Putin lehnte direkte Gespräche ab, Trump stellte die Vermittlung ein, und so saßen am 7. Juni in London vier Männer zusammen, die eigentlich keiner von ihnen dort sitzen wollte — zumindest nicht in dieser Konstellation, nicht mit diesem Vakuum im Rücken. Das Treffen von Merz, Macron, Starmer und Selenskyj war kein Gipfel der Stärke. Es war ein Gipfel der Notwendigkeit.
Die gemeinsame Erklärung zählt fünf Bedingungen für einen „gerechten und dauerhaften Frieden" auf: Ende der Kampfhandlungen, robuste Sicherheitsgarantien für die Ukraine, Fortsetzung der Unterstützung. Deutschland steht darin als Teil der „Koalition der Willigen" — rund 35 überwiegend europäische Staaten, die Kiew stützen, seitdem Washington die Finanzierung weitgehend gestrichen hat. Für 2026 plant Berlin 11,5 Milliarden Euro allein für militärische Ausrüstung; NATO-intern soll Deutschland den größten Anteil an einem Paket von 140 Milliarden Euro tragen.
Das ist nicht wenig. Es ist sogar bemerkenswert viel für ein Land, das noch vor vier Jahren über Helme stritt. Wer also jetzt sagt, Deutschland handle nicht, beschreibt eine vergangene Bundesrepublik.
Das Kriterium, an dem dieser Kommentar Merz' Londoner Auftritt misst, heißt Souveränität — nicht im Sinne nationaler Eigenbrötlerei, sondern als Fähigkeit, im Konzert der Mächte eigene Ziele zu verfolgen statt nur auf fremde Zugzwänge zu reagieren. Ein souveräner Akteur weiß, was er will, warum er es will und was er dafür zu zahlen bereit ist.
Genau hier liegt das Problem.
Merz fordert einen „klaren politischen Kompass" und ein „klares Zielbild" für Verhandlungen — ein Bekenntnis, das auffällt, weil es die Lücke benennt, die es schließen soll. Wer öffentlich nach einem Kompass ruft, hat noch keinen. Die Formel „europäischere NATO" ist programmatisch richtig und operativ leer, solange keine Mechanismen folgen. Merz hat die europäische Verteidigungsunion als Ziel ausgerufen — die institutionelle Architektur dorthin, die Zuständigkeiten, die Kommando-Fragen, fehlen in London komplett.
Der stärkste Einwand gegen diese Kritik lautet: Deutschland sollte gar kein starres Zielbild haben, sondern als Wirtschaftsmacht und mittlere Großmacht vermitteln — beweglich bleiben, Brücken bauen, nie zu weit vorn. Diese Position hat ihre Logik. Deutschlands Handelsabhängigkeiten, seine geographische Lage zwischen Ost und West, seine historische Sensibilität für militärische Eskalation — das alles spricht gegen eine scharfe Vorderflanke. Und ja: Ein Deutschland, das überstürzt führt, ohne Konsens im Inland und Vertrauen im Osten, kann mehr Schaden anrichten als eines, das sorgfältig abwägt.
Aber dieser Einwand kippt in dem Moment, in dem das Abwägen zur Dauerhaltung wird. Trumps Amerika hat die Vermittlung nicht pausiert — es hat sie verlassen, und zwar so lautstark, dass selbst Trumps Forderung nach NATO-Hilfe bei der Straße von Hormus nur noch als Druckmittel gelesen werden kann, nicht als Bündnistreue. Deutschland lehnte eine militärische Beteiligung dort zu Recht ab — die NATO ist ein Verteidigungsbündnis, nicht Washingtons Eskorte im Persischen Golf. Merz' Verständnis für die US-Reaktion auf Iran war diplomatisch korrekt; seinen eigenen Standpunkt hat er dabei nicht geschärft, sondern abgemildert.
Das ist das Muster: Deutschland handelt, aber es definiert selten, wofür es handelt. 11,5 Milliarden Euro sind eine Haltung, kein Ziel. „Europa muss eine wichtige Rolle in jedem Friedensabkommen spielen" — so steht es in der Londoner Erklärung. Wer das unterschreibt, ohne zu sagen, welche Rolle in welchem Szenario unter welchen Bedingungen, hat eine Erwartung geweckt, keine Strategie formuliert.
Souveränität in der Außenpolitik zeigt sich nicht im Gipfelfoto. Sie zeigt sich darin, ob ein Land ein Ergebnis anstrebt — und ob es bereit ist, dafür Widerstände zu ertragen. Großbritannien und Frankreich führen die Bodentruppen-Initiative für eine mögliche Friedenssicherung; das ist riskant, teuer und konkret. Deutschland stärkt die Luftverteidigung, finanziert, koordiniert — und hält die eigene Rolle absichtlich diffus.
Das könnte Klugheit sein. Es könnte auch der institutionelle Reflex eines Landes sein, das gelernt hat, Verantwortung zu delegieren, solange irgendjemand anderes die Richtung vorgibt. Solange Amerika die Richtung vorgab, war das tragfähig. Jetzt gibt Amerika keine mehr — und ein klarer politischer Kompass entsteht nicht dadurch, dass man ihn in London laut fordert.
