Katherina Reiche hat ein Problem mit Zahlen. Nicht mit Statistik generell – das wäre unfair. Aber mit dieser einen, zentralen Zahl, auf die sie ihre gesamte Argumentation zur EU-Methanverordnung stützt: dem behaupteten Mangel an regelkonformem Gas auf dem Weltmarkt ab 2027.

Die Wirtschaftsministerin hat dem tschechischen Vorstoß zur Aussetzung der Verordnung auf EU-Ebene zugestimmt – ohne Rücksprache mit dem Koalitionspartner, wie Umweltminister Carsten Schneider öffentlich rügte. Ihr Argument: Ab 2027 müssen Importeure fossiler Brennstoffe nachweisen, dass ihre Lieferanten vergleichbare Mess-, Berichts- und Verifizierungsstandards einhalten. Das, so Reiche, gefährde die Versorgungssicherheit und könne Engpässe bei Flüssiggas und Kerosin verursachen.

Das klingt nach Pragmatismus. Es ist Lobbyecho.

Das Beratungsunternehmen Rystad Energy hat das konforme Gasangebot für 2027 auf das Doppelte der gesamten EU-Gasnachfrage geschätzt. Die Internationale Energieagentur geht noch weiter: Allein durch Reduktion von Methanschlupf – also durch bessere Umsetzung genau jener Pflichten, die Reiche aussetzen will – ließen sich bis zu 200 Milliarden Kubikmeter Gas zusätzlich mobilisieren. Das ist fast das Dreifache der deutschen Jahresimporte. Die Verordnung schafft kein Versorgungsproblem; sie könnte eines lösen.

Das stärkste Argument der anderen Seite verdient trotzdem seinen Platz. Achtzig Prozent der in der EU verbrauchten fossilen Brennstoffe kommen aus Importen. Eine Verordnung, die ab 2027 von Lieferanten aus dem Oman, Katar oder den USA vergleichbare Monitoring-Standards verlangt, ist kein technisches Detail – sie ist ein regulatorischer Hebel, dessen Reichweite weit über EU-Grenzen geht. Eine Studie von Wood Mackenzie schätzt, dass 43 Prozent der EU-Gasimporte und bis zu 87 Prozent der Ölimporte bei strikter Auslegung als nicht-konform eingestuft werden könnten. Das ist kein irrelevantes Risiko, und wer es wegdiskutiert, lügt sich in die Tasche.

Aber der richtige Schluss daraus ist nicht Aussetzung. Er ist Verhandlung: bilaterale Abkommen mit Lieferländern, technische Unterstützung beim Aufbau von MRV-Systemen, realisierbare Übergangsfristen für einzelne Produktkategorien. Genau das sieht die Verordnung vor; die EU-Kommission prüft bereits ein Sanktionsmoratorium bis Ende 2029. Der Spielraum existiert. Reiche nutzt ihn nicht – sie fordert das Ende des Spielfelds.

Dabei ist die eigene Hausaufgabe noch nicht erledigt. Laut einer Analyse von Table Media erfüllt rund ein Drittel der über 800 betroffenen deutschen Öl- und Gasunternehmen seine Berichtspflichten nicht oder nur unzureichend – und greift stattdessen auf allgemeine Emissionsfaktoren zurück, die präzise Messungen ersetzen sollen. Die Deutsche Umwelthilfe hat Klage auf Offenlegung von Reiches Kontakten zur US-Gaslobby eingereicht. Das ist noch keine belegte Verwicklung, aber es ist eine Frage, die offen bleibt und beantwortet werden muss.

Messung, Berichterstattung, Verifizierung – MRV – klingt bürokratisch. Es ist die Grundbedingung dafür, dass Klimaziele mehr sind als Erklärungen. Methan wirkt über zwanzig Jahre betrachtet etwa achtzig Mal stärker als CO₂. Die IEA schätzt, dass die tatsächlichen Methanemissionen der Kohle-, Öl- und Gaswirtschaft bisher um bis zu 80 Prozent unterschätzt wurden. Eine Verordnung, die genau das sichtbar machen soll, auszusetzen bedeutet: weiterhin im Dunkeln regieren.

Für Merz ist das mehr als ein Ressortkonflikt. Sein Kanzleramt moderiert eine Koalition, in der die SPD-Ministerien öffentlich protestieren und andeuten, bei anderen Themen ähnlich unabgestimmt vorzugehen. Der Schaden an der Geschäftsgrundlage der Zusammenarbeit ist bereits eingetreten. Dass der Konflikt auf offener Bühne ausgetragen wird – Schneider rüffelt Reiche via Tagesspiegel, Table Media dokumentiert weitere Provokationen des Wirtschaftsministeriums – zeigt: Das ist kein einmaliger Ausrutscher, sondern Muster.

Deutschland hat sich verpflichtet, Methanemissionen bis 2030 um 30 Prozent gegenüber 2020 zu senken. Das Umweltbundesamt konstatiert: Die bisherigen Reduktionen sind zu langsam. Wer das Instrument aussetzt, das die Messung überhaupt erst ermöglicht, macht das Ziel zur Dekoration.

Reiche darf Versorgungssicherheit priorisieren. Sie darf Handelsinteressen geltend machen. Aber sie sollte Zahlen nennen, die stimmen – und nicht Argumente vortragen, die von der Lobby stammen, für die sie gerade arbeitet.