Samstagabend, die Tür verriegelt, das Licht gedämpft, daneben eine Kerze, deren Duft „Nordische Stille" heißt, und darunter, in einer emaillierten Mulde, hundertfünfzig Liter abkühlendes Trinkwasser, in dem er beschlossen hat, sich selbst zu marinieren. Das nennt man, mit einem Wort von rührender Feierlichkeit, ein Vollbad. Ich schlage vor, wir hören damit auf.
Betrachten wir die Sache nüchtern, also so, wie man eine Sache betrachten sollte, bevor man sie zur Kultur erklärt. Ein Bad ist kein Reinigungsvorgang. Wer sich wäscht, entfernt etwas von sich; wer badet, bleibt damit in Kontakt und nennt das Entspannung. Die ersten Minuten ist das Wasser zu heiß, die nächsten richtig, und den Rest der Sitzung verbringt der Badende damit, mit dem großen Zeh den Warmwasserhahn zu bedienen, um einen physikalischen Prozess aufzuhalten, der sich nicht aufhalten lässt. Man liegt, kurz gesagt, in einer langsam erkaltenden Pfütze und verteidigt sie gegen die Thermodynamik.
Nun ist der Deutsche, und das ist eine seiner schönsten Eigenschaften, ein Mensch der Gewissensbuchführung. Er trennt seinen Müll in fünf Fraktionen, er spült den Joghurtbecher, bevor er ihn dem Gelben Sack anvertraut, er kauft die Spülmaschine nach Energieeffizienzklasse und das Ei nach Haltungsform. Rund hundertfünfundzwanzig Liter Wasser verbraucht er im Schnitt am Tag — fürs Trinken, Kochen, Waschen, für das ganze übrige Leben. Und dann, einmal die Woche, legt sich derselbe Mensch in hundertfünfzig Liter Wasser, das nichts weiter tut, als ihn zu umgeben, und empfindet dabei kein Unbehagen, sondern Frieden. Es ist der einzige Liter-Exzess, den ein ökologisch grundierter Mensch sich nicht nur verzeiht, sondern als Wohltat verbucht. Die Wanne ist der blinde Fleck im grünen Gewissen.
Das hat eine Geschichte. Das Bürgertum des neunzehnten Jahrhunderts hat die Wanne erfunden, oder doch geheiligt, als es die Innerlichkeit erfand: ein Ort, an dem der Mensch ganz bei sich sein durfte, abgeschlossen, dampfend, unerreichbar für die Welt und ihre Zumutungen. Die Badewanne ist gewissermaßen die Romantik in Sanitärform — das Ich, das sich vor dem Jahrhundert in warmes Wasser zurückzieht. Das war einmal ein Fortschritt. Heute ist es ein Möbel, das zu viel Platz, zu viel Wasser und zu viel Bedeutung beansprucht.
Man versteht das Wannenbad ohnehin erst, wenn man begreift, dass es nie um Sauberkeit ging, sondern um Souveränität. Die Wanne ist das letzte unverletzliche Territorium des Bundesbürgers. Sie hat eine Grenze, schärfer gezogen als die meisten im Land, nämlich den emaillierten Rand; sie unterhält eine Außenpolitik, die aus einer einzigen verriegelten Tür besteht; sie hält eine strategische Reserve von hundertfünfzig Litern und eine Bevölkerung von genau einem. Es ist die kleinste denkbare Republik, und die einzige, in der der Deutsche sich uneingeschränkt durchsetzt. Kein Wunder, dass er sie verteidigt wie eine Verfassung.
Die Dusche dagegen ist Demokratie. Sie kennt keine Liegeordnung und keine Rangfolge; man steht in ihr, aufrecht, wie es sich für einen mündigen Bürger gehört. Sie dauert so lange, wie der Vorgang dauert, und keine Sekunde länger, weil es im Stehen keinen Grund gibt zu bleiben. Sie verschwendet nichts an Inszenierung: keinen Schaum, der ein Versprechen sein will, keine Kerze, die „Nordische Stille" behauptet, keinen Badezusatz, der nach einer Idee von Wald riecht, die noch nie ein Wald hatte. Man geht hinein, man wird sauber, man singt vielleicht, man geht hinaus. Die Dusche ist der Werktag der Hygiene, und der Werktag, das weiß diese Republik im Grunde, ist es, der sie trägt.
Man soll fair bleiben, auch in der Polemik, sonst wird sie billig. Es gibt das berechtigte Bad. Das Kind, das im warmen Wasser zum ersten Mal die Welt für freundlich hält. Der Körper nach der Grippe, dem Wärme mehr Medizin ist als jede Tablette. Der Rücken, der nach einem langen Tag in der Kälte nichts anderes mehr versteht. Diesen Bädern soll niemand den Stöpsel ziehen; sie haben einen Grund, der außerhalb ihrer selbst liegt, und genau das ist der Unterschied. Was hier vor Gericht steht, ist nicht das Bad aus Not, sondern das Bad aus Anspruch — das wöchentliche Vollbad als Lebensstil, als kleine Belohnung, als gefühlte Selbstfürsorge, die in Wahrheit nur eine sehr nasse Form des Nichtstuns ist.
Vielleicht ist das Wannenbad am Ende ehrlicher, als es aussieht. Eine Nation, die das Stillstehen verlernt hat und das Stillliegen zur Wellness erklärt, sagt damit etwas über sich. Sie hat keine Zeit mehr, also kauft sie sich welche, in Form von hundertfünfzig Litern und einer Kerze. Aber man kann zu sich auch im Stehen kommen — schneller, billiger, mit besserem Gewissen. Wer braucht noch Badewannen? Niemand, der irgendwo hinmuss. Ziehen Sie den Stöpsel; das Wasser, das Sie sparen, gehört ohnehin dem Land. Und stellen Sie sich, wenigstens für heute, einfach hin.
