Ende Mai 2026 rief die Krim den Notstand aus. Der Verkauf von Kraftstoff wurde schlicht verboten. Es war kein Randgeschehen: Auf der annektierten Halbinsel, Bühne russischer Machtdemonstration seit 2014, standen Autofahrer vor geschlossenen Tankstellen.
Was auf der Krim demonstrativ sichtbar wurde, zeigt sich seither in abgeschwächter Form quer durch das Land. In mehr als 30 russischen Regionen gelten Rationierungen oder Verkaufsbeschränkungen. In der Region Krasnodar mussten zeitweise zehn Prozent der Taxifahrer zu Hause bleiben — kein Sprit. Flughäfen führten Limits für Kerosin ein. Und in Moskau kostete Diesel in der Woche vom 23. bis 29. Juni 2026 durchschnittlich 84,84 Rubel pro Liter, ein Anstieg von 2,3 Prozent allein in dieser Woche. Seit Jahresbeginn: plus 8,6 Prozent bei Diesel, plus 9,8 Prozent bei Benzin.
„Nicht kritisch" — so qualifizierte Wladimir Putin die Lage. Er räumte dabei Probleme ein.
Drohnen als Wirtschaftswaffe
Der unmittelbare Auslöser ist militärischer Natur. Die Ukraine hat ihre Angriffe auf russische Energieinfrastruktur seit Januar 2026 deutlich intensiviert: Über 50 Ölanlagen wurden seither getroffen, mehr als im gesamten Vorjahr. Raffinerien in Sysran, Saratow, Nischnekamsk, Wolgograd, Rjasan, Rostow, Samara, Krasnodar und Ufa gerieten in Brand oder mussten die Produktion einschränken. Das Ölterminal Ust-Luga und der Hafen Primorsk wurden schwer beschädigt.
Das Ergebnis: Mindestens 17 Prozent der russischen Raffineriekapazität fielen temporär aus, in Spitzenphasen schätzen Analysten die ausgefallene Verarbeitungskapazität auf über 20 Prozent. Die Benzinproduktion liegt seither etwa 20 Prozent unter der inländischen Nachfrage. Bis Ende Mai mussten alle großen Ölanlagen in Zentralrussland ihre Produktion einschränken oder ganz einstellen.
Russland verarbeitet seinen Rohölanteil anders als westliche Volkswirtschaften: Raffinerien sind geografisch konzentriert und technisch veraltet, Reparaturen dauern länger — weil Sanktionen den Import westlicher Ersatzteile erschweren. Der Schaden aus den Angriffen wird auf über sieben Milliarden US-Dollar geschätzt. Wer ihn nicht reparieren kann, produziert schlicht weniger.
Notmaßnahmen mit Nebenwirkungen
Die Antwort des Kremls folgt dem Muster staatlicher Krisenroutine: Exportverbote, Reserven, Importe — und gelockerte Standards.
Seit April 2026 gilt ein vollständiges Exportverbot für Benzin. Anfang Juni folgte das Verbot für Flugbenzin, befristet bis voraussichtlich Ende Juli. Das Exportverbot für Diesel wird erwogen. Gleichzeitig prüft Moskau Kraftstoffimporte aus Belarus, Kasachstan und Indien, und China liefert bereits Treibstoff.
Die aufmerksamste Maßnahme: Die russische Regierung erlaubt nun die Produktion von Kraftstoff mit bis zu 15-fach erhöhtem Schwefelgehalt. Das erhöht kurzfristig die Menge — schädigt aber Katalysatoren und Einspritzanlagen moderner Fahrzeuge. Es ist eine Maßnahme, die den Schaden aus der Zapfsäule in den Motor verlagert.
Vizepremier Alexander Nowak spricht von einer „angespannten Marktlage" und angekündigten Stützungsmaßnahmen. Die Zentralbank warnt bereits, der Preisanstieg bei Benzin und Diesel könnte länger auf die Inflation wirken als frühere Preisschübe — weil er strukturell ist, nicht saisonal. Die Inflation insgesamt zieht an; der Kraftstoffpreis ist darin sichtbar.
