Drei Bruchlinien ziehen sich durch die Debatte: die Minijob-Grenze von 603 Euro monatlich, die Frage nach dem Beamtenprivileg und die Finanzierungsarchitektur des Rentensystems. Alle vier hier verglichenen Fraktionen haben dazu Programmpositionen — aber die Umsetzungsspuren sind ungleich dicht.

Die Reihenfolge folgt der aktuellen Fraktionsgröße im Bundestag.


CDU/CSU

Programm. Das Wahlprogramm 2025 setzt auf drei Säulen: die „Aktivrente" als steuerfreien Hinzuverdienst für Rentner bis 2.000 Euro monatlich, die Stärkung der betrieblichen Altersvorsorge und eine kapitalgedeckte Ergänzungskomponente zur gesetzlichen Rentenversicherung. Die Rente mit 63 für besonders langjährig Versicherte soll abgeschafft oder zumindest eingeschränkt werden.

Geste. Kanzler Friedrich Merz hat nach der Abstimmung zur Aktivrente öffentlich betont, das Modell biete Rentnern „Freiheit statt Bürokratie". CSU-Chef Markus Söder warnte gleichzeitig vor einem Ende der Minijobs: Sie seien unverzichtbar für Gastronomie und Tourismus. Beide Aussagen zielten auf dieselbe Wählergruppe — Rentner mit Nebenverdienst.

Umsetzungsspur. Das erste Rentenpaket der Koalition passierte den Bundestag im Dezember 2025. Es enthält die Aktivrente, eine Stärkung der Betriebsrente und eine Haltelinie beim Rentenniveau bis 2039. Die Minijob-Frage — ob Rentner ihren Status dauerhaft behalten — ist laut Koalitionsbeschluss auf Herbst 2026 vertagt. Die Pauschalsteuer für Minijobs steigt von zwei auf fünf Prozent; das trifft Arbeitgeber oder Arbeitnehmer je nach Vertragsgestaltung. Zum Beamtenprivileg existiert kein Antrag und kein Beschluss.


SPD

Programm. Die SPD will die gesetzliche Rentenversicherung als Kernsäule halten, das Rentenniveau bei 48 Prozent stabilisieren und lehnt eine automatische Kopplung des Renteneintrittsalters an die Lebenserwartung ab. Langfristiges Ziel ist eine „Bürgerversicherung", in die alle Erwerbstätigen einzahlen — einschließlich Selbstständiger und, mit Einschränkungen, Beamter.

Geste. SPD-Vizekanzler Lars Klingbeil betont in Interviews das Bild einer „stabilen Rente für alle". Die Partei-Website trägt seit Jahren den Slogan „Rente ist keine Almosen-Leistung". Konkret zur Minijob-Frage positionierte sich SPD-Abgeordnete Annika Klose, Mitglied der Rentenkommission: Sie hält Ausnahmen für Studenten für diskutierbar, lehnt die Fortsetzung für Rentner aber ab — eine abweichende Nuance zur Koalitionslinie, die das Herbst-Fenster noch offenlässt.

Umsetzungsspur. Als Koalitionspartner trug die SPD das erste Rentenpaket mit — inklusive der Haltelinie beim Rentenniveau, die ihrem Programm entspricht. Gleichzeitig empfahl die Rentenkommission, der auch SPD-Mitglieder angehörten, die vollständige Abschaffung des Minijob-Sonderstatus außer für Schüler. Die Koalition hat diese Empfehlung nicht umgesetzt; Rentner behalten vorerst ihren Minijob-Status. Hier klaffen Kommissionsempfehlung und Koalitionshandeln der SPD sichtbar auseinander. Zur Bürgerversicherung und zum Beamtenprivileg liegt kein Gesetzentwurf vor.


Bündnis 90/Die Grünen

Programm. Die Grünen fordern im Bundestagswahlprogramm 2025 die Weiterentwicklung der gesetzlichen Rentenversicherung zu einer Erwerbstätigenversicherung, in die alle — auch Beamte und Selbstständige — einzahlen. Das Rentenniveau soll gesichert, Altersarmut aktiv bekämpft werden. Gegenüber Minijobs sind die Grünen grundsätzlich kritisch: Sie sehen das Modell nicht als Brücke in reguläre Beschäftigung, sondern als strukturelle Armutsfalle.

