Was Kubicki in den vergangenen dreißig Tagen tat, tat er außerhalb des Parlaments — mit dem einzigen Instrument, das ihm bleibt: dem Wort. Diese Bilanz prüft, was davon trägt.
Was belegt ist
Kubicki gewann den Parteivorsitz in einer Kampfabstimmung. Auf dem 77. Ordentlichen Bundesparteitag setzte er sich mit 59,27 Prozent der Delegiertenstimmen gegen Marie-Agnes Strack-Zimmermann durch, die ihre Kandidatur erst kurzfristig erklärt hatte. Er erhielt 390 Stimmen; sie kam auf 259. Kubicki war seit Dezember 2013 stellvertretender Bundesvorsitzender — der Aufstieg an die Spitze fällt in die tiefste Krise der Partei seit ihrem Wiedereinzug 2017.
In der Antrittsrede legte er den Kurs fest: eine FDP „ohne ideologischen Firlefanz", die Wähler auch von der AfD zurückholen soll. Eine Zusammenarbeit mit der AfD schloss er aus, verlangte aber die inhaltliche Auseinandersetzung statt der bloßen Ausgrenzung. Am 1. Juni erklärte er auf demselben Parteitag, bei einem Konflikt zwischen Klimaschutz und Wirtschaftswachstum müsse sich die Partei für das Wachstum entscheiden — es sei „die Grundlage des Wohlstandes".
Anfang Juni schärfte er die Kritik an der schwarz-roten Bundesregierung unter Friedrich Merz. Die Reformbemühungen nannte er „Sprechblasen", er forderte weniger staatliche Eingriffe, niedrigere Abgaben, mehr private Initiative. Von den rund 100 Milliarden Euro direkter staatlicher Subventionen hält er mehr als die Hälfte für „völlig überflüssig, sogar kontraproduktiv" — welche konkret, sagte er nicht. Bei der Grundsicherung verlangte er härtere Sanktionen für Arbeitsverweigerer nach dänischem Vorbild. Robert Habeck warf er vor, die deutsche Wirtschaft „ruiniert" zu haben — ein Vorwurf, den er schon Anfang 2025 wortgleich erhob, damals mit dem Zusatz, Habeck sei „ein guter Mensch".
Und dann war da das Trikot. Als Merz beim G7-Gipfel in Évian Donald Trump ein Deutschland-Trikot mit der Rückennummer 47 und dem Namen „Trump" überreichte, nannte Kubicki die Geste einen „strategischen Fehler" und sah darin außenpolitische Orientierungslosigkeit — „Belehrung und Anbiederung" zugleich.
Wohin läuft er?
Nach oben, gemessen am Ausgangspunkt. Kubicki hat eine außerparlamentarische Partei übernommen und ihr binnen Wochen wieder ein Gesicht gegeben. Nach dem Parteitag lag die FDP in Umfragen bei fünf Prozent — die Presse nannte es den „Kubicki-Effekt". Ob diese Erholung stabil ist oder ein kurzer Aufmerksamkeitsschub, lässt sich nach dreißig Tagen nicht sagen. Kubickis Werkzeug ist die Provokation, und Provokation nutzt sich ab. Der 74-Jährige führt die Partei nicht in Richtung Regierung, sondern zurück in den Diskurs — der Weg zurück ins Parlament ist damit nicht beschritten, nur die Bühne dafür gemietet.
Der echte Beitrag
Er ist schmal, und das liegt in der Natur der Sache. Wer keine Fraktion hat, verabschiedet kein Gesetz, bringt keinen Antrag ein, stimmt über nichts ab. Der substanzielle Vorgang des Zeitraums ist die Kampfabstimmung selbst: Kubicki hat einen Richtungsstreit einer Partei entschieden, die zwei Kurse zur Wahl hatte. Strack-Zimmermann stand für die scharfe Abgrenzung zur AfD, Kubicki für die offensive inhaltliche Auseinandersetzung. Mit 59,27 Prozent hat die FDP sich für Letzteres entschieden. Das ist kein Regierungshandeln, aber es ist eine reale Weichenstellung — sie legt fest, wie sich eine der Gründungsparteien der Bundesrepublik zur AfD verhält, falls sie zurückkehrt.
Ehrlich gesagt: Man kann Kubicki das Gespür für die Lage seiner Partei nicht absprechen. Die stärkste wohlwollende Lesart lautet, dass eine außerparlamentarische Partei nur über Zuspitzung sichtbar bleibt und dass Kubicki genau das liefert, was die FDP im Moment braucht — Präsenz. Wer keine Macht hat, hat nur die Aufmerksamkeit. Er organisiert sie professionell.
Das Irrelevante
Vieles. Die Subventionskritik ohne einen einzigen benannten Posten bleibt Rhetorik — ein Politiker, der 50 Milliarden Euro für überflüssig erklärt, aber keine Zeile davon konkret macht, trifft keine Entscheidung, er formuliert eine Stimmung. Der Vorrang von Wachstum vor Klimaschutz ist als Grundsatz gesetzt, ohne Programm, ohne Mehrheit, ohne Umsetzungspfad. Die Habeck-Schelte ist ein Recycling: derselbe Satz, den Kubicki im Februar 2025 sprach, gegen einen Minister, der seit dem 1. September 2025 kein Mandat mehr hat und sich zurückgezogen hat. Ein Vorwurf gegen einen Abwesenden geht in keine Geschichte ein. All das ist der normale Betrieb einer Oppositionspartei ohne Opposition — Positionierung, kein Beitrag.
Pose und Klamauk
Zwei Vorgänge tragen die Zuschreibung, und beide sind konkret. Der erste ist die SMS an Merz. Als die FDP in einer Umfrage wieder bei fünf Prozent stand, schrieb Kubicki dem Kanzler laut Bild eine Nachricht mit den Worten „Moin, Friedrich" — und ließ es öffentlich werden. Das ist keine Kommunikation, das ist Inszenierung von Nähe zur Macht, die man nicht hat. Die Botschaft galt nicht Merz, sie galt den Kameras.
Der zweite ist die Wortwahl selbst. Kubicki bezeichnete Merz an anderer Stelle als „Eierarsch". Das ist keine Kritik an Politik, sondern die kalkulierte Grenzüberschreitung als Aufmerksamkeitswährung — der Registerbruch, der garantiert zitiert wird. An diesem Punkt trifft der stärkste Einwand gegen die ganze Strategie: Wer nur durch Provokation existiert, wird an Provokation gemessen und nicht an Inhalt. Kubicki hat die FDP sichtbar gemacht. Sichtbar wofür, das ist nach dreißig Tagen die offene Frage. Der Briefkasten trägt wieder einen Namen — was drinsteckt, weiß niemand.