Die Frage hinter den Zahlen
Wirtschaftliche Nöte erzeugen nicht automatisch politischen Wandel — das ist das stärkste Argument für die Stabilität des Regimes. Russland hat seit 2022 mehrere Schocks absorbiert: Sanktionspakete, Mobilisierungswellen, eine auf Kriegsproduktion umgestellte Wirtschaft mit historisch niedrigen Arbeitslosenzahlen von 2,6 Prozent. Der Rubel wurde gestützt, Lohnzahlungen liefen durch, der Konsum blieb stabil. Die Zustimmung zu Putin hielt sich — teils wegen Repression, teils wegen einer diffusen Loyalität gegenüber dem Staat in Kriegszeiten, die Politologen als „Trägheitsloyalität" beschreiben.
Doch etwas hat sich verschoben. Das Lewada-Zentrum — das einzige unabhängige Meinungsforschungsinstitut, das noch in Russland operiert — verzeichnete im März 2026 Putins Zustimmung bei 80 Prozent, sieben Punkte weniger als im November 2025. Das staatliche WZIOM meldete im April einen Tiefstand von 65,6 Prozent. Einige negative Umfragedaten wurden nach Berichten nicht mehr veröffentlicht. Der Trend nach unten ist über alle Institutionen hinweg konsistent.
Laut Lewada-Umfragen nennen mehr als die Hälfte der Befragten Preissteigerungen als ihr drückendstes Problem. Kraftstoff ist dabei besonders sichtbar: Er hat einen Preis, den man täglich kennt, und eine Schlange, in der man täglich steht.
Das Kiel Institut für Weltwirtschaft beschreibt Russlands Kriegswirtschaft in einer Analyse vom Juni 2026 als eine, die an strukturelle Grenzen stößt: Die fiskalischen Reserven sind weitgehend aufgebraucht, das Haushaltsdefizit wächst, der Arbeitskräftemangel verschärft sich durch Kriegsverluste und Abwanderung. Die Energieeinnahmen — noch immer das Rückgrat der Staatsfinanzierung — stehen unter Doppeldruck: sinkende Raffineriekapazität durch Drohnenangriffe, sinkende Weltmarktpreise durch globale Angebotsverschiebungen.
Russlands Anteil am weltweiten Dieselangebot lag 2025 bei etwa elf Prozent. Wenn dieser Anteil durch anhaltende Raffinerieausfälle schrumpft, fehlen Exporterlöse — nicht als einmaliger Schock, sondern als strukturelles Leck.
Was trägt, was kippt
Die Treibstoffkrise ist für das Regime beherrschbar — noch. Exportverbote stabilisieren kurzfristig, Importe füllen Lücken, und der Staatsapparat kann Preise per Dekret deckeln. Weder Rationierungen noch steigende Preise haben in autoritären Systemen automatisch destabilisierende Wirkung.
Was das Kalkül verändert, ist die Akkumulation. Die russische Bevölkerung trägt seit über vier Jahren Kriegslasten: Mobilisierung, Preisinflation, Zinsen von inzwischen über 16 Prozent, fehlende Konsumgüter, steigende Steuern. Die Treibstoffkrise ist nicht die erste Last — sie ist eine weitere, und sie betrifft das tägliche Leben unmittelbar.
Die Ernte in Südrussland hängt an Diesel. Traktoren fahren nicht ohne Sprit. Landwirte in Krasnodar berichteten im Frühsommer, sie fürchteten, die Felder schlicht nicht abernten zu können. Eine schlechte Ernte erhöht den Preisdruck auf Nahrungsmittel — der nächste Kanal, durch den der Krieg den Alltag erreicht.
Ob das zu einer kritischeren Haltung gegenüber dem Krieg führt oder ob das Regime die Unzufriedenheit durch Repression und Narrativ absorbiert, wird sich in den nächsten Monaten entscheiden. Der Prüfstein ist einfach: Ob die Zapfsäulen bis zum Herbst wieder voll sind — und was ein Nein mit dem Rückhalt für einen Krieg macht, dessen Ende niemand benennt.
