Für ein Land, das gleichzeitig einen Krieg führt, ist das bemerkenswert schnell. Die Türkei wiederum führt Verhandlungen seit Oktober 2005 – und hat in zwei Jahrzehnten exakt eines von 35 Kapiteln schließen können.

Die Frage, wer zuerst beitritt, ist damit nicht trivial beantwortet. Aber sie ist auch nicht offen.


Das Rennen und seine Regeln

Der EU-Beitritt folgt einem Parcours: Kandidatenstatus, Screening, Verhandlungskapitel, Abschluss, Ratifizierung. Jede Station braucht Einstimmigkeit im Rat – 27 Vetos sind möglich. Und jede Station setzt voraus, dass das Kandidatenland die Kopenhagener Kriterien erfüllt: stabile demokratische Institutionen, funktionierende Marktwirtschaft, Übernahme des EU-Rechtsbestands.

Die Ukraine hat den Kandidatenstatus im Juni 2022 erhalten, die Beitrittsverhandlungen wurden am 25. Juni 2024 formell eröffnet. Die Türkei wartet auf diesen Moment seit 1999 – sie hat ihn vor zwanzig Jahren gehabt und verspielt.


Ukraine: Fortschritt unter Beschuss

Was die Ukraine in den letzten zwei Jahren geleistet hat, verdient eine nüchterne Bestandsaufnahme.

GRECO, die Anti-Korruptions-Gruppe des Europarats, veröffentlichte im Februar 2025 eine Bewertung: 18 von 31 Empfehlungen zur Korruptionsbekämpfung hat die Ukraine zufriedenstellend umgesetzt. Elf sind teilweise erfüllt, zwei noch offen – darunter die zufällige Fallzuteilung bei Staatsanwälten und präzisere Definitionen von Disziplinarverstößen. Das ist kein Jubelbericht. Aber es ist auch kein Vergleich mit dem türkischen Pendant, der Gnade kennen würde.

Die Ukraine hat Gesetze zur finanziellen Transparenz und zum Lobbyismus verabschiedet. Sie hat Maßnahmen zur Stärkung der RichterIntegrität ergriffen. Das Nationale Antikorruptionsbüro (NABU) und die Nationale Agentur zur Korruptionsprävention (NAZK) funktionieren – noch nicht auf vollem Leistungsstand, aber sie existieren, sie ermitteln, sie berichten.

Das Screening-Verfahren, abgeschlossen im September 2025, zeigte: Das ukrainische Recht ist weit vom EU-Acquis entfernt – was bei einem Land, das sich 70 Jahre lang in einer anderen Rechtstradition befand, niemanden überrascht. Der Befund ist die Grundlage der Verhandlungen, nicht ihr Ende.

Die EU-Kommission bezifferte 2023 die noch offenen Reformauflagen: Aufstockung des NABU-Personals, Stärkung der NAZK, Vervollständigung des Lobbyismusgesetzes. Daran wird gearbeitet. Das Tempo ist – gemessen an der gleichzeitigen Kriegsführung – ungewöhnlich hoch.

Die Ukraine-Fazilität der EU, ein Finanzierungsinstrument von 50 Milliarden Euro für den Zeitraum 2024–2027, ist an Reformbedingungen geknüpft. Die Kommission zog im September 2025 eine positive Zwischenbilanz: Die Mittel fließen, die Bedingungen werden überwiegend erfüllt. Das ist Konditionalität in Echtzeit – und ein Hebel, den die EU bei der Türkei nie in dieser Form hatte.

Ein wichtiger Vorbehalt bleibt: Reformen, die ein Kriegskabinett unter Druck beschließt, müssen sich in Friedenszeiten bewähren. Ob ukrainische Institutionen langfristig stabil sind, ob die politische Klasse Antikorruptionsgesetze auch dann respektiert, wenn kein Brüssel-Druck mehr existiert – das ist eine offene Frage. Die Demokratie-Achse zeigt hier eine strukturelle Spannung: Kriegsrecht, Einschränkung von Medien und politischer Opposition sind kurzfristig verständlich, langfristig mit EU-Werten unvereinbar.


Türkei: Eine Leiche, die noch warm ist

Das türkische Beitrittsverfahren ist nicht gescheitert. Es ist eingefroren. Das ist ein wichtiger Unterschied – und gleichzeitig ein semantischer Trost ohne substanzielle Bedeutung.

Die Fakten: 35 Kapitel, 18 eröffnet, eines abgeschlossen (Wissenschaft und Forschung, 2006). Seit 2016 kein neues Kapitel mehr. Seit 2018 faktisch Stillstand. Das EU-Parlament forderte 2016 das Einfrieren – und hat im Juni 2026 einen Bericht verabschiedet, der Sanktionen gegen den türkischen Justizminister wegen Menschenrechtsverletzungen ins Spiel bringt.

