zur langfristigen Abkopplung vom globalen Internet.


E3/EU: Diplomatischer Hebel, begrenzter Arm

Programm. Deutschland, Frankreich und Großbritannien — die verbliebenen europäischen JCPOA-Unterzeichner — lösten im August 2025 den Snapback-Mechanismus aus und setzten damit ältere UN-Sicherheitsrats-Resolutionen mit strengeren Kontrollen wieder in Kraft. Die EU betrachtet die Verhinderung einer iranischen Atombombe als „entscheidende Sicherheitspriorität". Programmatisch fordern die E3 eine diplomatische Lösung, die sowohl das Atomprogramm einschränkt als auch das Raketenprogramm adressiert.

Geste. Die europäische Iran-Diplomatie leidet unter der Diskrepanz zwischen starken Erklärungen und schwacher Durchsetzungsfähigkeit. Der Snapback war der schärfste verfügbare Hebel — und er konnte Iran nicht an den Verhandlungstisch zwingen.

Umsetzungsspur. Die UN-Resolution 2231, die das JCPOA völkerrechtlich verankert, läuft im Oktober 2025 aus. Nach dem Snapback bestehen zwar die älteren Resolutionen weiter, aber die europäische Verhandlungsposition hängt faktisch davon ab, ob Washington und Teheran bilateral zu einer Einigung finden. Die E3 sind Zuschauer mit Vetorecht, aber ohne eigene Eskalationsfähigkeit.


Israel und Golfstaaten: Maximaldruck ohne Verhandlungssitz

Israel verfolgt programmatisch das Ziel einer vollständigen Beseitigung des iranischen Atomprogramms und der Eindämmung der iranischen Regionalpolitik. Premierminister Netanyahu hat die iranische Nuklearkapazität wiederholt als „existenzielle Bedrohung" bezeichnet. Die Umsetzungsspur: Israel beteiligte sich ab Februar 2026 an den Militärschlägen gegen iranische Nuklearanlagen. Die Geste — öffentlich maximaler Druck, privat Abhängigkeit von US-Entscheidungen — spiegelt die strukturelle Asymmetrie: Israel kann eskalieren, aber nicht allein einen diplomatischen Abschluss herbeiführen.

Die Golfstaaten, insbesondere Saudi-Arabien und die VAE, befürchten destabilisierende iranische Regionalpolitik und unterstützen die Eindämmung. Ihr programmatisches Interesse liegt an der Wiederherstellung der Energieversorgungssicherheit — die Sperrung der Straße von Hormus trifft sie unmittelbar. Oman vermittelte indirekte Gespräche, was dem Sultanat eine Rolle als Brücke zwischen den Lagern sichert.


Steelman: Warum ein „großartiger Deal" trotzdem rational sein könnte

Die beste Argumentation für Trumps Ansatz lautet: Nur eine Kombination aus militärischem Druck und Verhandlungsbereitschaft hat Iran überhaupt an den Tisch gebracht. Die Sanktionen allein scheiterten, das JCPOA allein ließ Raketen und Regionalpolitik unberührt — ein breiteres Abkommen, das alle drei Felder adressiert, wäre eine genuine Verbesserung. Irans beste Argumentation: Das Land hat den Atomwaffensperrvertrag unterzeichnet und beansprucht ein Recht auf zivile Nukleartechnologie; die einseitige Aufkündigung des JCPOA durch die USA hat den Vertrauensbruch verursacht, der nun die Eskalation antreibt.

Beide Argumente tragen — aber beide haben eine Achillesferse. Trumps Ansatz setzt voraus, dass Iran unter Druck nachhaltig kooperiert; die historische Evidenz zeigt das Gegenteil. Irans Argument setzt voraus, dass ein Uranvorrat, der 25-mal über dem erlaubten Limit liegt, als „zivil" plausibel bleibt — was mit jeder blockierten IAEO-Inspektion unglaubwürdiger wird.


Was fehlt: Verifikation, Verlässlichkeit, Verbleib

Drei Lücken durchziehen alle Positionen. Erstens: Kein Akteur hat bisher einen belastbaren Verifikationsmechanismus vorgelegt, der über die von Iran bereits eingeschränkte IAEO-Kooperation hinausgeht. Zweitens: Die USA sind 2018 aus dem JCPOA ausgestiegen — jedes neue Abkommen steht unter dem Vorbehalt, dass eine folgende Administration es erneut aufkündigt. Drittens: Der Verbleib von rund 440 kg hochangereichertem Uran ist nach IAEO-Angaben unklar — ein Faktum, das jede Einigung belastet, solange es nicht aufgeklärt ist.

Die Sunset-Klauseln des JCPOA — also die zeitliche Befristung der Beschränkungen — waren bereits beim Originalabkommen der Hauptkritikpunkt. Ob ein neues Abkommen diese Schwachstelle adressiert, ist Stand Juni 2026 nicht öffentlich dokumentiert.


Quellen:

Arms Control Center — Iran Nuclear Weapons Capability, Stand Februar 2025 Auswärtiges Amt — JCPoA-Übersicht JNS — Hegseth: Trump will conclude a 'great deal' with Iran, 31.05.2026 Caliber.az — Shangri-La dialogue to focus on Iran war, 30.05.2026 Der Spiegel — Iran-Krieg: Das sagt Teheran zum möglichen Abkommen, 25.05.2026 RFE/RL — Iran's Internet Restoration, 27.05.2026 Chatham House — Iran's internet shutdown signals digital isolation, 23.01.2026 Brandeis University — Iran After Trump SWP Berlin — Neue Atomgespräche mit Iran Council on Foreign Relations — What Is the Iran Nuclear Deal?