Wladimir Putin hat im Sommer 2026 ein Problem, das sich nicht wegmoderieren lässt. In über 90 % der russischen Regionen fehlt Kraftstoff, an Tankstellen wird rationiert, die Moscauer Benzinpreise liegen 30 % über dem Vorjahr – und die strategischen Reserven reichen bei sommerlichem Verbrauch noch gut zwei Wochen. Vizepremier Alexander Nowak sprach von einer „vorübergehenden" Lage. Das stimmt in dem Sinne, dass jede Lage vorübergeht. Es erklärt nichts.
Die Ursache ist präzise benennbar. Seit Anfang 2025 greifen ukrainische Langstreckendrohnen systematisch russische Ölraffinerien an. Die getroffenen Anlagen stehen für mehr als 30 % der russischen Benzin- und rund 25 % der Dieselproduktion. Allein im April 2026 wurden mindestens 14 Raffinerien und Terminals attackiert; die Saratow-Raffinerie stellte den Betrieb vollständig ein. Im Juni lag die Benzinproduktion bei etwa 65 % des saisonal üblichen Verbrauchs – ein Rückgang von rund 25 % gegenüber dem Vorjahresmonat. Täglich fehlen zwischen 40.000 und 45.000 Tonnen Benzin, was etwa 35 % des Tagesbedarfs entspricht.
Das ist kein Ausreißer. Das ist Systemschaden.
Das stärkste Gegenargument zuerst. Man kann einwenden, Russland habe bereits bewiesen, dass es unter Druck improvisieren kann: Sanktionen wurden umgangen, Lieferketten umgeleitet, Exporterlöse durch Rabattgeschäfte mit Indien und China teilweise kompensiert. Auch jetzt zieht Moskau Notmechanismen. Es hat den Export von Diesel bis Ende Juli gestoppt und Benzin- sowie Kerosinausfuhren eingeschränkt. Es erwägt Kraftstoffimporte aus Belarus, Kasachstan und Indien. Es hat Umweltstandards gelockert und den Verkauf von Benzin nach Euro-2- und Euro-3-Norm wieder erlaubt – schlechtere Qualität, aber mehr Menge. Staatsreserven werden angezapft. Der Kreml hat Spielmasse.
Nur erklärt das nicht, warum diese Krise eine andere Qualität hat als die Sanktionsrunden der Vorjahre.
Sanktionen treffen den Austausch, Drohnen treffen die Produktion. Wenn ein Abnehmerland wegfällt, sucht Russland einen neuen – und findet ihn, billiger. Wenn eine Raffinerie brennt, ist das Barrel nicht umgeleitet, sondern schlicht nicht produziert. Die Reparaturkapazitäten sind begrenzt, ausländische Ersatzteile wegen der Sanktionen schwer beschaffbar, und jede reparierte Anlage ist erneut ein Drohnenziel. Kpler-Daten zeigen, dass die russischen Diesel- und Gasölexporte im Juli drastisch sanken – nicht weil Russland sie nicht verkaufen will, sondern weil es sie nicht in ausreichender Menge herstellt.
Das Ergebnis ist eine Zwangslage, die sich durch keine Handelsstrategie auflösen lässt. Exportverbote retten den Binnenmarkt kurzfristig, kosten aber Devisen. Importe ersetzen heimische Produktion nur teilweise und zu höheren Kosten. Die russischen Öl- und Gaseinnahmen brachen im ersten Quartal 2026 um 45,4 % ein – eine Zahl, die jede Rede von einem stabilen Kriegshaushalt der Nachprüfung aussetzt.
Die militärische Dimension ist real, aber unscharf. Die Ukraine bezeichnet ihre Drohnenangriffe öffentlich als „Langstreckensanktionen" gegen den Staatshaushalt. Beides stimmt gleichzeitig: Die Raffinerie, die kein Diesel produziert, schmälert Exporteinnahmen und beeinträchtigt zugleich Militärlogistik. Polnische Radio-Beobachter vermelden, dass russische Transportlogistik durch die Drohnenangriffe zunehmend unter Druck gerät. Eine belastbare Trennung zwischen wirtschaftlichem und militärischem Schaden lässt sich aus dem verfügbaren Material nicht herleiten – was aber nichts an der Feststellung ändert, dass beides leidet.
Was lässt sich über Putins Position sagen? Sie ist schwieriger als vor einem Jahr – das lässt sich belegen. Ob die Kraftstoffkrise politisch destabilisierend wirkt, lässt sich nicht belegen. Russland hat gezeigt, dass Versorgungsengpässe nicht automatisch in offenen Widerstand umschlagen. Wer das Gegenteil behauptet, argumentiert mit Wunschdenken, nicht mit Evidenz.
Was sich mit Evidenz sagen lässt: Der Kreml zahlt für diesen Krieg mittlerweile in einer Währung, die er nicht drucken kann. Die russische Zentralbank erwähnt den Benzinproduktionsrückgang ausdrücklich in ihrer Zinserklärung. Der Unternehmerverband RSPP bittet die Zentralbank, wegen der Kraftstoffpreise auf Zinserhöhungen zu verzichten – ein Zeichen, dass die Industrie die Lage nicht als vorübergehend einschätzt. Fahrschulen sagen Prüfungen ab, Airlines streichen Flüge wegen Kerosinmangels. Die Ernte ist gefährdet, weil Landmaschinen kein Diesel bekommen.
Strategische Fehlentscheidungen zeigen sich selten mit Ansage. Putins Kalkulation, eine auf Fossilexporte gestützte Kriegswirtschaft sei sanktionsresistent, war nicht dumm – sie stimmte lange. Die Drohnenkampagne hat die Prämisse verändert. Russland kann Öl nicht exportieren, das seine Raffinerien nicht verarbeiten. Es kann eine Armee nicht mit Kraftstoff versorgen, der an Tankstellen rationiert wird. Und es kann seine Reserven nicht gleichzeitig für den Binnenmarkt, die Militärlogistik und den Exportmarkt strecken.
Zwei Wochen Reserven, 35 % Tagesdefizit, 45 % Einnahmeneinbruch – das sind keine Indikatoren einer Volkswirtschaft, die den langen Atem hat, den ihr der Kreml zuschreibt.
