Das war die vollständige Antwort auf einen ukrainischen Vorstoß, der Waffenruhe, Gefangenenaustausch und die Rückkehr verschleppter Kinder angeboten hatte. Nicht eine Bedingung, die Selenskyj noch nicht kannte. Kein neues Signal. Nur die Bestätigung, dass der Abstand zwischen den Positionen beider Seiten so groß ist wie seit dem Frühjahr 2022.

Seither hat es keine ernsthaften direkten Verhandlungen gegeben.

Die Ausgangslage: Zwei verfassungsfeste Maximalforderungen

Die Blockade hat eine klare Struktur. Russland fordert den vollständigen Abzug ukrainischer Truppen aus den vier Regionen Luhansk, Donezk, Saporischschja und Cherson – Gebieten, die Moskau im September 2022 per Dekret als Teil der Russischen Föderation erklärt hat, von denen es aber bis heute keines vollständig militärisch kontrolliert. Wer diese Annexionen als unveränderlich behandelt, fordert von Kiew die Kapitulation.

Die Ukraine ihrerseits hat ihre territoriale Integrität in der Verfassung verankert. Selenskyjs Zehn-Punkte-Formel, seit Ende 2022 das offizielle Verhandlungsangebot Kiews, sieht den vollständigen Rückzug russischer Truppen, die Wiederherstellung der Grenzen von 1991 und Sicherheitsgarantien für die Ukraine vor. Auch diese Position lässt keinen Spielraum für den Minimalzugeständnis, den Moskau als Einstiegsvoraussetzung benennt.

Beide Positionen sind damit nicht nur politisch weit voneinander entfernt – sie sind in den jeweiligen Rechtssystemen eingeschrieben. Das macht einen Kompromiss nicht unmöglich, erhöht aber den innenpolitischen Preis für jede Seite, die nachgibt, beträchtlich.

Der Drohnenkrieg als strategisches Kalkül – und als Signal

Parallel zur Verhandlungsabsage hat die Ukraine ihre Drohnenangriffe auf russisches Territorium intensiviert. Angegriffen wurden Luftwaffenstützpunkte und Ölraffinerien tief im russischen Hinterland; auf der Krim haben ukrainische Drohnen zu einer Versorgungsengpass-Lage geführt. Die UN dokumentierten für Mai 2026 einen Höchststand ziviler Opfer in der Ukraine seit April 2022 – 45 Prozent davon auf Raketen- und Drohnenangriffe zurückzuführen.

Selenskyjs Kalkül ist erkennbar: Wer Russland empfindlich treffen kann, verhandelt aus einer anderen Position als wer nur hält, was er hat. Die Angriffe auf Wirtschaftsinfrastruktur – Raffinerien, Treibstoffdepots – sollen den Druck erhöhen, ohne NATO-Eskalationslinien zu überschreiten. Putin seinerseits hat die Angriffe öffentlich als Versuch bezeichnet, Russland zu „spalten und Verwirrung zu stiften" – eine Rahmung, die innenpolitisch beruhigen soll, aber wenig darüber aussagt, wie sie strategisch bewertet werden.

Die Drohnenstrategie hat jedoch einen Konstruktionsfehler als Verhandlungsinstrument: Sie demonstriert Verwundbarkeit des Gegners, ohne dessen Hauptziele zu verändern. Moskau hat seinen Gebietsanspruch nicht relativiert, weil Raffinerien brennen. Und jeder ukrainische Treffer liefert der russischen Seite Rechtfertigung für weitere Raketenangriffe auf ukrainische Städte und Infrastruktur. Aus der Perspektive der Effizienz-Achse – also der Frage, welches Mittel welchen Outcome wahrscheinlich macht – ist unklar, wie eine Drohneskalation den Weg zu verhandelbaren Positionen kürzt, solange keine der Seiten ihre Grundforderungen revidiert.

Die Außenmächte: unterschiedliche Anreize, schwache Koordination

Die internationale Dimension zeigt drei Akteure mit grundlegend verschiedenen Incentive-Strukturen.