GRECO bewertet die türkische Compliance mit Anti-Korruptionsempfehlungen als „global unzureichend": Von 22 Empfehlungen hat die Türkei drei vollständig umgesetzt, neun teilweise, zehn gar nicht. Eine GRECO-Hochrangdelegation besuchte Ankara im Jahr 2025 und mahnte rasche Maßnahmen an – ohne sichtbare Wirkung.

Der EU-Länderbericht zur Türkei vom Oktober 2024 ist eine Dokumentation des Rückschritts: gravierende Probleme bei Rechtsstaatlichkeit, Justizunabhängigkeit, Menschenrechten. Die Zypernfrage bleibt ungelöst – Ankara erkennt einen EU-Mitgliedstaat weiterhin nicht an. Das ist kein Detail; es ist ein Beitrittshindernis, das keine Verhandlungstechnik umgeht.

Das stärkste Argument für die Türkei lautet: strategische Unverzichtbarkeit. Die Türkei ist NATO-Mitglied, kontrolliert die Meerengen zwischen Schwarzem Meer und Mittelmeer, ist Partner in der Migrationspolitik (der EU-Türkei-Deal von 2016 funktioniert bis heute als Regulierungsmechanismus). Der Warenhandel zwischen EU und Türkei wuchs von 11 Milliarden Dollar 1989 auf 213 Milliarden Dollar 2023. Wer die Türkei braucht, so das Argument, kann sie nicht dauerhaft ausschließen.

Dieses Argument hat Gewicht. Es erklärt, warum die EU den Kandidatenstatus nie formal entzogen hat und warum immer wieder über eine „strategische Partnerschaft" gesprochen wird. Aber es erklärt nicht, warum ein Land, das aktiv gegen EU-Werte regiert, Mitglied werden sollte. Strategische Partnerschaft und Vollmitgliedschaft sind keine Synonyme – und die EU hat in ihrer Geschichte noch nie ein Land aufgenommen, das die Kriterien erkennbar nicht erfüllt.

Auf der Effizienz-Achse zeigt die Türkei sogar Stärken: Eine vergleichsweise funktionierende Verwaltung, eine entwickelte Wirtschaft, hohe Handelsintegration. Das ist real – aber es reicht nicht, wenn die Demokratie-Achse in die entgegengesetzte Richtung zeigt.


Der Zeitplan und seine Ungewissheiten

Wann tritt die Ukraine bei? Die ehrliche Antwort: nicht bald. Realistisch – und das sind Schätzungen, keine Terminpläne – werden Analysten auf Ende der 2030er-Jahre tippen, falls der Krieg endet und die Reformdynamik anhält.

Die EU selbst hat ihre Aufnahmefähigkeit als zusätzliches Kriterium ins Spiel gebracht: Kann die Union 27 Mitglieder koordinieren, wenn 28, 29 oder 30 hinzukommen? Die Institutionen sind auf 15 Mitglieder ausgelegt worden; die Reform der Abstimmungsregeln, der Agrar- und Kohäsionspolitik, des Haushalts ist ausstehend. Ungarn hat die Eröffnung der Verhandlungen lange blockiert – und hat die Blockade erst im Juni 2026 aufgehoben, nach einer Einigung zur Stärkung der ungarischen Minderheitsrechte in der Ukraine. Das zeigt: Ein einziger Mitgliedstaat kann den Prozess um Jahre verzögern.

Für die Türkei fehlt ein solcher Zeitplan vollständig. Es gibt keine Bewegung auf der Seite, die sie kontrolliert – die eigene Rechtstaatlichkeit. Und es gibt keine Bewegung auf der Seite, die die EU kontrolliert – die politische Bereitschaft zur Aufnahme. Außenminister Wadephul hat im Frühjahr 2026 bekräftigt, dass eine Vollmitgliedschaft der Türkei derzeit keine reale Perspektive hat.


Das Ergebnis

Die Ukraine führt dieses Rennen – mit einem erheblichen, strukturell begründeten Vorsprung. Sie hat einen aktiven Verhandlungsprozess, einen abgeschlossenen Screening-Schritt, einen belegten Reformwillen und eine finanzielle Konditionalitätsarchitektur, die Fortschritte erzwingt. Sie hat auch offene Flanken: Kriegs-Institutionalismus, noch nicht vollständig umgesetzte GRECO-Empfehlungen, ungelöste wirtschaftliche Konvergenzfragen.

Die Türkei hat strategische Relevanz, eine entwickelte Wirtschaft und 21 Jahre vergeudeter Chancen. Sie hat einen eingefrorenen Prozess, eine als „global unzureichend" bewertete Korruptionsbekämpfung und eine Regierung, die Rechtsstaatlichkeit als Verhandlungsmasse behandelt.

Wer zuerst beitritt? Alles spricht für die Ukraine – sofern der Krieg endet, die Reformen halten und die EU sich selbst reformiert. Das ist eine Liste von Bedingungen, kein Versprechen. Aber es ist eine Liste, die wenigstens abarbeitbar ist. Die türkische Liste beginnt mit einem Punkt, der seit zehn Jahren unberührt bleibt.