Geste. Die Bundestagsfraktion veröffentlichte nach dem Beschluss der Rentenkommission eine Stellungnahme, die die 33 Empfehlungen als „richtigen Rahmen" begrüßte und die Koalition zur vollständigen Umsetzung aufforderte — ohne eigene Drucksache als Anker. Habeck, der nach der Wahl im Februar 2025 sein Mandat zum 1. September 2025 abgab, ist in dieser Debatte kein aktiver Akteur mehr.

Umsetzungsspur. Die Grünen sitzen seit Februar 2025 in der Opposition. Konkrete Anträge oder Drucksachen der Grünen-Fraktion zur Rentenreform, zur Minijob-Reform oder zum Beamtenprivileg in der 21. Wahlperiode sind in den vorliegenden Quellen nicht belegt. Ihre Umsetzungsspur läuft aktuell über Opposition und öffentliche Stellungnahme — nicht über parlamentarische Initiativen, die in der Recherche nachweisbar wären. Diese Lücke ist kein Versäumnis des Vergleichs, sondern der Stand der Recherche.


Die Linke

Programm. Die Linke fordert ein Rentenniveau von 53 Prozent des Durchschnittslohns und eine Mindestrente von 1.250 Euro netto. Die Rente mit 67 soll abgeschafft, kapitalgedeckte Komponenten abgelehnt werden. Kernforderung: eine Solidarische Erwerbstätigenversicherung, in die alle Erwerbstätigen einzahlen — ausdrücklich auch Beamte, Politiker und Selbstständige. Damit ist Die Linke die einzige Fraktion, die das Beamtenprivileg in ihrem Programm explizit und strukturell angreift.

Geste. Die Partei nutzt die Debatte um Altersarmut und Beamtenpensionen regelmäßig als Mobilisierungsthema. Die Gegenüberstellung — Pensionen im Schnitt bei 3.416 Euro brutto, gesetzliche Altersrente bei rund 1.154 Euro (Stand Januar 2025) — gehört zum Standardrepertoire ihrer Argumentation.

Umsetzungsspur. Die Linke ist mit einer kleinen Fraktion im Bundestag vertreten. Konkrete Drucksachen oder namentliche Abstimmungen zur Rentenpolitik in der laufenden 21. Wahlperiode sind in den vorliegenden Quellen nicht belegt — die Fraktion ist zu klein, um Gesetzgebungsinitiativen gegen die Koalitionsmehrheit durchzusetzen. Ihr Programm formuliert den weitest gehenden Systemumbau; die Umsetzungsspur ist entsprechend dünn.


Beamtenprivileg: Bruchlinie ohne parlamentarische Konsequenz

Zum 1. Januar 2025 bezogen 1.350.680 ehemalige Beamte ein Ruhegehalt von durchschnittlich 3.416 Euro brutto. Die durchschnittliche gesetzliche Altersrente lag zeitgleich bei rund 1.154 Euro. Eine INSM-Umfrage ermittelte, dass 81 Prozent der Deutschen wollen, dass neu eingestellte Staatsbedienstete in die gesetzliche Rentenversicherung einzahlen. Die OECD fordert eine Abschaffung der Beamtenpensionen aus Gerechtigkeitsgründen. Die Ausgaben könnten bis 2060 auf 120 Milliarden Euro jährlich steigen.

Das Ergebnis im Parlament: kein Antrag, kein Beschluss, keine Koalitionsverhandlung zu diesem Thema in der laufenden Legislatur — von keiner der fünf Fraktionen. CDU/CSU und SPD regieren; Grüne, Linke und AfD sind in der Opposition. Alle programmatischen Positionen zur Einbeziehung von Beamten in die Rentenversicherung bleiben ohne parlamentarische Umsetzungsspur.


Rentenkommission als gemeinsamer Referenzpunkt

Die Rentenkommission legte 2026 33 Empfehlungen vor, darunter die Abschaffung des Minijob-Sonderstatus (außer für Schüler) und die Einbeziehung aller Erwerbstätigen in die Alterssicherung. Die IG Metall begrüßte das Modell einer Erwerbstätigenversicherung ausdrücklich. Die Koalition aus CDU/CSU und SPD hat die Empfehlungen zur Kenntnis genommen, aber bislang nicht umgesetzt — die Minijob-Entscheidung ist auf Herbst 2026 vertagt, zur Erwerbstätigenversicherung gibt es keinen Gesetzentwurf. Wer die Kommissionsempfehlungen als Maßstab nimmt: Alle vier hier verglichenen Fraktionen haben programmatisch Schnittmengen — aber die Umsetzungslücke klafft vor allem bei der Koalition, die die Mehrheit hätte.