Die USA unter Donald Trump haben sich für eine Verhandlungslösung ausgesprochen, aber eine, die de facto russische Gebietsgewinne konserviert: Trump schlug vor, die Frage der Krim für fünfzehn Jahre auszusetzen und Russlands Kontrolle über weite Teile der besetzten Gebiete implizit anzuerkennen. Selenskyj wurde öffentlich gewarnt, er riskiere noch mehr Territorium, wenn er weiter kämpfe. Bilaterale Gespräche zwischen Washington und Moskau, über deren Inhalt wenig bekannt ist, haben in Kiew Misstrauen ausgelöst – das ukrainische Sicherheitsinteresse wird dort als Verhandlungsmasse wahrgenommen, nicht als Ausgangsposition.

Die EU betont anhaltende Unterstützung, hat über ein Dutzend Sanktionspakete verhängt, darunter den Ausschluss russischer Banken aus dem SWIFT-System, und drängt auf Beteiligung an etwaigen Verhandlungen. Aber die EU verfügt über keinen Verhandlungskanal, der Russland tatsächlich zu Gesprächen bewegen könnte – Moskau lehnt Europa als Vermittler ab.

China hat einen Zwölf-Punkte-Plan vorgelegt, der auf „politische Lösung" zielt, aber keine Mechanismen enthält, die Russland zu territorialen Zugeständnissen bewegen würden. Peking macht die USA mitverantwortlich für die Krise, lehnt Sanktionen ab und verfolgt primär das Interesse, als Großmacht präsent zu sein – ohne den politischen Preis zu zahlen, den eine echte Vermittlung gegenüber Moskau kosten würde.

Aus demokratiepolitischer Sicht – gemessen an der Fähigkeit internationaler Institutionen, Regeln durchzusetzen und souveräne Grenzen zu schützen – ist das Ergebnis dieser Akteurskonstellation ernüchternd: Der Hauptleidtragende ist das ukrainische Selbstbestimmungsrecht, das jede Verhandlungslogik, die russische Annexionen als Verhandlungsgrundlage akzeptiert, strukturell beschädigt.

Das Frühjahr 2022 und was daraus folgt

Die einzige Phase, in der direkte Verhandlungen zwischen Kiew und Moskau substantiell geführt wurden, lag im März und April 2022. Die Gespräche scheiterten – über die genauen Gründe gibt es unterschiedliche Darstellungen: ukrainische Seite und westliche Beobachter verweisen auf die Entdeckung russischer Kriegsverbrechen in Butscha; russische Seite behauptet, westlicher Druck habe Kiew zur Aufgabe der Verhandlungen veranlasst. Was sich belegen lässt: Beide Seiten haben seither keine vergleichbaren Direktkontakte mehr gehabt.

Das ist für die aktuelle Lage relevant, weil es zeigt, dass der Abbruch nicht strukturell zwingend war – es gab einen Moment, in dem Kompromissformeln auf dem Tisch lagen. Dass sie heute weiter weg erscheinen als damals, ist auch Ergebnis von vier Jahren weiterem Krieg, weiterer Annexionsdekrete und einer auf beiden Seiten verfestigten innenpolitischen Rhetorik, in der Nachgeben als Verrat gilt.

Wozu diese Konstellation führt

Putins Absage an Selenskyj ist kein taktisches Signal, das sich durch ein geändertes Angebot korrigieren lässt. Sie beschreibt eine Struktur: Moskau verhandelt, wenn es seine Bedingungen für erfüllt hält oder wenn der militärische Druck untragbar wird. Beides ist derzeit nicht der Fall. Kiew verhandelt, wenn Sicherheitsgarantien und territoriale Integrität nicht grundsätzlich zur Disposition stehen. Auch das ist derzeit nicht das Angebot auf dem Tisch.

Die Drohneskalation verändert diese Grundstruktur nicht – sie verlagert Kosten und testet Verwundbarkeit, ohne die Zielkoordinaten der jeweils anderen Seite zu verschieben. Internationale Vermittler bieten teils Formate an (EU-Beteiligung, chinesischer Zwölf-Punkte-Plan), die von einer der Konfliktparteien abgelehnt werden, teils Inhalte (Trump-Plan), die die andere Konfliktpartei nicht akzeptieren kann, ohne ihre Grundposition aufzugeben.

Solange sich daran nichts ändert – durch militärische Verschiebungen, innenpolitischen Druck auf eine der Seiten oder eine außenpolitische Konstellation, die einen der Akteure zur Revision seiner Ziele zwingt –, ist das nächste ukrainische Gesprächsangebot keine Einladung zu Verhandlungen. Es ist ein Dokument für die Geschichtsbücher.