Er hat nur seine Symptome gezählt.

Das eigentliche Problem ist eine Verteilungsfrage, die die schwarz-rote Bundesregierung unter Friedrich Merz bislang nicht beantwortet: Wer trägt die Kosten der Transformation? Die Politik hat diese Frage mit zwei inkonsistenten Antworten umgangen – einerseits Milliarden für den Umbau der Hochöfen, andererseits ein Netzpaket, das die Basis dieser Transformation systematisch schwächt.


Die Gegenposition zuerst

Wer die Bundesregierung verteidigt, hat ein Argument, das nicht wegzureden ist: Die öffentliche Hand investiert erheblich. Die Stromsteuer wurde auf das europäische Minimum gesenkt, die Übertragungsnetzentgelte wurden 2026 um 6,5 Milliarden Euro reduziert, der Umbau von Hochöfen zu Direktreduktionsanlagen wird mit Milliarden gefördert. Und Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche greift mit dem geplanten Netzpaket ein reales Problem an: Fast drei Milliarden Euro jährlich kostet Strom, der wegen Netzengpässen nicht genutzt werden kann. Diese Kosten treffen schließlich alle Abnehmer – auch die energieintensive Stahlindustrie.

Das Argument für den Redispatch-Vorbehalt lautet in seiner stärksten Form: Wer neue Erneuerbare-Energien-Anlagen in Engpassgebieten baut, darf nicht dauerhaft auf Entschädigungen für abgeregelten Strom zählen, wenn er weiß, dass das Netz dort nicht aufnehmen kann, was er einspeist. Synchronisierung von Zubau und Netzausbau ist ein legitimes regulatorisches Ziel.


Warum das Argument trotzdem nicht trägt

Legitim ist das Ziel. Die Methode ist es nicht.

Der Redispatch-Vorbehalt sieht vor, dass neue Erneuerbare-Energien-Anlagen in Engpassgebieten zehn Jahre lang auf Entschädigungen bei Abregelung verzichten müssen – definiert als Gebiete, in denen im Vorjahr mindestens drei Prozent der Erzeugung abgeregelt wurden. Analysen deuten darauf hin, dass bereits heute große Teile Deutschlands darunter fallen würden. Verbände wie BDEW, VKU, BSW und BWE warnen übereinstimmend vor Investitionsstopps, vor sogenannten „Sperrzonen der Energiewende", in denen neuer Zubau faktisch unfinanzierbar wird.

Das ist der Widerspruch, der die Stahlarbeiterproteste in einem anderen Licht erscheinen lässt: Die Stahlindustrie soll auf grünen Wasserstoff umsteigen. Grüner Wasserstoff braucht günstigen erneuerbaren Strom in großen Mengen. Günstiger erneuerbarer Strom entsteht durch raschen Ausbau von Wind- und Solarkapazitäten. Genau dieser Ausbau wird durch den Redispatch-Vorbehalt gebremst. Der Strombedarf der transformierten Stahlindustrie wird laut Fachschätzungen stark steigen – gerade durch den Einsatz wasserstoffbasierter Direktreduktionsanlagen. Die Politik fördert den Umbau mit einer Hand und untergräbt seine Grundlage mit der anderen.

Aus dem Effizienzmaßstab – dem hier angelegten Bewertungskriterium – ist das ein klarer Befund: Eine Transformation, die mit Milliarden angestoßen wird, aber an ihrer energetischen Voraussetzung gespart, ist keine Effizienzmaßnahme. Sie ist eine Fehlallokation.


Die ungestellte Frage: Wer soll zahlen?

Die Stahlarbeiter in Völklingen und Berlin fordern „verlässliche Rahmenbedingungen". Das klingt abstrakt und meint etwas Konkretes: Wenn der Staat den Umbau zu klimaneutraler Produktion vorschreibt und fördert, dann muss er auch die energetische Infrastruktur liefern, ohne die dieser Umbau nicht funktioniert. Andernfalls ist der Zuschuss kein Förderinstrument, sondern ein Trostpflaster.

Die IG Metall warnt, eine Aufweichung des europäischen Emissionshandelssystems (ETS) – dessen Revision die EU-Kommission für Juli plant – könnte zehntausende Arbeitsplätze gefährden. Das ist auf den ersten Blick paradox: Die Gewerkschaft verteidigt ein Instrument, das ihre Mitglieder mit CO₂-Kosten belastet. Tatsächlich ist es folgerichtig. Wer den ETS aushöhlt, nimmt der Branche den Anreiz und den Druck zur Transformation – und damit das Argument gegenüber dem Staat, Unterstützung zu verdienen. Eine Stahlindustrie ohne Transformationspfad bekommt keine Staatsgelder mehr; sie wird mittelfristig abgewickelt, von Billigimporten aus Asien verdrängt, die weder CO₂-Preis noch Lohnstandards kennen.

Rund 80.000 Menschen sind direkt in der deutschen Stahlindustrie beschäftigt; insgesamt hängen nach Branchenangaben rund vier Millionen Arbeitsplätze in stahlintensiven Wertschöpfungsketten daran – von der Automobilindustrie bis zum Maschinenbau. Die saarländische Ministerpräsidentin Anke Rehlinger (SPD) hat Bund und EU Verlässlichkeit angemahnt und den Umbau durch mögliche Änderungen am Emissionshandel als gefährdet bezeichnet. Das ist kein regionaler Reflex; das ist eine Substanzwarnung.


Was fehlt

Was die Bundesregierung bis heute schuldet, ist eine kohärente Antwort auf die Kostenfrage. Die DIHK schätzte im September 2025, dass die Energiewendekosten sich zwischen 2025 und 2049 auf 4,8 bis 5,4 Billionen Euro summieren könnten, wenn keine Neujustierung erfolgt. Energieimporte stellen mit 2,0 bis 2,3 Billionen Euro die größte Einzelkomponente dar, gefolgt von Netzinfrastruktur mit rund 1,2 Billionen Euro. Diese Zahlen sind umstritten und methodisch angreifbar – aber sie zeigen die Größenordnung einer Debatte, die die Politik bislang in Einzelmaßnahmen zerlegt und nie als Ganzes geführt hat.

Alternativen zum Redispatch-Vorbehalt liegen auf dem Tisch: Branchenverbände schlagen einen „Flexibilitätsbooster" vor – Anreize für flexible Netzanschlussverträge statt Entschädigungsentzug. Reiche hat Kompromissbereitschaft signalisiert. Das ist ein Anfang, kein Ergebnis.


Das Urteil

Die Stahlarbeiter protestieren nicht gegen die Energiewende. Sie protestieren dagegen, dass ihre Industrie die Kosten einer schlecht koordinierten Transformation trägt, ohne die Rahmenbedingungen zu erhalten, die den Umbau tragen würden. Das ist ein berechtigter Einwand – und keiner, der sich mit Fördermilliarden allein beantworten lässt.

Wer den Redispatch-Vorbehalt in seiner geplanten Form umsetzt, bremst den Zubau erneuerbarer Energien genau dort, wo die Industrie günstige Energie am dringendsten braucht. Das ist keine abwägende Klugheit. Das ist ein Zielkonflikt, der politisch entschieden werden muss – und nicht durch Verweigerung dieser Entscheidung.

Die Frage, wer den Preis zahlt, ist keine technische Frage. Sie ist eine Frage der politischen Verantwortung. Eine Bundesregierung, die sie nicht stellt, überlässt die Antwort dem Markt. Und der Markt kennt weder Völklingen noch Klimaneutralität.