Anfang Juli 2026 trat Friedrich Merz vor die Kameras und verkündete, was Tage zuvor intern entschieden worden war: Deutschland kauft Tomahawk-Marschflugkörper. Kein Auftritt im Bundestag, keine vorherige Pressekonferenz des Verteidigungsministeriums – der Deal blieb geheim, bis er fertig war. Das Schweigen war Kalkül, die Reaktion vorhersehbar: Zustimmung aus der NATO, Protest aus Moskau, offene Fragen aus dem Parlament.
Die Zahlen, die seither bekannt sind: bis zu 400 Exemplare des Typs Block Vb, Stückpreis über eine Million Euro, Gesamtkosten der Flugkörper rund 1,15 Milliarden Euro. Dazu drei Typhon-Batterien für den Landbetrieb – Startrampen, die das US-Militär entwickelt hat und 2024 erstmals in Übungen auf europäischem Boden einsetzte – für weitere 220 Millionen Euro. Bezahlt wird aus dem Sondervermögen Bundeswehr. Geliefert werden kann frühestens 2028/2029; Vollbetrieb durch die Bundeswehr wohl erst Anfang der 2030er Jahre.
Was der Tomahawk kann – und was nicht
Der Tomahawk Block V ist kein neues System, sondern eine weiterentwickelte Version einer Waffe, die seit dem zweiten Golfkrieg 1991 im Einsatz ist. Er fliegt im Unterschall – knapp 900 km/h – in Höhen von oft unter 200 Metern. Radarsysteme haben Schwierigkeiten, ihn zu erfassen. Die Zielgenauigkeit liegt laut öffentlichen US-Angaben bei einem CEP (Circular Error Probable) von unter zehn Metern; GPS, Geländeabgleich (TERCOM) und optischer Zielerkennung (DSMAC) arbeiten kombiniert. Der Gefechtskopf ist konventionell und wiegt bis zu 450 Kilogramm.
Die Reichweite wird in den Briefings mit über 1.600 Kilometern für die Block-Vb-Variante angegeben; ältere, inzwischen ausgemusterte nuklear bestückte Versionen (TLAM-N) hatten größere Reichweiten, die oft zitierte Zahl von 2.500 Kilometern gehört zu ihnen. Die Bundeswehr beschafft keine nuklearfähige Variante.
Was fehlt: Der Tomahawk ist kein Verteidigungssystem im engeren Sinne. Er kann keine anfliegenden Raketen abschießen. Er dient dem Tiefschlag – dem präzisen Angriff auf Infrastruktur, Führungseinrichtungen, Waffendepots tief im Hinterland eines Gegners. Das Verteidigungsministerium nennt diese Fähigkeit „Ground Based Deep Precision Strike" und betont, dass Deutschland sie bislang nicht hatte. Die Taurus-Rakete, bereits im Bundeswehr-Bestand, reicht rund 500 Kilometer. Der Tomahawk verdreifacht diese Reichweite.
Der Vergleich mit der Oreschnik: Äpfel und Birnen
Russland hat im November 2024 erstmals die Oreschnik eingesetzt – gegen Ziele in der Ukraine. Präsident Putin sprach von einer „Waffe der neuen Generation", schwer abfangbar, hyperschallschnell. Was stimmt: Die Oreschnik erreicht Geschwindigkeiten von angeblich Mach 10 bis 12 (rund 12.300 km/h), trägt bis zu sechs MIRV-fähige Gefechtsköpfe, die unabhängig voneinander gelenkt werden können, und hat eine Reichweite, die je nach Quelle zwischen 2.000 und 5.500 Kilometern angegeben wird. Der Stückpreis liegt schätzungsweise bei 25 bis 30 Millionen US-Dollar – das Drei- bis Dreißigfache des Tomahawk.
Was westliche Experten nüchterner einordnen: Die Präzision der Oreschnik bleibt unklar. Unabhängige Telemetriedaten existieren nicht; alle Leistungsangaben stammen aus russischen Quellen. Der Spiegel zitiert Analysten, die das System bei konventioneller Bestückung als „schwer abwehrbare Terrorwaffe" einordnen – präzise genug für Städte, zu ungenau für Kommandozentralen. Das israelische Arrow-3-System soll nach westlichen Schätzungen zumindest teilweise gegen ballistische Flugbahnen wie die der Oreschnik wirksam sein.
Der entscheidende Unterschied liegt in der Systemlogik. Der Tomahawk fliegt langsam, nah an der Erde, umgeht Radars durch Geländenutzung – er ist ein Präzisionsinstrument für den Erstschlag oder die Folgebekämpfung nach Eskalation. Die Oreschnik kommt aus großer Höhe, mit enormer kinetischer Energie, kaum abfangbar in der Endphase – sie ist ein Druckmittel, ein Zeichen. Beide Waffen sprechen verschiedene Abschreckungssprachen: der Tomahawk die der chirurgischen Konventionalität, die Oreschnik die der Unausweichlichkeit.
Die strategische Lücke und ihr Preis
Warum kauft Deutschland gerade jetzt? Die Antwort liegt in Kaliningrad. Russland hat dort Iskander-Kurzstreckenraketen mit einer Reichweite von rund 500 Kilometern stationiert – die komplette Ostseeküste und Teile Polens liegen im Zielbereich. Der INF-Vertrag, der land-gestützte Mittelstreckenraketen verboten hatte, ist seit 2019 tot. NATO-Mitglieder östlich der Weichsel haben seit Jahren auf die entstehende Abschreckungslücke hingewiesen.
Deutschland reagiert – aber spät und abhängig. Denn der Tomahawk-Kauf ist politisch nicht ohne Preis. Wer das System betreibt, braucht US-amerikanische Wartung, US-amerikanische Ersatzteile, US-amerikanische Freigaben für Software-Updates. Die Stationierung auf deutschem Boden mit Typhon-Batterien bedeutet: Deutschland zieht eine Zielmarkierung auf sich selbst. Russland hat das bereits als Eskalation bezeichnet; die Friedenskooperative warnt vor verkürzter Vorwarnzeit auf beiden Seiten.
Genau hier liegt der ernsteste Einwand, den diese Analyse nicht wegdiskutieren kann: Abschreckung funktioniert nur, wenn der Gegner ihr glaubt – und wenn die eigene Seite willens ist, das Instrument im Ernstfall einzusetzen. Ein Marschflugkörper mit 1.600 Kilometern Reichweite, der von deutschem Boden aus tief in russisches Territorium fliegen könnte, verändert die russische Risikorechnung. Ob in die richtige Richtung, hängt von Intentionen ab, die sich nicht aus Spezifikationsblättern ablesen lassen.
Europäische Souveränität als Langzeitprojekt
Merz hat die europäische Eigenentwicklung als paralleles Ziel benannt. Das Projekt „European Long-Range Strike Approach" (ELSA) existiert; konkrete Lieferpläne oder Stückzahlen gibt es bislang nicht. Das IISS ordnet Deutschlands Schritt in einem Papier vom August 2025 als „Rückkehr ins Raketenzeitalter" ein – und betont, dass die Tomahawk-Beschaffung strukturell eine Brückenlösung ist, solange europäische Systeme fehlen.
Die Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik und die Heinrich-Böll-Stiftung haben die Spannungslage im April 2026 analysiert: Ein Land, das sicherheitspolitische Autonomie will, kauft sich in eine Abhängigkeit hinein, aus der es sich erst durch eigene Industriepolitik befreien kann. Das dauert Jahrzehnte. Die Tomahawks sind frühestens 2031 einsatzbereit. ELSA-Systeme – falls gebaut – kämen noch später.
Der Bundestag hat bislang keine Abstimmung über den Kauf gehalten; die Finanzierung über das Sondervermögen umgeht die reguläre Haushaltsdebatte. Ob der US-Kongress dem Verkauf zustimmt – technisch Pflicht im Rahmen des Foreign Military Sales-Verfahrens – gilt als wahrscheinlich, steht aber noch aus.
Was bleibt: Deutschland hat sich entschieden, eine Fähigkeit zu kaufen, die es bislang nicht hatte, von einem Partner, von dem es zunehmend unabhängig werden will. Die Abschreckung wird dadurch robuster – die strategische Autonomie nicht. Ob beides zusammen wächst, entscheidet sich weniger in den Hangars, in denen 2031 die ersten Typhon-Batterien aufgestellt werden, als in den Budgetbeschlüssen und Kooperationsverhandlungen, die bis dahin noch ausstehen.
